Boleslaw Barlog 1946. Foto: Deutsche Fotothek/Wikipedia
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Tagesspiegel-Archiv "Dies wollen wir uns nun aber ganz entschieden verbitten"

Walther Karsch
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Tagesspiegel-Gründer Walther Karsch verreißt 1946 eine prominent besetzte Aufführung an Boleslaw Barlogs Schlossparktheater und skizziert dabei ein Programm für ein Nachkriegstheater.

Neujahrstag im Steglitzer Schloßparktheater bei BarIog und Nestriepke. Helmut Weiss: "Danach" - Kammerspiel in drei Akten. Dies wollen wir uns nun aber ganz entschieden verbitten. Was geht vor? Ein Heimkehrer, zeugungsunfähig geschossen, stellt seine heißgeliebte, ihn heißliebende Frau vor die Forderung, mit einem Kameraden, dessen Wesen dem seinen ganz entgegengesetzt ist, den er deshalb lieben lernte, ein Kind zu zeugen. Er will ein Kind haben, aber es muß von seiner Frau geboren sein. Frau und Freund finden sich nach anfänglicher Empörung, nach Zögern und Einspruch bereit, seinen Wunsch zu erfüllen. Sie tun's, und der Freund verschwindet diskret aus dem Leben der Eheleute. Moralinsauer ist hier keiner. Doch welch eine Geschmacklosigkeit, solche heiklen Dinge auf der Bühne im leichten Plauderton, in plattester Alltagssprache zu zerreden. Wie peinlich ist das alles, und wie reizte es gerade da zum Lachen, wo es denen da oben besonders ernst war. Was hat das mit unserer Situation nach dem Kriege zu tun? Nach dem ersten Weltkrieg hieß es "Hinkemann" und war bei Ernst Toller Fanfare und Aufruf gegen den Krieg. Ob es in dieser Form für uns heute noch erträglich wäre, sei dahingestellt. Wenn ihr wollt, und wenn ihr könnt: stellt junge Menschen auf die Bühne, die seit ihrer Jünglingszeit nichts anderes als Soldaten waren, die nur gehorchen und nur befehlen gelernt haben, weiter nichts, die nichts haben, die nichts sind, deren sogenannte Ideale unter den Schlägen der Niederlage zerbrachen, die innerlich leergebrannt sind, einen Halt suchen, Anschluß an unser Leben finden wollen. Darum könnte es sich lohnen, wenn einer genügend inneren Abstand hat. Doch diese Fragen auf die Ebene einer völlig privaten Problematik herabziehen, einer Problematik, die zwar einen tragischen, das Leben zur halben Sinnlosigkeit machenden, aber doch mehr zufälligen, untypischen Fall behandelt, heißt: auf ein Nebengleis ausweichen.

Die Peinlichkeit des Ganzen suchten Hans Söhnker, Winnie Markus und Wolfgang Lukschy nach Kräften zu mildern; versuchten, über sie hinwegzuspielen. Wie sie sich die Fangbälle der Diskussion zuwarfen, wie einer auf den anderen reagierte, wie sie den Tonfall nuancierten, nie zu grell wurden, aber auch nie die Konturen verwischten - das wäre einer würdigeren Sache würdig gewesen. Auch Hildegard Knef fügte sich in einer Nebenrolle mit Selbstverständlichkeit, mit innerer Sicherheit in das Ensemblespiel der drei ein.

Noch einmal: Stecken wir die Grenzen ab. Wir wollen das Furchtbare unsere Schicksals, unseren Willen und unseren Wunsch, es zu überwinden, uns nicht verwässern lassen; ganz besonders nicht auf eine so unappetitliche Weise.

Der Text erschien am 3. Januar 1946 im Tagesspiegel. Tweets aus der Nachkriegszeit mit Zitaten und Beiträgen des Tagesspiegel-Gründers Erik Reger und anderer Tagesspiegel-Autoren aus jener Zeit finden Sie hier.

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