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Sara Nuru, 31, wurde als Topmodel berühmt und hat mit ihrer Schwester ein soziales Kaffeeunternehmen gegründet. Stefan Weger
© Stefan Weger

Topmodel Sara Nuru „Am Anfang wurde ich belächelt und heruntergemacht“

Nuru gewann 2009 „Germany's Next Topmodel“. Im Interview spricht sie über ihr Engagement, Aufstiegschancen in Deutschland und Rassismus-Erfahrungen.

„Für uns Weltklasse: Du“ - das ist Motto des diesjährigen Farben-Bekennen-Award der Senatskanzlei. In diesem Jahr werden Kinder und Jugendliche ausgezeichnet, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, anfänglich kein Wort Deutsch sprachen und sich heute in Berlin durch ihr besonderes Engagement hervortun – als Klassensprecher*innen, als Jahrgangsbeste, als herausragende Stipendiaten oder weil sie sich im Sport hervortun oder beim ehrenamtlichen Engagement.

„Ich freue mich auf ganz viele tolle Geschichten von Engagierten, die sich mit viel Leidenschaft und Kreativität für eine gute Sache engagieren – und uns mit ihrem Einsatz in diesen Zeiten Mut und Hoffnung schenken“, sagt Sawsan Chebli, Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement, die den seit 2018 vergebenen Award begründet hat.

In den vergangenen Jahren hat es beeindruckende Preisträger gegeben. Der aus Syrien stammende Bashar Hassoun verbindet in Berlin mit dem Restaurant „Lawrence“ seine neue und alte Heimat und gibt 20 Menschen Arbeit, viele ebenfalls Geflüchtete. Oder Beslan Kabartai, der mit seinem Unternehmen „Freudy“ in Brandenburg unter anderem Halloumi und tscherkessischen Käse nach alten syrischen Rezepten herstellt und die Berliner Gourmet-Restaurants beliefert. 

In diesem Jahr wird eine Gruppe ins Rampenlicht gerückt, die es besonders schwer hatte mit dem ankommen: Kinder und Jugendliche mit Fluchthintergrund. Mit dem Farben-Bekennen-Award, der mit 5000 Euro dotiert ist, sollen Vorurteilen positive Bilder und Geschichten von engagierten Geflüchteten entgegensetzt werden. Angenommen werden Vorschläge und Bewerbungen von Kindern und Jugendlichen im Alter von 8 bis 16 Jahren. Alle Bewerbungs-Infos gibt es unter farbenbekennen.de.

Die Jury ist prominent besetzt: Mit dabei sind unter anderem die Schauspieler*innen Dennenesch Zoudé, Gizem Emre, Motsi Mabuse und Numan Acar, der Ex-Fußball-Nationalspieler Dennis Aogo, ehem. Fußballnationalspieler, Flying Steps-Gründer Vartan Bassil, die Moderator*innen Minh-Khai Phan-Thi und Klaas Heufer-Umlauf.

Mit dabei ist auch Model und Sozialunternehmerin Sara Nuru. Im Interview berichtet sie über ihre Motivation.

[Dieses Interview ist zuerst im Newsletter „Ehrensache“ erschienen. Der Newsletter für alle, die Berlin schöner und solidarischer machen, erscheint immer am zweiten Mittwoch im Monat. Hier kostenlos anmelden: ehrensache.tagesspiegel.de.]

Frau Nuru, Sie sind Jurorin beim Farben-Bekennen-Award des Berliner Senats, bei der in diesem Jahr Kinder und Jugendliche ausgezeichnet werden, die aus ihrer Heimat fliehen mussten und sich in Berlin durch ihr freiwilliges Engagement hervortun. Was hat Sie bewogen, in dieser Jury dabei zu sein?
Ich finde den Award extrem wichtig. Der Preis weckt Hoffnung, er würdigt Menschen, die sich toll engagieren. Gerade Menschen mit Migrationshintergrund, die selber wenig haben und sich trotzdem einsetzen für ein besseres Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Das zu ehren, finde ich sehr wichtig, und freue ich, Mitglied der Jury zu sein.

Ihre Eltern stammen aus Äthiopien, Sie wurden in Deutschland geboren. Erkennen Sie in dem Engagement dieser geflüchteten Kinder und Jugendliche auch einige Ihrer eigenen Erfahrungen und Wünsche als Jugendliche wieder?
Ich weiß, was es bedeutet, Migrantin zu sein, auch wenn ich hier geboren wurde. Meine Eltern hatten es anfangs nicht einfach. Aber sie haben mir vorgelebt, was es bedeutet, sich zu integrieren und sich zu engagieren. Meine Mutter hat schon sehr früh angefangen, im Dorf Erding in Bayern eine Frauengruppe zu starten. Jeden Mittwoch gab es interkulturelle Begegnungen zwischen deutschen und ausländischen Frauen.

