Biotop oder Bauland? Im Moment stehen hier am Dahlemer Weg noch Hunderte Bäume. Foto: Thilo Rückeis
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Streit um Flüchtlingsunterkunft in Berlin Warum Naturschützer den Dahlemer Weg verteidigen

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In Lichterfelde sollen Bäume, Tiere und Pflanzen einem Flüchtlingsheim weichen. Dagegen protestieren Anwohner und Umweltschützer.

Die Zweige wachsen so dicht, und sie sind so hoch, dass man sich ein paar Sekunden fühlt wie im Dschungel. Achim Förster drückt die Zweige links und rechts zur Seite, unter seinen Schuhen knirscht Laub, jeden Schritt setzt er bedächtig. Dann, nach ein paar Metern, kniet er nieder. Er ist an einer wichtigen Futterstelle.

„Hier“, sagt er und deutet auf einen Strauch. „Ein Pfaffenhütchen. Im Herbst trägt er rote Früchte. Die sind hochgiftig, aber manche Vögel sind darauf angewiesen.“ Gleich daneben wachsen kleine lila Blumen. „Lerchensporn“, sagt Förster, ein Mohngewächs, für Insekten ganz wichtig.“

Das Biotop, in dem Förster steht, ist aber noch für viel mehr Tiere wichtig. Das wild wuchernde Areal am Dahlemer Weg 247 ist ein wertvolles Refugium für viele Pflanzen und Tiere. Deshalb ist Förster jetzt hier, er will die Bedeutung dieser geschützten Grünfläche demonstrieren. Ein Experte, einer der beiden Sprecher der Gruppe Südwest des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Förster hat vor vielen Jahren den Wald im Museumsdorf Düppel gestaltet, wie er erzählt. Jetzt ist der studierte Chemiker Rentner und kämpft um den Naturschutz am Rand von Lichterfelde. „Wenn dieses Gebiet gerodet würde, wäre das ein Super-Gau“, sagt er.

Ein ökologisches Kleinod

Das Gebiet ist rund 12.000 Quadratmeter groß, seit Jahrzehnten wächst hier die Natur ohne menschliche Eingriffe, ein ökologisches Kleinod. Aber es ist bedroht, dieses Kleinod. Auf der Hälfte des Areals soll eine Modulare Unterkunft (MUF) für Flüchtlinge gebaut werden. Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf hat den Dahlemer Weg 247 vorgeschlagen. 500 Flüchtlinge sollen hier wohnen. Das wäre das Ende von Hunderten von Bäumen.

Aber noch, sagt Förster, „ist das Gebiet ein ganz wichtiger Platz zum Beispiel für Vögel“. Im Dahlemer Weg wurden gesichtet: zwei Habichtpaare, ein Mäusebussard, ein Milan, dazu kommen Gimpel, Kernbeißer, Schwanzmeisen, Buntspecht. Es gibt Ringelnattern, Zauneidechsen, Molche, Hornissen, Bienen und viele verschiedene Käfer.

Achim Förster vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) am Dahlemer Weg 247. Foto: Frank Bachner
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„Dazu“, sagt Förster, „haben wir alle wichtigen Baumarten, die ein wertvolles Biotop ausmachen.“ Dann zählt er auf, der Blick geht übers Gelände. „Viel Spitzahorn, dazu Feldahorn, vereinzelt Eichen, und natürlich sehr viel Sträucher. Haselnuss, Holunder, Alpenjohannisbeere.“

Das Idyll am Dahlemer Weg ist Teil einer biologischen Kette, darin liegt seine besondere Bedeutung. So schildert es Förster. „Die Fläche gehört zum Biotopverbund der zum Teltowkanal führt.“ Der Teltowkanal ist 500 Meter entfernt. Bedeutsame Naturflächen bilden „einen Grünzug“. Dieser Verbund „ist wichtig für den Artenaustausch zwischen Berlin und Brandenburg“, sagt der BUND-Experte. Zu dieser Kette gehört auch der Laer-Park, in unmittelbarer Nähe des Dahlemer Weg, nur getrennt durch eine Straße. „Die Straße“, sagt Förster, „ist für den Artenaustausch kein Hindernis.“

12.000 Quadratmeter Wildnis

Aber wenn plötzlich das Refugium Dahlemer Weg fehlte, hätte das enorme Auswirkungen. Förster erklärt es mit dem Bild einer Leiter. Die einzelnen Flächen des Verbunds – Lebensraum für diverse Tiere und Pflanzen – entfalten ihre Wirkung erst im Zusammenspiel. Fällt ein Teil weg, entsteht ein Problem.

Förster steht neben dem Lerchensporn und erzählt jetzt von der Leiter. „Wenn bei der plötzlich eine Sprosse fehlt, ist möglicherweise die ganze Leiter nicht mehr viel wert.“ Und Leuten, die behaupten, dass es doch nicht schlimm sei, wenn mal ein Gebiet von 12.000 Quadratmeter als Wildnis fehle und dass doch gleich daneben der viel größere Laer-Park stehe, denen schildert Förster noch ein viel drastischeres Beispiel.

„Man kann natürlich auch sagen: Es ist doch nicht so schlimm, wenn ich jemanden ein Auge rausschlagen, es gibt ja noch ein zweites. Damit kann man doch auch sehen.“ Intakte Natur ist ein komplizierter Prozess, bei dem viele Dinge ineinandergreifen, das will Förster damit sagen. „Dieser Austausch der Arten ist sehr wichtig. Das nennt man Biodiversität.“ Gerade durch seine Urwüchsigkeit unterscheidet sich der Dahlemer Weg vom Laerpark. Ökologisch ist er damit partiell wertvoller.

Im Dahlemer Weg liegt viel Totholz, Lebensraum für Insekten, Käfer und andere Kleintiere. Und die sind dann wieder Nahrung für Vögel. Außerdem finden im dichten Unterholz Raubvögel genügend Futter. Und dann natürlich die Bäume. „Dort leben viele Insekten“, sagt Förster, „Nahrung für viele Vögel.“

Nicht bloß Förster, eine ganze Bürgerinitiative kämpft für den Erhalt dieser wilden Natur. Rund 1000 Unterschriften hat die Initiative „Lebenswertes Lichterfelde“ bereits gesammelt, sie möchte dazu auch noch Videos produzieren, in denen der drohende Kahlschlag angeklagt wird.

Einer der Wortführer der Bürgerinitiative ist Klaus Hufnagel, ein 72-jähriger Arzt. Auch er steht auf dem Gelände, er erzählt, wie schnell er Unterschriften zusammen bekommen hat. Und er sammelt weiter, der Protest wird nicht nachlassen. Noch haben die Mitglieder der Initiative Hoffnung. Noch gibt es kein Umweltgutachten zum Dahlemer Weg 247.

Maren Schellenberg, die Bezirksstadträtin für Immobilien, Umwelt und Tiefbau in Steglitz-Zehlendorf, sagt, dass die für MUFs vorgesehenen Standorte erst mal auf ihre grundsätzliche Eignung geprüft würden. Das gelte auch für den Dahlemer Weg 247. Wenn der „als grundsätzlich geeignet angesehen wird, erfolgt eine vertiefte Prüfung bei der auch die Aspekte des Natur- und Artenschutzes selbstverständlich mit einbezogen werden.“ Und nach dieser Prüfung kann es sein, „dass die Fläche aus diesen Gründen nicht geeignet ist.“ Naturschützer wie Förster und Klaus Hufnagel benötigen dazu keine Prüfung.

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