Die Simulation zeigt, wie die Synagoge am Fraenkelufer einmal aussehen soll. Foto: promo/Architekt Kilian Enders
© promo/Architekt Kilian Enders

Synagoge am Fraenkelufer "Wir wollen ein moralisches Zeichen setzen"

80 Jahre nach der Pogromnacht 1938 sprechen sich prominente Berliner für den Wiederaufbau der Synagoge am Fraenkelufer aus. Ihr Plädoyer im Wortlaut.

Bei der Erinnerung ist es wie mit einem alten Baumstumpf. Anfangs bleibt er noch einigermaßen stabil, bis er langsam immer mehr verfällt und zerfasert. Die schrecklichen Ereignisse unserer deutschen Geschichte zwischen den Jahren 1933 und 1945 liegen nun achtzig Jahre zurück. Zeitzeugen gibt es naturgemäß immer weniger, bald werden wir uns nur noch auf schriftliche oder fotografische Erinnerungsstücke stützen können.

Je weiter die Judenverfolgung, die Shoah, das NS-Terrorregime in die Vergangenheit rücken, umso ungenierter tanzen die Ewiggestrigen, die Antisemiten, Rassisten und neuen Nazis auf dem Baumstamm ihren Veitstanz und versuchen so, den Verfallsprozess der Erinnerung noch zu beschleunigen.

Dies ist für uns ein schmerzlicher Prozess, dem wir entgegenwirken wollen. Wir wollen ein starkes, ein solides, ein steinernes Zeichen gegen das Vergessen setzen. Nie wieder Auschwitz! – muss der moralische Kompass für unser Land bleiben. Nie wieder Ausgrenzung und Verfolgung religiöser, kultureller, ethnischer oder sexueller Minderheiten! – das ist der Minimalkonsens, der unsere Gesellschaft prägt.

Wir wollen ein Zeichen für diese moralische Grundlage unseres Staates setzen, indem wir eine der einstmals größten Synagogen Berlins, die früher so stolze Synagoge am Fraenkelufer historisch wiederaufbauen. Ein in unserer deutschen Geschichte einzigartiges Vorhaben.

Zeigen, dass die jüdischen Bürgerinnen und Bürger in die Mitte unserer Gesellschaft gehören

Wir träumen davon, aus diesem klein gestarteten Projekt eine zivilgesellschaftliche, deutschlandweite Initiative zu schaffen. Wir wollen einen Ort des gesellschaftlichen Miteinanders, des Austauschs und der Toleranz bauen. Als eindeutiges Zeichen, wie wir Deutschen uns heute verstehen und wie wir unsere Zukunft sehen.

Wer baut, bleibt. Das haben die Juden in unserem Land schon einmal geglaubt und sind bitter enttäuscht worden. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus der Pogromnacht vom 9. November 1938 sind dafür ein schrecklicher Beleg. Heute, ein Menschenalter später, wollen wir zeigen, dass die jüdischen Bürgerinnen und Bürger ganz selbstverständlich in die Mitte unserer Gesellschaft gehören. Wer baut, bleibt. Für immer.

Wir – allesamt engagierte Demokratinnen und Demokraten, überzeugte und stolze Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland, die sich der Verantwortung gegenüber unserer deutschen Geschichte bewusst sind – setzen uns dafür ein, dass die Synagoge am Fraenkelufer in Berlin-Kreuzberg wiederaufgebaut wird.

Zeichen der ewigen Erinnerung

Unser Ziel ist es, dass am 9. November 2023 – 85 Jahre nachdem jüdische Gotteshäuser mitten in unserem Land geschändet und niedergebrannt wurden – der Grundstein gelegt wird, um eine der prächtigsten Synagogen in altem Glanz wiedererstehen zu lassen. Als ein Zeichen der alten Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens in Deutschland, aber auch als ein Zeichen der ewigen Erinnerung.

Welcher Ort würde sich hierfür besser anbieten, als das Zentrum Berlins, ein Grundstück in Kreuzberg. Hier, auf dem sandigen Boden Brandenburgs, umweht von den Düften des Orients und in einem Viertel, das zunehmend von zugezogenen Neu-Berlinerinnen und Neu-Berlinern, viele von ihnen erst seit kurzem in Deutschland, geprägt wird, wollen wir die Zukunft gestalten. Und so darauf hoffen, dass aus dem Stumpf bald wieder Triebe ausschlagen und eine neuer Baum erwächst.

- Die Unterzeichner für „Jüdisches Zentrum Synagoge Fraenkelufer – Verein für den Wiederaufbau“: Raed Saleh (Vorsitzender des Kuratoriums und Vorsitzender der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus), Monika Herrmann (stellvertr. Vorsitzende des Kuratoriums und Bürgermeisterin des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg), Ole von Beust, Pinar Cetin, Antony Colman, Sebastian Czaja, Markus Frenzel, Gregor Gysi, Sven Heinemann, Gideon Joffe, Michael Müller, Nina & Dekel Peretz, Ülker Radziwill, Eric Schweitzer, Mitri Sirin, Michael Sommer, Iris Spranger, Friede Springer, Marina Weisband

Weitere Informationen zum Projekt des Wiederaufbaus der Synagoge am Fraenkelufer unter: www.aufbruch-am-fraenkelufer.de

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