Ich glaube, es braucht diese Begegnungen als Mittel für einen gesellschaftlichen Wandel und ein geglücktes Miteinander. Deswegen finde ich es wichtig, dass sich noch mehr Menschen engagieren und dass es eine Auszeichnung gibt, die das honoriert und hoffentlich auch dazu beiträgt, dass das andere Menschen nachmachen.

Mit dem Farben-Bekennen-Award soll das Engagement von nach Deutschland gekommenen Menschen für ihre neue Heimat gewürdigt und zugleich die Diversität deutlich gemacht werden, die es in der Bundesrepublik inzwischen gibt. Wird in Deutschland dies immer noch zu wenig als positive Entwicklung anerkannt?
Ich merke, dass die Zustimmung zu dieser Diversität durch die politische Debatte wieder abgenommen hat, die es seit 2015 gibt. Für viele ist das nun wieder etwas Schlimmes, vor dem man Angst haben soll, anstatt es als etwas Positives zu sehen. Das finde ich schade.

Es wird auch zu wenig darüber berichtet, was für gute Integrationsgeschichten es gibt und was für einen Mehrwert dies für unsere Gesellschaft hat. Denn wir können doch nur davon profitieren, dass wir divers sind und unterschiedliche Kulturen und Sichtweisen haben. Es werden leider zu oft die schlechten Beispiele gezeigt. Deswegen ist dieser Award so wichtig: Er schenkt Hoffnung und zeigt, wie diese Menschen, die hierhergekommen sind, einen positiven Beitrag leisten.

Sie engagagieren sich seit Jahren in verschiedenen Initiativen wie „Menschen für Menschen“, für die Kampagne „Generation ABC-2015“ und sind seit 2018 Botschafterin für nachhaltige Entwicklung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Wie sehr hat bei Ihrem Engagement geholfen, dass Sie vor zwölf Jahren „Germany's Next Topmodel“ gewonnen haben und damit eine erfolgreiche Karriere als Model starteten?
Natürlich hat mein Sieg mir damals extrem viele Türen geöffnet und überhaupt erst ermöglicht, mich zu engagieren. Durch die Öffentlichkeit, die ich bekommen habe, konnte ich diese Prominenz nutzen, um auf Dinge aufmerksam zu machen, die normalerweise nicht so viel Gehör bekommen. Als Person in der Öffentlichkeit habe ich es auch als meine Pflicht gesehen, etwas zu tun – denn ich hatte ja das Glück, dass mir zugehört wurde.

Um so mehr finde ich es toll, zu sehen, dass sich Menschen engagieren, die nicht dieses Privileg haben, beachtet zu werden. Es ist eben nicht richtig, dass man nur etwas tun kann, wenn man berühmt ist und eine Stimme in der Öffentlichkeit hat. Deswegen bewundere ich das Engagement noch mehr. Es ist aber darum besonders wichtig, diesen Menschen eine Bühne zu geben und sie ins Licht zu stellen. Der Award zeigt, es ist egal, woher man kommt, trotzdem kann jeder einen Beitrag leisten. Das ermutigt, es nachzumachen.

Staatssekretärin Sawsan Chebli (mi.) bei der Verleihung des Farben-Bekennen-Awards 2018. Foto: G. Fischer/dpa Vergrößern
Staatssekretärin Sawsan Chebli (mi.) bei der Verleihung des Farben-Bekennen-Awards 2018. © G. Fischer/dpa

Haben es Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichten hier immer noch schwerer, ihre Talente und Fähigkeiten zu entwickeln?
Ja, leider schon. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Chancen nicht die Gleichen sind. Auch, weil die Voraussetzungen unterschiedlich sind. Das ist schade. Als mein Vater in den achtziger Jahren nach Deutschland kam, hat er keinen Sprachkurs bekommen, und musste regelrecht dafür kämpfen, Deutsch zu lernen. Das ist heute besser, aber vieles ist immer noch extrem schwierig und bürokratisch.

Ich würde mir wünschen, dass die Voraussetzungen leichter gemacht würden für die Menschen, die hierher kommen. Eine Voraussetzung, um später bessere Chancen zu haben, ist ein leichterer Zugang zu weiterführenden Schulen und Ausbildung, zum Arbeitsmarkt.

