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Die Mühlendammbrücke in Mitte soll Foto: Kai-Uwe Heinrich
© Kai-Uwe Heinrich

Streit um Mühlendammbrücke Wichtige Berliner Brücke könnte von sechs auf zwei Fahrspuren reduziert werden

72.800 Fahrzeuge fahren täglich über die Mühlendammbrücke, das marode Bauwerk soll abgerissen und ab 2023 neu gebaut werden. Über die Breite gibt es Streit.

Auf sechs Spuren rauscht der Verkehr durch Berlins historisches Zentrum. 72.800 Fahrzeuge fahren täglich über die Mühlendammbrücke, die Fischerinsel und Molkenmarkt miteinander verbindet. Das Bauwerk aus den 1960er-Jahren ist mittlerweile marode geworden. Nun soll es abgerissen und neu gebaut werden. Die Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr und der Bezirk Mitte sehen das als Chance, das Stadtbild zu verändern. Doch wie breit die neue Brücke gebaut werden soll, darüber gibt es Streit.

Die Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr plant zwei Autospuren auf jeder Seite. So steht es in der nun fertiggestellten Auslobung für den Realisierungswettbewerb, die dem Tagesspiegel vorliegt. Im Vergleich zur alten Brücke fallen damit insgesamt zwei Autospuren weg. Das Verkehrsaufkommen werde damit um 10.000 Fahrzeuge täglich reduziert, heißt es im Konzept.

Für Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) sind das immer noch zu viele Autos. „Mir ist nicht klar, wie man dem Klimaschutzprogramm gerecht werden will, wenn man den Kfz-Verkehr an dieser Stelle so begünstigt“, sagt er. In seinem Büro im Rathaus Wedding hängen Stadtpläne an der Wand. Darin hat Gothe die Mühlendammbrücke und ihre Zufahrtsstraßen rot nachgezeichnet. „Mitten durch die Stadt ballern die Verkehrsströme“, sagt er und fährt die Linien mit dem Finger nach.

Dass sich dies in Zukunft ändern soll, ist auch die Strategie von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). Ihr Mobilitätsgesetz soll den Individualverkehr in der Stadt reduzieren. Für Gothe steht die Planung der Mühlendammbrücke dazu im Widerspruch. Er fordert: nur eine Autospur auf jeder Seite. Das Verkehrsaufkommen könne so um die Hälfte reduziert werden.

Der Verkehr solle in Zukunft um die Stadt geleitet werden und nicht mehr mitten durch führen. Mit der Verlängerung der A100 werde die Ringstruktur dafür geschaffen. Eine schmalere Brücke – Gothe schlägt maximal 36 Meter vor – habe auch städtebauliche Vorteile. Vor dem Molkenmarkt, dessen historische Struktur ab 2022 wiederhergestellt werde soll, könne ein freier Vorplatz mit Bäumen entstehen.

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Foto: Thilo Rückeis

Seit Februar hat Gothe drei Briefe an den zuständigen Staatssekretär Ingmar Streese geschrieben, mit der Bitte, den Realisierungswettbewerb zu verschieben. Im neusten Entwurf hat die Senatsverwaltung zumindest die Breite der Brücke von ursprünglich geplanten 42 bis 44 Metern auf 39,60 bis 42 Meter reduziert. Aktuell misst sie 45 Meter. An den je zwei Autospuren hält sie aber fest.

Verkehrsverwaltung: Eine Spur pro Richtung reicht nicht

„Nur eine Kfz-Spur an dieser Stelle wäre zu wenig für die aktuellen verkehrlichen Anforderungen“, sagt Sprecher Jan Thomsen auf Nachfrage. Die Brücke müsse den aktuellen Anforderungen aller Verkehrsarten auf und auch unter der Brücke gerecht werden. Einen Widerspruch zum Mobilitätsgesetz sieht er nicht. Ziel sei es, vor allem attraktive Angebote für Fuß- und Radverkehr und öffentliche Verkehrsmittel zu schaffen. Das sei der Fall.

In der Mitte der Mühlendammbrücke soll die Straßenbahn auf zwei Gleisen fahren. Seitlich sind Gehwege vorgesehen und daneben eine kombinierte Spur für Bus und Fahrradfahrer. Sobald die Tramstrecke in Betrieb ist, fällt die Busspur weg und wird zum Radweg.

[Die Autorin dieses Textes, Julia Weiss, schreibt den Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Mitte. Den gibt es hier: leute.tagesspiegel.de]

Doch nicht nur der Bezirk Mitte, sondern auch 14 Vereine und Initiativen wehren sich gegen die Pläne des Senats – darunter der Verein Berliner Historische Mitte, die Gesellschaft Historisches Berlin, der Berliner Fahrgastverband und die Fußgängervereinigung Fuss e.V.. Gemeinsam bilden sie die „Allianz für einen neuen Mühlendamm“. In einem öffentlichen Brief schrieben sie bereits 2019: „Hier wird ein Bauwerk errichtet, das nicht der Politik der Landesregierung und schon gar nicht dem Bürgerwillen entspricht.“

"House of One" äußert sich kritisch

Auch die Stiftung des „House of One“ – das Drei-Religionen-Haus, das am Petriplatz gebaut wird – äußert sich kritisch. „Eine Verkleinerung der Brücke und damit auch der Gertraudenstraße brächte einen deutlichen Mehrwert“, sagt Roland Stolte von der Stiftung auf Nachfrage. „Aktuell rauscht der Verkehr in hohem Aufkommen vorbei und wird es nach jetziger Planung auch in Zukunft tun – direkt neben den Arkaden des Sakralbaus und unter erheblicher Lärm- und Abgasbelastung.“

Der Zeitplan für den Realisierungswettbewerb und den Bau der Brücke steht bereits fest. Im November wird der Wettbewerb ausgeschrieben, bis Januar 2021 können Entwürfe eingereicht werden. Der Bau der Brücke soll 2023 starten. In dieser Zeit werde der Verkehr auf zwei Spuren reduziert, sagt Gothe. Er hofft weiterhin auf eine veränderte Planung und fordert, das Abgeordnetenhaus in die Entscheidung mit einzubeziehen. Das sei zwar aufwendig, aber die Sache wert, sagt er. „Schließlich bauen wir so eine Brücke nur alle hundert Jahre.“ Julia Weiss

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