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Riesen in der Nachbarschaft. Viele Menschen auf dem Land wollen das nicht mehr hinnehmen. Foto: dpa
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Streit um Windenergie „Stellt Windparks auf das Tempelhofer Feld!“

Viele Berliner finden Windräder gut. Doch gebaut werden die Anlagen in der Provinz. Das ist ungerecht. Ein Kommentar.

Letztes Jahr war ich im Schlaubetal. Dort, im Landkreis Oder-Spree, gibt es Seen, alte Mühlen, viele Vögel, wenige Menschen. Ein Paradies.

Doch leider ist das mit der Idylle so eine Sache. Weil die Bahn an Wochenenden gern ihre Strecken in der Provinz repariert, war der RE 1 unterbrochen, der Weg nach Jacobsdorf mühselig. Als ich ankam, sah ich einen kleinen Bahnhof im Niemandsland mit einigen Häusern und Hügeln. Vor allem aber sah ich: Windräder.

Städter finden Windkraft gut

Es spricht vieles dafür, auf erneuerbare Energien wie Windkraft umzusteigen. Windräder erzeugen Strom, ohne klimaschädliches Kohlendioxid in die Luft zu pusten. Man muss auch nicht befürchten, dass sie das halbe Land verseuchen, wenn es zu einem Unfall kommen sollte. Die Windkraft hat viele Freunde. Die sitzen vor allem in den großen Städten wie Berlin, bestellen Ökostrom für ihre Wohnungen und pflegen so ihr gutes Umweltgewissen, ohne dafür Opfer bringen zu müssen.

Denn das tun die anderen. Menschen, die in der Brandenburger Provinz leben und jeden Tag mit den Riesen in ihrer Nachbarschaft konfrontiert werden. Wenn die mächtigen Flügel Schatten auf das Haus werfen, sinkt die Lust auf Gartenpartys. Man höre das Wummern selbst durch gut isolierte Fenster hindurch, sagen Betroffene. Das geht aufs Gemüt. Vogelfreunde ärgern sich darüber, dass Tiere von den Windradflügeln geschreddert werden, vor allem Mäusebussarde sind gefährdet.

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Viele Brandenburger wollen sich das nicht länger gefallen lassen. Die Klagen gegen Windräder nehmen zu, Abstandsregeln werden gefordert – Sicherheitsabstände für Menschen und Tiere, die in der Nähe von Windanlagen leben. Ein politischer Streit, der inzwischen auf höchster Ebene ausgetragen wird. Unter Umweltaktivisten hält sich das Verständnis für solche Wünsche in Grenzen. Viele von ihnen leben in Berlin, fern von jeder Windanlage.

Viel Wind: Auf dem Tempelhofer Feld wird der bislang nur zum Spaß genutzt. Foto: imago images/Stefan Zeitz Vergrößern
Viel Wind: Auf dem Tempelhofer Feld wird der bislang nur zum Spaß genutzt. © imago images/Stefan Zeitz

Berlin hat rund 3,7 Millionen Menschen und fünf Windanlagen. In diesem Jahr soll eine sechste hinzukommen. Wir haben schnelles Internet, die größte Uniklinik Europas, Ärzte, Schulen, Theater und Museen. Und auch die Bahn fährt meistens. An vielen Orten in der Brandenburger Provinz ist das anders: kein Internet, kein Bahnhof, kein Arzt, kein Krankenhaus, aber Windräder. Rund 3900 sollen es sein, bei gut 2,5 Millionen Einwohnern.

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Wäre es nicht an der Zeit, frischen Wind in die Diskussion zu bringen? Das Sein dem Bewusstsein anzupassen?

Wie wäre es also mit einem eigenen Windpark für Berlin in zentraler Lage, etwa auf dem Tempelhofer Feld? Klar, aufs Kitesurfen müsste man dann wohl verzichten. Dafür wäre der Ökostrom ganz schnell bei seiner Stammkundschaft, ohne großen Netzausbau. Kein Baum müsste sterben, wenn die Windräder am alten Flughafen einziehen. Man könnte sich natürlich auch gleich ein Windrad vor die Garage stellen und den Strom direkt ins E-Auto laden. Zugegeben, noch stehen einige rechtliche Bedenken dem Projekt entgegen. Doch die Zukunft gehört denen, die Undenkbares denken.

Sie wollen das nicht? Na, dann ziehen Sie doch um! Wenn Berlin erst einmal zur Hauptstadt der Windräder geworden ist, findet sich bestimmt ein ruhiges Plätzchen – in Brandenburg.

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