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Jugger - das apokalyptische Knüppel-Spiel

Martialisch. So sieht das Prügelinstrumentarium beim Jugger-Spiel aus. Weh tut’s zum Glück nicht, denn die Schilde und „Pompfen“ (Schläger) sind gut gepolstert. Foto: William Veder
Trendsportarten in Berlin Slackline, Jugger, Parkour, Bouldern und Bootcamp

Für wen: Rollenspieler, Metal-Fans, World-of-Warcraft-Zocker, Kämpfernaturen
Trainingseffekt: Spaß, Aggressionsabbau, Gruppengefühl, Koordination
Kosten: 20–40 Euro für die Ausrüstung
Wo und wann: Tempelhofer Feld (Fr 17.30 Uhr und So 14.30 Uhr); TiB-Stadion, Columbiadamm 111 (Mi 17.45 Uhr, Fr 16.30 Uhr und So 13.45 Uhr); Volkspark Friedrichshain (hier wird kein Jugger, sondern Olfball gespielt, eine Art Touch-Rugby, das Bestandteil des Jugger-Trainings ist, Mi 16 Uhr)
Infos: tib1848ev.de/sportarten/jugger und jugger-berlin.de

Das Mädchen zupft an der Hose des Vaters, schaut auf die Wiese am Tempelhofer Feld, in ihrem Blick mischen sich Angst und Faszination. „Papa, was machen die da?“, fragt sie.

Ja, was machen die da eigentlich? Eine junge Frau im grünen Trikot mit der Aufschrift „Zonenkinder“ schlägt gerade mit einem Knüppel auf einen jungen Mann mit Hogwarts-T-Shirt ein. Der Vater führt seine Tochter zu einem Schild und liest: „Jugger – der Sport mit Pompfen und Jugg“. Während Vater und Tochter noch unschlüssig herumstehen und vom Sommerbad Neukölln knarzende Lautsprecherdurchsagen herüberwehen, kommen die gut ein Dutzend Jugger zusammen, legen ihre Pompfen zur Seite und machen sich erst einmal warm.

Das sieht nicht anders aus als etwa beim Fußball. Im Kreis laufen, Sidesteps, leichtes Dehnen. Ansonsten aber ist alles anders bei diesem Sport. Das beginnt schon mit seiner Geschichte. Jugger geht zurück auf den australischen Film „The Blood of Heroes“ von 1989. Die Geschichte des Films geht in etwa so: In einer postapokalyptischen Welt, die ein wenig an „Mad Max“ erinnert, haben sich im Zuge eines Atomkriegs karge Landschaften und raue Sitten durchgesetzt. Jugger sind Gladiatoren, die von Dorf zu Dorf ziehen, Städte gibt es nicht mehr, und „das Spiel“ spielen. „Das Spiel“ ist eine Art Rugby, das in leicht abgewandelter Form (keine Toten!) hier auf dem Tempelhofer Feld gespielt wird – und unter dem Namen Jugger bekannt ist.

Die Regeln sind fast wie im Film - nur umgebracht wird niemand

Und das geht so: Je vier Spieler stellen sich auf beiden Seiten des etwa 40 mal 20 Meter großen Spielfelds auf – mit „Pompfen“ in der Hand, gepolsterten Schlägern, die wie überdimensionierte Wattestäbchen oder Morgensterne aus Schaumstoff aussehen. Hinter den zwei Pompfergruppen steht jeweils ein Läufer. Im Chor rufen die Spieler „Drei, zwei, eins, Jugg!“ und rennen aufeinander zu. Gleichzeitig ertönt eine Trommel, mit der die Zeit gemessen wird. Ein Spiel dauert 200 Trommelschläge, jeder Trommelschlag zwei Sekunden. Gewonnen hat das Team, dessen Läufer den Spielball (genannt „Jugg“, im Film ein Hundeschädel) häufiger ins Tor (genannt „Mal“) bringt.

Wer glaubt, dass es sich dabei um ein völlig neues Spiel handelt, irrt. Der Jugger e.V. Berlin besteht seit 17 Jahren und ist weltweit einer der Vorreiter der Sportart. Anfang der 1990er Jahre trafen sich die Jugger noch im Mauerpark, später im Volkspark Friedrichshain. Als es vor einigen Jahren darum ging, wie das Tempelhofer Feld neu genutzt werden sollte, schickten auch die Jugger eine Bewerbung – und bekamen den Zuschlag.

Der Nerd-Anteil unter den Spielern sei hoch, sagt einer aus dem Team „Grünanlagen Guerillas“. Am Spielfeldrand steht Dirk Tafelski, 29, studierter Maschinenbauer und Vorstandsvorsitzender des Vereins. „Es ist ein Spiel für Individualisten, die einen Sport abseits des Mainstreams suchen“, sagt er, während sich neben ihm gerade die Kette eines Spielers in der Pompfe eines anderen verhakt. Einige aus der Szene haben in ihrer Kindheit Rollenspiele gespielt. Andere kommen vom sogenannten LARP, dem „Live Action Role Play“, bei dem Genreklassiker wie „Das Schwarze Auge“ im Freien nachgespielt werden.

„Die wirklichen Kellerkinder-Nerds sind aber schnell wieder weg“, sagt Dirk. Der Sport ist anstrengend, schnell, taktisch anspruchsvoll. Die Jugger erinnern an Heavy-Metal-Fans: martialisches Auftreten, weicher Kern.
Wieder ertönt der Ruf „Drei, zwei, eins, Jugg!“, dazu der Trommelrhythmus. Das kleine Mädchen zieht jetzt bestimmter an der Hose des Vaters. Der aber will noch nicht weg. „Papa, komm“, sagt die Kleine. Nur schwer kann Papa sich lösen.

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