Wie häufig werden Sie persönlich mit Rassismus und Ausländerfeindlichkeit konfrontiert?
Ich bin auf einem Dorf in der Nähe von München aufgewachsen und meine Eltern hatten viel mit Anfeindungen zu kämpfen. Wir als Kinder waren dem dann schon nicht mehr so ausgesetzt, weil wir da schon zum Dorf gehörten. Wir waren da schon nicht mehr die Fremden, diese Hürde war überwunden. Auch später in München, wo ich aufwuchs, bin ich eher in guten Verhältnissen aufgewachsen mit Menschen, die gebildet waren und die eine andere Kultur als positiv empfunden haben.

Ich hatte großes Glück, was keine Selbstverständlichkeit ist. Ich hatte deswegen nie mit direkten Anfeindungen zu tun. Es ist mir trotzdem bewusst, dass Rassismus allgegenwärtig ist. Rassismus ist nicht nur das direkte N-Wort, sondern es gibt sehr viele alltägliche Dinge wie die Erfahrung, dass jemand Englisch mit mir spricht, nur weil ich anders ausschaue. Und würde ich einen anderen Namen tragen, der viel ausländischer klingt, hätte ich es viel schwieriger beim Wohnungsmarkt.

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War es für Sie ein innerer Zwiespalt, plötzlich prominent und erfolgreich zu sein und gleichzeitig selber die Armut der Menschen in Äthiopien zu kennen?
Ja, sehr. Ich war sehr jung, als ich mit direkter Armut konfrontiert worden bin, und es war ebenso einschneidend, meine eigenen Privilegien zu erleben. Zu wissen: ich hatte Glück, in Deutschland geboren zu sein. Meine Eltern sind geflohen, haben all ihr Hab und Gut zurückgelassen, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Wenn sie das nicht gemacht hätten, hätte ich eines der Kinder sein können, die in Äthiopien am Straßenrand Wasserkübel schleppen. Das zu wissen, macht was mit einem. Das hat zu dem geführt, was ich heute mache und dass ich neue Wege gehe. Gemeinsam mit meiner Schwester versuchen wir, diesen Menschen etwas zurückzugeben und gerade den Frauen im Land meiner Eltern Alternativen zu ermöglichen.

Sie haben 2016 mit Ihrer Schwester das Unternehmen „Nurucoffee“ gegründet, das Kaffee aus Äthiopien verkauft und unterstützen dort mit Ihrem Verein „Nuruwoman“ Frauen mit Mikrokrediten als Starthilfe für kleine Geschäfte. Warum ist Ihnen dieses Engagement für Frauen wichtig?  
Das hat mehrere, sehr persönliche Gründe. Wir sehen in all den Frauen, die wir unterstützen, auch unsere eigene Mutter und Großmütter, die unter ärmlichen Bedingungen aufgewachsen sind. Die Perspektivlosigkeit hat dazu geführt, dass meine Eltern ihr Land verlassen haben. Wir sind der Meinung, dass man Menschen Perspektiven und Chancen geben muss. Meine Schwester und ich haben das Glück, in Deutschland groß geworden zu sein und diese Perspektiven bekommen zu haben. Das würden wir gerne zurückgeben.

Wann waren Sie das letzte Mal in Äthiopien?
Leider genau vor einem Jahr, kurz vorm Lockdown. Wir sind in der Regel zwei, dreimal im Jahr vor Ort. Anfang des Jahres zur Ernte, um Kaffee einzukaufen, und Mitte des Jahres, um unsere Frauenprojekte zu besuchen, Fortschritte zu sehen, die Entwicklung zu beobachten und mit den Frauen im Austausch zu sein.

Neben Rassismus und Ausländerfeindlichkeit gibt es auch Frauenfeindlichkeit.
Ja, ich wurde häufig nicht ernst genommen. Gerade weil man mich als Model kannte. Hinzu kommt, dass der Kaffeemarkt ein sehr männerdominierter Markt ist. Zudem wir uns auch noch entschieden haben, ein soziales Unternehmen zu sein – wirtschaftlich aktiv zu sein und gleichzeitig Gutes damit zu tun. Ich wurde am Anfang sehr belächelt und heruntergemacht. Das zu spüren, war kein schönes Gefühl.

Wie haben Sie das bewältigt? Mit Selbstvertrauen?
Es war eine tiefe Überzeugung, dass es richtig ist, was wir vorhaben. Deswegen hat es uns motiviert, zu sagen, jetzt erst recht gehen wir unseren Weg. Es ging uns in erster Linie darum, etwas Neues zu machen, und eine Alternative zum herkömmlichen Spendenmodell aufzubauen. Damit will ich andere Wege nicht schlecht machen.

Unsere Motivation war immer, etwas Gutes zu tun und das hat uns angetrieben, weiterzumachen. Wenn es nur um unser Ego gegangen wäre, dann hätten wir vielleicht das Handtuch geworfen. Weil wir wussten, warum wir es tun, hat uns das motiviert, weiterzumachen. 

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