Fetisch Auto. Je näher das Ende des Pkw-Zeitalters rückt, desto stärker wird seine Idealisierung. Foto: Sven Murawski
© Sven Murawski

Tuning-Szene unter Raser-Verdacht „Weil’s geil ist“

Sie gehen an Grenzen, von Technik, Look, Geschwindigkeit. Sie denken, sie haben alles im Griff. Bis sie es nicht mehr haben. Einblicke in eine gespaltene Szene.

Diesmal habe er „ein bisschen übertrieben“, sagt Jörg Köstermann. Beinahe entschuldigend blickt er dabei nach oben. Unter der Decke seiner Garage schwebt, was er meint: ein VW Käfer. Oder was von ihm übriggeblieben ist.

Übertrieben?

„Naja“, sagt er, „von der Motorisierung her, von den Zubehörteilen, vom Fahrwerk, den Reifen und allem, was drinnen verbaut worden ist. Elektrik, Dashboard, Trockensumpfanlage.“

Jörg Köstermann, 55 Jahre alt, greift zum CEE-Anschluss für die Hebebühne, die das Gefährt in luftiger Höhe hält, schiebt ihn in die Steckdose, drückt auf den Knopf. Langsam sackt es in die Tiefe.

Nach einem Käfer, Baujahr 1967, sieht das chrom-glitzernde Fahrwerkgestänge mit seinen makellosen Bodenblechen nicht aus. Nicht wie das Volksauto für jedermann, von dem 21,5 Millionen Exemplare verkauft worden sind. Nicht mal wie ein normales Auto.

Auf den Seitentüren steht in Comic-Lettern „Little Bomb“.

Köstermann zieht eine weiche Stoffplane von der Karosserie und setzt sich hinein. Er pumpt ein paar Mal mit dem Gaspedal, dann dreht er den Zündschlüssel. Nichts. Nochmal.

Als der Motor anspringt, brodelt und pfeift die Maschine, als würde sie vor Kraft platzen. Köstermann hört genau hin. Drückt die Drehzahl nach oben und da ist er: brüllender Lärm. Rennwagenlärm. Das Zischen der angesaugten Luft, das dumpfe Wummern der Abgase im Auspuff.

„Beim Fahren“, sagt er, müsse man stets „ein Ohr am Motor haben, aber mir kommt es nicht aufs Fahren an, sondern aufs Schrauben.“

In den langen, dunklen Winterstunden braucht er etwas, in das er sich versenken kann in dieser Garage in Schönwalde-Glien. Das Ergebnis macht ihn stolz.

Der Sound durchströmt ihn.

Little Bomb. Jörg Köstermann und sein Rennkäfer in Schönwalde-Glien. Sieben Jahre hat er an dem Oldtimer geschraubt. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Little Bomb. Jörg Köstermann und sein Rennkäfer in Schönwalde-Glien. Sieben Jahre hat er an dem Oldtimer geschraubt. © Kitty Kleist-Heinrich

„Darf nicht zu aufdringlich sein“, sagt er. „Daher kommt ja das Bild vom Spinner. Wenn es knallt bei Fehlzündungen oder wenn ein AMG-Benz den Kudamm rauf- und runterbrettert, verärgert das die Menschen verständlicherweise.“

„Gehör ich aber nicht zu.“

„Nicht in der Stadt.“

„Auf der Autobahn schon. Wenn es da einer drauf anlegt und die Strecke es freigibt, kann man das schon mal probieren.“

Was?

„Gas geben.“

Wie ein Draufgänger sieht Köstermann nicht aus. Schmal umrandete Brille, kurzes, helles Haar, leise Stimme. Er zählt zu einer kleinen Elite von Autonarren, die an die Grenze gehen. Sie denken, sie haben alles im Griff. Bis sie es plötzlich nicht mehr haben. Bei Köstermann ist dieses Spiel mit den Möglichkeiten noch immer gut gegangen.

Doch steht die Tuning-Szene im Ruf, Profilneurotiker anzuziehen, die ihre Fähigkeiten überschätzen und der fatalen Illusion absoluter Kontrolle erliegen. Unter Generalverdacht geraten ist sie, seit überzüchtete Autos sich auf den Prachtstraßen Berlins gefährliche Duelle liefern. Sonderkommissionen der Kriminalpolizei stellen ihnen nach. Im Jahr 2018 wurden offiziell 279 illegale Rennen registriert. Steht das im Verhältnis zu der Aufregung, die Tuning erzeugt?

