Tagesspiegel Plus - jetzt gratis testen

Slackline - der Balanceakt im Grünen

Schwerelos. Slackline ist ein Ganzkörpersport, sagt Seiltänzer Onni – das Balancieren des eigenen Körpergewichts trainiert fast alle Muskeln. Foto:
Trendsportarten in Berlin Slackline, Jugger, Parkour, Bouldern und Bootcamp

Für wen: Schwindelfreie, Ausgeglichene
Trainingseffekt: Koordination, Zehenspitzengefühl, Gleichgewichtssinn
Kosten: Ab 90 Euro für eine gute Slackline
Wo: Hasenheide und in fast jedem anderen Berliner Park. Zeiten, Treffpunkte und Verabredungen mit Gleichgesinnten über die Facebook-Gruppe „Slackline Berlin“.

Am Hundeplatz brüllt eine Frau ihren Begleiter an, sich endlich wie ein „richtiger Mann“ zu benehmen. Als der etwas sagen will, schlägt sie ihm die Bierflasche aus der Hand. Hundert Meter weiter rennen zwei Typen über die Wiese, kurz darauf fährt ein Polizeiauto über den schmalen Weg durch die Hasenheide.

Völlig ungerührt bindet Daniel Neumann, 26, Spitzname Reggae – passend zu den Dreadlocks – den Baumschutz an den Baum am Wegesrand. An den alltäglichen Wahnsinn im Park hat er sich längst gewöhnt. Er ist hier, um seinen Sport zu betreiben. Einen Sport, den er ernst nimmt. Auch wenn die Leute, die ihn dabei beobachten, manchmal mit dem Kopf schütteln, ihn fragen, ob er bekloppt sei.

Nachdem er den Baumschutz angebracht hat, verbindet er ihn mit dem Flaschenzug, in Fachkreisen Banane genannt, und spannt eine Art Gurt ein, das Herzstück des Sports, der unter dem Namen „Slackline“ immer häufiger in Berlins Parks zu sehen ist. Als Verbindung der einzelnen Teile dienen Schäkel, U-förmige Metallbügel. Ein Exemplar hängt an einer Kette um Daniels Hals. Sein Talisman.

Über die gesamte Breite der Senke in der Hasenheide erstreckt sich die Slackline, 85 Meter. Daniel zeigt auf den Baum, etwas unterhalb seines Schutzes ist die Rinde ganz glatt. „Viele Anfänger benutzen keinen Baumschutz“ sagt er. Das aber ist Bedingung des Berliner Grünflächenamts. Die hatten das Slacklinen eigentlich verboten. Daniel und seine Mitstreiter, die gerade dabei sind, einen Verein zu gründen, haben einen Deal gemacht: So lange sie einen Baumschutz benutzen, dürfen sie in der Hasenheide ihren Sport praktizieren. Daniel sieht einem Baum an, ob er geeignet ist. „Buche ist gut. Robust und schön. Birke ist mit Vorsicht zu genießen.“

Die Leute fragen ihn manchmal, ob er beim Zirkus ist

Er macht das jetzt seit vier, fünf Jahren. Barfuß, nur mit Shorts bekleidet, läuft er bis zur anderen Seite. Passanten bleiben stehen, machen Fotos mit ihren Smartphones. „Die Leute fragen mich manchmal, ob ich beim Zirkus bin“, sagt Daniel. Er sieht sich nicht als Artist, obwohl er zugeben muss, dass es ihm Genugtuung bereitet, wenn Leute stehen bleiben und applaudieren.

Für Daniel ist Slacklinen ein Sport, Ziel ist, die eigenen Leistungen zu verbessern. Grob lässt sich zwischen „Longlinern“ und „Tricklinern“ unterscheiden. Für die einen, wie Daniel, geht es in erster Linie darum, immer weitere Distanzen zu überbrücken. Während Trickliner, der Name sagt es schon, Tricks auf dem Gurt machen. Onni Schoenwälder, überragender Oberkörper zum Dreitagebart, macht beides. Onni und Daniel haben sich über den Sport kennengelernt, mittlerweile sind sie Freunde. Nach dem Slacklinen bleiben sie gern noch im Park und trinken ein Bier zusammen. „Wir gehören zu der Generation, die sich ihren Tagesablauf nicht mehr durch ein Fernsehprogramm oder so diktieren lässt“, sagt Daniel. Sie treffen sich regelmäßig am Mittwoch, nennen das „Wednesday-Club“. Es geht mittags los, manchmal bleiben sie einfach, bis es dunkel wird. Dass beide Studenten sind, ist dabei nicht hinderlich.

Slackline ist ein Ganzkörpersport. Durch das Balancieren des eigenen Körpergewichts werden alle Muskeln beansprucht. Und es braucht Konzentration. Drogen sind in der Szene verpönt. Und die wird immer größer. Vorreiter waren wie so häufig die Amerikaner, mittlerweile aber sind die Europäer führend, allen voran Tschechien. „Unsere Slackline“, sagt Daniel, „verbindet die Welt.“

Dieser Text erschien zunächst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

Zur Startseite