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In einer Vorstadt von Dijon kam es im Juni zu heftigen Straßenschlachten. Foto: Philippe DESMAZES / AFP
© Philippe DESMAZES / AFP

Update Tschetschenen gegen Clans Berliner Ermittler warnen vor Bandenkrieg wie in Frankreich

Das LKA befürchtet eine europaweite Mobilisierung tschetschenischer Männer. Doch vorerst schlichtet ein Boxer die Milieukämpfe – die Polizei ist skeptisch.

Die blutigen Kämpfe zwischen einer deutsch-arabischen Großfamilie und tschetschenischen Männern in Berlin haben nach internen Einschätzung von Polizisten das Potenzial für massive Gewaltexzesse. Ermittler des Landeskriminalamtes (LKA) verweisen in internen Schreiben auf die Ausschreitungen im französischen Dijon – und warnen vor im Milieu verfügbaren Schusswaffen.

In Dijon im Osten Frankreichs hatten sich im Juli dieses Jahres 200 paramilitärisch auftretende Tschetschenen aus ganz Europa und Bewohner der Vorstadt Grésilles, vornehmlich mit nordafrikanischen Wurzeln, heftige Straßenschlachten geliefert. Auslöser war ein Angriff örtlicher Dealer auf einen tschetschenischen Jugendlichen. Die Polizei brauchte Tage, um die Lage zu befrieden.

Berliner Ermittler für „Organisierte Kriminalität“ (OK) nennen als warnendes Beispiel auch einen Fall aus Rheinsberg in Brandenburg. Dort war es im Juli zwischen Tschetschenen auf der einen und Polen sowie Deutschen auf der anderen Seite zur Massenschlägerei gekommen. Weitere Eskalationen durch 100 angereiste Tschetschenen und ihnen beistehende türkische Faschisten wurden durch ein Polizei-Großaufgebot verhindert.

Derlei könnte Berlin erspart bleiben. Angehörige des betroffenen Zweiges des Remmo-Clans und tschetschenische Vertreter sollen sich in der Nacht zu Mittwoch auf „Frieden“ geeinigt haben. In einem öffentlichen Internet-Post des syrisch-libanesischen Profiboxers Manuel Charr ist ein entsprechendes Foto zu sehen; sieben Männer um einen Tisch.

Ein Boxer und Kadyrow-Freund spielt den Vermittler

Boxer Charr trat 2015 auf Einladung des tschetschenischen Herrschers Ramsan Kadyrow bei einem Kampf in Grosny an.

In der Region gab es lange Kriege zwischen prorussischen Kräften und islamischen Separatisten. Kenner bestätigten dem Tagesspiegel, dass Charr – der im Milieu deutsch-arabischer Clans vielfach Respekt genießt – als Vermittler angerufen worden sei. „Es war keine Selbstjustiz“, schrieb der Boxer am Mittwoch bei Instagram. Alles sei angeblich in „Absprache mit der Polizei“ erfolgt.

Ein Polizeisprecher sagte dem Tagesspiegel, „dass die Polizei Berlin keine Absprachen mit Herr Charr geführt beziehungsweise getroffen hat. Zudem ist es auch nicht bekannt, ob Herr Charr tatsächlich in der von ihm behaupteten Funktion zwischen den Konfliktparteien auftritt oder aufgetreten ist.“

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LKA-Ermittler sehen in der angeblichen Einigung ein anderes Signal: Der Staat wird trotz schwerer Straftaten auf Abstand gehalten und – angesichts des Einflusses beider Gruppen – eine mächtige Paralleljustiz etabliert.

Berliner Polizei warnt vor „extremer Gewaltanwendung“

Die Ermittler warnen intern vor europaweiter Mobilisierung in der tschetschenischen Community, „um die Berliner Tschetschenen zu unterstützen“. Entsprechende Aussagen an den Tatorten gäben Anlass zur Befürchtung, dass die Attacken fortgesetzt werden könnten.

[Rekonstruktion eines Bandenkrieges: Was Ermittler über die tschetschenischen Schläger, Clan-Kriminelle und den Profi-Boxer wissen, lesen Sie bei Tagesspiegel Plus.]

Den Behörden bekannte tschetschenische Straftäter haben häufig in den postsowjetischen Zerfallskriegen oder im Nahen Osten gekämpft. Im Lagebild der Berliner Polizei wird vor „extremer Gewaltanwendung“ und Überschneidungen zu islamistischen Kreisen gewarnt. Polizisten wurden angewiesen, bei Kontrollen in der Szene auf die „Eigensicherung“ zu achten. Ein Sprecher sagte, es gebe eine „Stärkung der Präsenz im öffentlichen Raum und an bekannten Szenetreffs“ – offen und verdeckt.

Verletzte Tschetschenen in vier Berliner Krankenhäusern

Wie berichtet wurden bei Überfällen in den Stadtteilen Neukölln und Gesundbrunnen am Wochenende elf Männer verletzt. Sechs russische Staatsbürger wurden vorübergehend festgenommen. Internen LKA-Angaben zufolge sollen die Angreifer jeweils Schusswaffen bei sich getragen haben. Ermittler vermuten als Anlass der Kämpfe „Ehrverletzungen“, wobei Streit um Drogengeschäfte nicht ausgeschlossen werde.

Verletzte Tschetschenen wurden in vier Krankenhäusern versorgt. An den Kliniken, hieß es polizeiintern, könnten deshalb Kontrahenten auftauchen. In der Nacht zu Mittwoch beobachteten Zivilfahnder offenbar aus diesem Grund mindestens ein Berliner Krankenhaus. Das erfuhr der Tagesspiegel aus Klinikkreisen. Die Namen der Behandelten wurden vorläufig anonymisiert.

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