Etwa 2500 Fans aufgemotzter Autos, so schätzt die Polizei, besuchen die regelmäßig stattfindenden Treffen an den Ausfallachsen – in Siemensstadt, in Mahlsdorf und in Adlershof. Einmal im Jahr wird das Olympiastadion von kunstvoll hergerichteten PS-Ungetümen und Klassikern okkupiert, die im Innenraum zu bewundern sind. Von rund 15.000 Besuchern.

Geile Karre als Konzept. Beim B96-Treff in Adlershof kommt regelmäßig Berlins Tuning-Szene zusammen. Foto: Ndré SztnKvics Photos Vergrößern
Geile Karre als Konzept. Beim B96-Treff in Adlershof kommt regelmäßig Berlins Tuning-Szene zusammen. © Ndré SztnKvics Photos

Tuner sind Fantasten. Sie geben sich nicht mit dem zufrieden, was ist. Sie verwandeln ein Auto in das idealisierte Bild von einem Auto, in das 1:1- Modell von etwas, das nur in ihrem Kopf existierte. Die Autoindustrie liefert ihnen den Rohstoff, um ein ein Unikat zu formen. Eine motorisierte Skulptur.

Allerdings würde Köstermann es nicht so ausdrücken. In seiner Garage vor den Toren Berlins, die ihm auch als Werkstatt dient, sagt er, dass er einem Auto „eine eigene Note verleihen“ wolle. Seine Note. „Ein normales Auto geht nicht“, meint er, „das ist Nullachtfünfzehn. Wenn man seinen Wagen auf einen großen Parkplatz stellt, erkennt man gar nicht, welcher der eigene ist.“

Mehr ist von ihm in dieser Sache nicht zu erfahren, wie auch andere Tuner, die für diese Geschichte interviewt wurden, meist ratlos auf Fragen nach dem Warum reagieren. Es entsteht dann immer eine Pause, als habe man einen Vorwurf formuliert. „Weil’s geil ist“, sagt einer. „Was mich stört, das will ich ändern“, meint ein anderer.

Brutal gegenüber dem Auto

Es ist Köstermanns 13. Käfer. An den Wänden der Garage hängen Bilder der Vorgänger, auf einem Bord stehen Pokale, die er mit ihnen gewonnen hat. Keines der Autos hat er dauerhaft behalten. Meistens nur eben so lange, dass er wusste, es besser hinbekommen zu können. Dieser Käfer, der 13., ist sein Meisterwerk. Jedenfalls glaubt Köstermann zum ersten Mal nicht, dass er sich Mangel an Ehrgeiz vorwerfen könnte.

„Mehr geht nicht“, sagt er. „Das heißt, ginge schon, aber das würde dann endgültig den Rahmen sprengen.“

Einen Porsche-Turbo mit drei Liter Hubraum und 252 PS zu erschaffen, war schon übertrieben genug, findet Köstermann. Sein Ehrgeiz hat ihn 63 000 Euro gekostet, er hat Buch geführt. Nicht mitgerechnet die Arbeitsstunden, die er in drei Jahren angesammelt hat. 1000 bis 1500 werden es wohl gewesen sein, schätzt er.

Was das über ihn sagt?

„Dass ich ein Perfektionist bin. Detailverliebt.“

Was er nicht mag: „Hartz-IV-Tuning“, bei dem wahllos irgendwelche Komponenten verbaut würden. Brutal gegenüber dem Auto, ohne dass etwas Anständiges dabei herauskommt.

Auch wichtig, dass er etwas Altes bewahre?

„Tue ich ja nicht. Ich kastriere den Wagen, indem ich so viele spezielle Teile verbaue, dass er mit einem 34-PS-Käfer nichts mehr zu tun hat.“

Zylinderköpfe aus Aluminium gefräst.

Türinnenverkleidungen aus Carbon.

Seitenfenster aus Acrylglas.

Gepolstertes Armaturenbrett.

Für die Kühlung ein Ölkreislauf, Trockensumpfanlage genannt, in dem zehn Liter zirkulieren.

„Es gibt bessere Tuner, klar“, sagt Köstermann. „Entweder weil sie eine große Halle besitzen, in der sie lackieren können. Oder sie sind selbst Lackierer. Oder sie kennen einen. Ich muss, wenn ich mein Auto wegbringe, immer bezahlen. Weiter kann ich nicht gehen.“

Über eine Rennstrecke in Meppen ist er mit 240 Sachen gebrettert.

Köstermanns Leidenschaft kommt vielen Menschen bizarr und gefährlich vor. Weil es auch solche Leute gibt, die jedes Gespür für Grenzen verlieren, sich mitreißen lassen vom Versprechen der PS-Stärken, dem Kitzel des Wettkampfs.

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