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Bootcamp - der friedliche Armeedrill

Gedehnt. Was früher Zirkeltraining hieß, heißt heute Bootcamp. Klingt nach Armeedrill – aber ganz so streng ist der Trainer dann doch nicht. Foto: William Veder
Trendsportarten in Berlin Slackline, Jugger, Parkour, Bouldern und Bootcamp

Für wen: Büromenschen und Fitnessfreaks
Trainingseffekt: Kraft, Ausdauer, Disziplin, Körperspannung
Kosten: Training ab 10 €, bei manchen Anbietern auch Zehner- und Monatskarten
Wo: Tiergarten (fitness-bootcamp-berlin.de); Alt-Stralau, Friedrichshain, Tempelhof, Tiergarten (myfitnessclub.de); Neukölln, Mitte, Kreuzberg (original-bootcamp.com)

Am Eingang zum Tiergarten reiten zwei Polizisten auf Pferden über den Kiesweg, auf der anderen Straßenseite zieht ein Wachmann vor dem Schloss Bellevue seine Runden. Uwe fällt dazu ein Witz ein: „Woran erkennt man, dass der Bundespräsident zu Hause ist?“ Einer dieser Fragewitze, niemand antwortet.

Uwe, Typ erfahrener Witzeerzähler, kurze Kunstpause: „Wenn der Lappen draußen hängt, sind die Lumpen drin.“

Uwe ist einer von zwölf Berlinern, die sich an diesem Mittwochabend auf der Wiese im Tiergarten gegenüber vom Schloss Bellevue zu einem Sport eingefunden haben, der nicht halb so martialisch ist, wie es sein Name suggeriert: Bootcamp.

Dass keine fiese militärische Strenge aufkommt, liegt auch am Trainer. Harald Klotz, 41, hat mal bei Daimler gearbeitet, seit vier Jahren scheucht er professionell Leute durch Parks. Mit Shorts, Stoppuhr und Zahnpasta-Lächeln sieht er aus wie der Personal Coach aus dem Baukasten.

Harald hat zwölf verschiedene Stationen aufgebaut, 90 Minuten Zirkeltraining stehen auf dem Programm. Die Gruppenmitglieder, zehn Frauen, zwei Männer, kennen sich mitunter seit Jahren. Gemeinsam schwitzen schweißt zusammen.

Nicole, 39, Ingenieurin für Luft- und Raumfahrttechnik, kein Gramm Fett am Körper, sagt: „Ich habe nicht viel Freizeit und treffe mich nach der Arbeit lieber hier im Park zum Sport als in der Kneipe zum Bier.“

Die Stationen sind im Kreis angeordnet, so sammeln sich die Blicke der Teilnehmer in der Mitte, wo Harald, Klemmbrett in der Hand, Stoppuhr um den Hals, anfeuert, korrigiert, aufmuntert. Etwa, wenn eine Teilnehmerin Probleme hat, die Beine in das Band einzufädeln, das von einem Baum herabhängt. Als sie es gemeinsam geschafft haben, ihre Füße in den Schlaufen zu platzieren, hält eine Radfahrerin an. „Benutzt ihr einen Rindenschutz?“ Sie lächelt, doch es scheint ihr ernst. Harald versteht nicht. Rindenschutz? Die Frau radelt weiter. „In der Regel kriegen wir positives Feedback von den Leuten um uns herum“, sagt er. Einen Rindenschutz brauche man übrigens nicht, dem Baum passiere nichts.

Eine Passantin fragt: "Benutzt ihr einen Rindenschutz?"

Genau eine Minute lang verausgaben sich die Teilnehmer an jeder Station. Dann geht es ohne Pause zur nächsten. Im Uhrzeigersinn. Eigentlich. Doch das stiftet Verwirrung – die fast geplant erscheint. Die Bootcamper kommen so ins Reden, tauschen sich aus, geben einander Tipps. Eine Übung, die allen schwerfällt: Ein Tau ist um den niedrigen Begrenzungszaun zwischen Wiese und Kiesweg geschlungen, beide Enden liegen in der Hand des Bootcampers. Der geht in die Hocke und schwingt das Tau, so wie man mit Drumsticks auf eine Trommel schlagen würde. Immer abwechselnd, links, rechts. Beeindruckend gut beherrscht wird: Seilspringen. Außerdem im Programm: Liegestütze, eine Art Kniebeugen mit Gewichten und ein kleiner Hindernisparcours wie beim Springreiten.

Eine Runde ist zu Ende, wenn jeder die zwölf Stationen hinter sich gebracht hat. Dann eine kurze Pause – und weiter mit Runde zwei, bei der die Übungen leicht variiert werden. Heute stehen drei Runden an. Am Ende stehen alle im Kreis, dehnen sich, schütten Glückshormone aus und quatschen noch ein bisschen.

Marlen, 33, und ebenfalls seit ein paar Jahren fest dabei, findet, dass gerade der Tiergarten ein guter Ort ist, um im Freien Sport zu machen. „Man hat das Gefühl, jeder ist in Bewegung.“ Sport unter Gleichgesinnten. Im Görlitzer Park würde sie das eher nicht machen, sagt sie.

Harald sammelt die Markierungshütchen ein, die Bälle und Seile, verteilt Lob, klopft auf Schultern. Allmählich ist es dunkel geworden im Tiergarten, das Schloss als leuchtender Fixpunkt auf dem Nachhauseweg, der Wachmann zieht noch immer seine Runden. Und auch Joachim Gauck ist noch zu Hause: Der Lappen hängt draußen.

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