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Ende März demonstrierten Menschen mit asiatischen Wurzeln am Brandenburger Tor gegen Rassismus. Foto: privat
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Umfrage zu Diskriminierung in Berlin Corona verschärft den Rassismus gegen asiatisch gelesene Menschen

Weil Corona als asiatisches Virus wahrgenommen wird, hat sich die Diskriminierung gegen als asiatisch gelesene Menschen in der Stadt verschärft.

Sie werden gemieden, beschimpft und attackiert: Weil Corona als ein asiatisches Virus wahrgenommen wird, schlägt asiatisch gelesenen Berliner:innen seit dem Beginn der Coronakrise vermehrt Diskriminierung und Rassismus entgegen. Bei den Betroffenen folgt auf Angst vor allem Unmut darüber, dass öffentliche Reaktionen und Maßnahmen trotz engagierter Arbeit von ehrenamtlichen Organisationen bislang ausbleiben.

Eine jüngst erschienene Studie der Gesellschaft für psychosoziale Gesundheitsförderung bei Migrant:innen in Berlin (GePGeMi) lässt erahnen, was ein Jahr Coronakrise für asiatische Communities bedeutet. An der auf sieben unterschiedlichen Sprachen durchgeführten Online-Umfrage nahmen insgesamt 88 Berliner:innen teil, die während der Pandemie mit Diskriminierung konfrontiert wurden. Zu 83 Prozent handelt es sich bei ihnen um Menschen, die als asiatischstämmig wahrgenommen werden.

Von den Befragten gaben rund 69 Prozent an, mehr Diskriminierungserfahrungen als noch vor der Pandemie gemacht zu haben. Dass sie bereits vor der Verbreitung von Corona durch ihre Mitmenschen diskriminiert wurden, sagten 70 Prozent der Teilnehmer:innen. Die Studie kommt zudem zu dem Schluss, dass die häufigsten Übergriffe in der Öffentlichkeit und während der Freizeit (72 Prozent), im Rahmen privater Dienstleistungen (52 Prozent) sowie im Internet (30 Prozent) stattfinden.

Jieun Park von der GePGeMi erkennt den negativen Trend, weiß aber auch, dass die Pandemie lediglich etwas verstärkt, das schon vorher da war. Asiatisch gelesene Menschen in der Hauptstadt hätten sich längst daran gewöhnt, rassistisch motivierten Konflikten im Alltag aus dem Weg zu gehen oder sie zu ignorieren. „Die meisten versuchen, solche Dinge einfach zu verdrängen“, sagt Park. Dies ändere allerdings nichts an der psychischen Belastung für die Betroffenen.

Doch selbst wer sich an die Behörden wendet, wird mitunter nicht ernst genommen. Als ein südkoreanisches Pärchen voriges Jahr in einer Berliner U-Bahn attackiert wurde, wollte die Polizei zunächst keine Anzeige aufnehmen. Dies geschah erst, als sich die Botschaft Südkoreas einschaltete. Auch die südkoreanischen Medien berichteten über den Fall.

Rassismus wird zu wenig aufgearbeitet

„Manche Rassismen werden einfach nicht anerkannt“, sagt Toan Nguyen von der Bildungswerkstatt Migration. Der Pädagoge befasst sich in seiner Doktorarbeit mit Rassismuserfahrungen von Schüler:innen. Der deutschen Mehrheitsgesellschaft attestiert er mangelnde Sensibilität für antiasiatische Rassismen. Den Grund dafür sieht er vor allem in der fehlenden Aufarbeitung von strukturellem und historischem Rassismus.

Laut Nguyen gelten asiatisch gelesene Menschen schon seit Ende des 19. Jahrhunderts als sogenannte „Vorzeigemigrant:innen“. Preußen habe Chines:innen für die Landarbeit anwerben wollen, da sie als fleißig und diszipliniert galten. Widerstände in der chinesischen Kolonie ließ Wilhelm II. zu Beginn des 20. Jahrhunderts blutig niederschlagen. Das Aufbäumen deutete der deutsche Kaiser als Affront gegen die vermeintliche Höherwertigkeit der kolonialen Mächte.

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Nguyen sagt: „Viele Deutsche wissen nicht einmal, dass ihr Land Kolonialmacht in China war.“ Die Übergriffe in Hoyerswerda 1991 und Rostock-Lichtenhagen 1992 seien aus dem Bewusstsein verschwunden. Auf den Berliner Schulhöfen werde „Chinese“ zunehmend als Schimpfwort gebraucht.

„Es wurde nach Sündenböcken in der Krise gesucht“

Diese Bildungslücken zu schließen, hält auch Jee-Un Kim vom asiatisch-deutschen Netzwerk Korientation für überfällig. Sie verweist auf den strukturellen Charakter hinter antiasiatischem Rassismus und fordert eine stärkere Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte im Bildungssystem.

Kritik übt Kim auch an der Presse, die sich in der Corona-Berichterstattung antiasiatischer Rassismen bedient habe. „Es wurde von Anfang an nach Sündenböcken in der Krise gesucht“, sagt Kim. Die deutschen Medien hätten Bilder geschürt, die sich nicht sonderlich von der Stimmungsmache des ehemaligen US-Präsidenten unterschieden. Immer wieder forcierte Donald Trump das Narrativ der „gelben Gefahr“ durch den Wirtschaftsaufsteiger China.

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Seit knapp einem Jahr dokumentiert Korientation antiasiatische Rassismen in der deutschen Presselandschaft. Mit den bisherigen Reaktionen ist Kim unzufrieden: „An den Entschuldigungen kann man sehen, dass sie es nicht verstanden haben.“

Aktivist:innen sorgten mit „Ich bin kein Virus“ für Aufmerksamkeit

Korienation ist nur ein Beispiel dafür, wie sich die asiatische Diaspora seit Beginn der Pandemie zur Wehr setzt: Kurz nach dem Beginn der Pandemie gründeten Aktivist:innen die Internetplattform ichbinkeinvirus.org. Auf der Webseite sind auch Erfahrungsberichte über Diskriminierungen nachzulesen. Nicht wenige der Fälle sind aus Berlin.

Thi Minh Huyen Nguyen ist nach einem Jahr ehrenamtlicher Arbeit für die Initiative frustriert: „Das Problem gibt es nicht erst seit der Pandemie und wird so auch nicht besser werden.“ Zwar hätten die rassistischen Gewalttaten in den USA die Aufmerksamkeit erhöht, die Reflexe blieben jedoch dieselben. Die Öffentlichkeit zeige sich zwar entsetzt, über politische Konsequenzen wolle jedoch niemand sprechen.

„Ich kann mich nicht erinnern, dass sich Politiker:innen – egal ob in Berlin oder bundesweit – zu dem Thema geäußert haben“, sagt Nguyen. Nach wie vor sei die asiatische Diaspora nicht einmal im nationalen Aktionsplan gegen Rassismus gelistet. Für die deutsche Mehrheitsgesellschaft sei es Zeit, etwas zu tun: „Seht uns! Hört uns zu! Fördert und beschützt uns!“

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