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Die BVG will den U-Bahnhof Mohrenstraße umbenennen. Foto: Annegret Hilse/Reuters
© Annegret Hilse/Reuters

Umbenennung von Straßen und U-Bahnhöfen Die Mohrenstraße kann weg, Kolumbus muss bleiben

Geschichte ist nicht eingefroren – aber wir können sie auch nicht hastig über Bord werfen. Es braucht Zeit und nicht nur Zorn für Veränderungen. Ein Kommentar.

Da will man sich an die Spitze gesellschaftlicher Entwicklungen stellen, und es endet in einem Fiasko. Der Mohr soll weg.

Stattdessen soll Glinka her. Michael Iwanowitsch Glinka, ein russischer Komponist, laut Wikipedia der Schöpfer einer eigenständigen klassischen russischen Musik. Leider steht bei Wikipedia nicht, dass der nationalistische Glinka wohl nicht ganz frei von antisemitischem Gedankengut war.

Von Fortschritt kann man bei diesem Namensvorschlag der BVG für den U-Bahnhof Mohrenstraße in Berlin-Mitte also nicht sprechen.

Es ist aber zu einfach, nun auf die BVG einzuschlagen. Sie will dem Zeitgeist Rechnung tragen und zugleich – ganz banal, aber praktisch – Reisenden Orientierung bieten, indem der Name der U-Bahnstation einen Bezug zu Gebäuden oder Straßen seiner Umgebung hat.

Sicher sollte ein Wikipedia-Eintrag nicht Grundlage für die Entscheidung sein. Doch die Irrungen zeigen, wie schwierig es ist, Zeitgeist und Geschichte unter einen Hut zu bringen.

Geschichte ist nicht eingefroren

Menschen sind komplizierte Wesen, oft widersprüchlich. Ebenso ist die von Menschen gemachte Geschichte komplex, enthält parallele und widersprüchliche Entwicklungen. Und sie ist nicht eingefroren. Sogar die Geschichtswissenschaft hat eine eigene Geschichte, in Verbindung mit gesellschaftlichen Entwicklungen, so dass Quellen immer wieder in neuem Licht betrachtet und beurteilt werden.

Das ist gut, und es ist der Grund, warum wir uns jetzt im Zuge der „Black Lives Matter“-Bewegung weltweit Gedanken machen, ob manche Ehrungen von Personen in Form von Namen für Straßen oder U-Bahnhöfe noch tragbar sind, oder ob Namen für bestimmte gesellschaftliche Gruppen womöglich unerträglich diskriminierend sind.

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Aber Hauruck-Verfahren sind dafür ungeeignet. Auch wenn heutzutage immer alles ganz schnell gehen muss, bevor der nächste Shitstorm losbricht. Schließlich geht es um ernsthafte Empfindungen, aber auch um den Umgang mit der Geschichte. Und dafür braucht man Zeit, nicht nur Zorn.

Kolumbus ist nicht wie Sklavenhändler späterer Jahrhunderte

Und man muss genau hinschauen. Wenn jetzt in den USA Statuen des Entdeckers Christoph Kolumbus niedergerissen werden, wird damit die Geschichte verleugnet.

Den italienischen Seefahrer in Diensten des Königreichs Kastilien aus dem 16. Jahrhundert, natürlich seinem Zeitgeist verhaftet, für den Völkermord an den Ureinwohnern Amerikas verantwortlich zu machen, hält historischer Überprüfung nicht stand.

Ihn mit den Sklavenhändlern späterer Jahrhunderte in einen Topf zu werfen, auch nicht. Diese haben zwar auch eine historische Rolle gespielt, es gibt aber keinen Grund, sie heute noch zu ehren.

Eine Statue des Entdeckers Christoph Kolumbus wird in New Haven abgebaut, weil einige Gruppen ihn als Unterdrücker der Eingeborenen brandmarken. Foto: imago images/ZUMA Wire Vergrößern
Eine Statue des Entdeckers Christoph Kolumbus wird in New Haven abgebaut, weil einige Gruppen ihn als Unterdrücker der Eingeborenen brandmarken. © imago images/ZUMA Wire

Keine Gesellschaft ist ohne ihre Vergangenheit zu verstehen. Deshalb ist das derzeitige Rendezvous mit der Geschichte die Chance, zu erkennen, wie sie unsere Gesellschaften prägt und wie wir das, was wir als negativ empfinden, ändern können – in einigen Fällen auch durch Namensänderungen, wenn darüber ein gesellschaftlicher Konsens besteht. Mit hastigen Umbenennungen allein ist wenig gewonnen.

Christoph Kolumbus aus dem amerikanischen Straßenbild und womöglich den Geschichtsbüchern zu tilgen ist etwas anderes, als den Berliner U-Bahnhof Mohrenstraße umzubenennen.

[„Der Mohr war Eroberer, kein Sklave“: Warum ein Historiker der Meinung ist, dass die Mohrenstraße weiter Mohrenstraße heißen soll. Lesen Sie mehr mit einem Tagesspiegel-Plus-Abo, 30 Tage lang kostenlos zur Probe.]

Damit würde kein Kapitel der deutschen Geschichte unterschlagen. Der Bahnhof trägt den Namen ja erst seit dem 3. Oktober 1991 – woran wir wunderbar ablesen können, wie sich unsere Gesellschaft verändert hat.

Die Historie des Bahnhofs ist überhaupt ein herrlicher Geschichts-Ausflug: Erst Kaiserhof, dann Thälmannplatz und schließlich Otto-Grotewohl-Straße.

Vielleicht gibt es ja eine ganz einfache, naheliegende Lösung: Maurenplatz. Das ist wahrscheinlich die ursprüngliche Herkunft des „Mohren“– die Mauren waren die Berber Nordafrikas, der ehemals römischen Provinz Mauretanien, die von arabischen Stämmen islamisiert wurden und ab 711 die iberische Halbinsel eroberten. In Al-Andalus florierten jahrhundertelang Kunst und Wissenschaft des Mittelmeerraums bei zumindest teilweiser Toleranz des Anderen. Anstößig?

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