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Menschenmenge in Kreuzberg. (Archivbild) Foto: Stephanie Pilick/dpa
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Studie zu Einstellungen zur Demokratie Zwei von fünf Berlinern haben Diskriminierung erlebt

Die Berliner sind etwas weniger anfällig für Verschwörungstheorien als der Bundesdurchschnitt. Trotzdem sind auch hier auch Ausgrenzung und Vorurteile vorhanden.

Berliner:innen sind überzeugter von der Demokratie als der Durchschnitt der Bundesbürger:innen und stimmen antisemitischen, rassistischen, anderen rechtsextremen sowie verschwörungstheoretischen Aussagen seltener zu. Trotzdem sind besonders Ausländerfeindlichkeit und Nationalchauvinismus auch in der Hauptstadt ein Thema – und 42 Prozent der Berliner:innen haben selbst schon Diskriminierung erfahren.

Das sind einige der Ergebnisse des zweiten "Berlin-Monitors", der am Donnerstag vorgestellt wurde. Die von Antidiskriminierungssenator Dirk Behrendt (Grüne) beauftragte Studie wurde 2019 zum ersten Mal durchgeführt. Sie soll in Anlehnung an die Leipziger Langzeit-Autoritarismusstudie, ursprünglich bekannt geworden als "Mitte-Studien der Universität Leipzig", die die deutsche Gesamtgesellschaft untersucht, der Entwicklung von antidemokratischen Einstellungen in der Berliner Stadtgesellschaft nachspüren.

In der aktuellen Ausgabe des Berlin-Monitors wurden zusätzlich zu allgemeinen Fragestellungen vier Schwerpunkte besonders beleuchtet: Rechtsextreme Einstellungen, Verschwörungsmythen in Zeiten von COVID-19, anti-Schwarzer Rassismus und eigene Diskriminierungserfahrungen.

Die Zufriedenheit mit der Demokratie ist in Berlin im Allgemeinen hoch. Der Aussage "Ich bin mit der Demokratie, wie sie in Deutschland existiert, alles in allem zufrieden"  stimmen etwa 73 Prozent zu, im von der Leipziger Autoritarismusstudie erhobenen Bundesdurchschnitt sind es 59 Prozent.

Allerdings wünschen sich 23 Prozent der befragten Berliner:innen auch "eine einzige starke Partei", die "die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert" – die einzige Aussage aus dem Studienbereich "Rechtsextremismus", der in Berlin mehr Menschen zugestimmt haben als bundesweit (17 Prozent).

„Weniger als der Bundesdurchschnitt“ heißt nicht „kein Problem“

Die Zustimmung oder teilweise Zustimmung zu antisemitischen Aussagen ist in Berlin besonders niedrig – ein gutes Beispiel allerdings auch, dass der Vergleich mit dem Bundesdurchschnitt nicht bedeutet, dass kein Problem besteht. Die Aussage "Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß" etwa bewerteten in Berlin acht Prozent mit Zustimmung und elf Prozent mit "teils/teils".

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Bundesweit sind es zwar mit zehn Prozent Zustimmung und 25 Prozent "teils/teils" deutlich mehr. Trotzdem hegt damit knapp jede:r Fünfte der 2053 für Berlin repräsentativ ausgewählten Studienteilnehmer:innen zwischen 18 und 93 Jahren manifest oder latent judenfeindliches Gedankengut.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in den anderen von der Studie untersuchten Bereichen. 21 Prozent der Berliner:innen finden etwa, die Bundesrepublik sei „durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“, weitere 19 Prozent bewerteten die Aussage mit "teils/teils". Zwölf Prozent sehen eine „natürliche Hierarchie zwischen schwarzen und weißen Menschen“ – wobei zugleich 89 Prozent der Aussage „Ob Schwarz oder Weiß, das macht doch keinen Unterschied“ zustimmen und 79 Prozent angaben, es sei für sie kein Problem, wenn ihre Kinder eine:n Schwarze:n heirateten.

Rassistisches Gedankengut kommt oft nur indirekt zum Vorschein

Die Studienleiter Gert Pickel und Oliver Decker (Universität Leipzig) erwähnten am Donnerstag, dass bei der Bewertung solcher Sätze auch soziale Erwünschtheit eine Rolle spiele. "Viele Personen umgehen natürlich direkt rassistische Aussagen", erklärte Pickel. Aufschlussreich seien daher auch die Bewertung von Einstellungen, die viele Menschen nicht als rassistisch einordnen.

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Der Aussage "Schwarze Menschen sind besonders gute Sportler" etwa stimmen der Studie zufolge mit 47 Prozent fast die Hälfte der Berliner:innen zu. "Die meisten haben sich sicher nichts Negatives dabei gedacht, es steckt aber Distanzierung und Distinktion dahinter", erklärte Pickel – also eine deutliche Abgrenzung zwischen "uns" und "den anderen".

Decker hingegen warnte besonders vor dem Hang zu Verschwörungstheorien, der in Berlin mit 25 Prozent zwar weit weniger durchschlagend als im Bundesdurchschnitt (66 Prozent). Die Corona-Pandemie habe das Phänomen dabei nicht unbedingt verstärkt, sondern nur stärker zum Vorschein gebracht, erklärte Decker.

42 Prozent haben eigene Diskriminierungserfahrungen

Die Verschwörungsmentalität sei aber deshalb besonders gefährlich, weil sie häufig antidemokratisch sei ("Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte") und als Scharnier zu antisemitischem und anderem rechtsextremen Gedankengut diene.

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Im vierten Schwerpunkt beleuchtet der "Berlin-Monitor 2021" Diskriminierungserfahrungen von Berliner:innen: Zwei von fünf sind eigenen Angaben zufolge schon einmal aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, wegen Armut, Behinderung oder sexueller und geschlechtlicher Orientierung diskriminiert worden

Jeweils einer von fünf gab dabei an, von Arbeitskollegen, Arbeitgeber oder von einem:r Mitarbeiter:in einer Behörde diskriminiert worden zu sein. "Wir sehen uns dadurch in der Erlassung des Landesantidiskriminierungsgesetzes bestärkt, damit sich Betroffene in diesem Kontext konkret wehren können", erklärte Eren Ünsal, Leiterin der Landesstelle gegen Diskriminierung.

Armut und niedriger Bildungsgrad: Risikofaktoren für Rechtsextremismus

Sie sehe die Studie ansonsten als Arbeitsauftrag, einen Schwerpunkt auf Prävention zu legen und "junge Menschen an einem Punkt zu erreichen, wo ihre Wege noch nicht so gefestigt sind" – später sei Intervention kaum noch möglich, sagte Ünsal. Die höchsten Risikofaktoren für eine rechtsextreme Weltsicht, auch das ein Ergebnis der Studie: ein formal niedriger Bildungsabschluss und ein Haushaltseinkommen unter 1000 Euro.

Behrendt erklärte, die Ergebnisse der Studie zeigten "einmal mehr Licht und Schatten im Zusammenleben unserer Stadt": "Es lässt sich feststellen, dass die Berliner:innen eine Diktatur und Autokratie mehrheitlich ablehnen und der aktuellen Demokratie gegenüber positiv, Politiker:innen gegenüber jedoch ambivalent eingestellt sind." Zugleich zeige sich, wenn auch niedriger als im Bundesdurchschnitt, "deutlich vorurteilsbelastete und rassistische Einstellungen" in der Berliner Bevölkerung.

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