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Schauen bald auf Beton: Joachim Baum (links) und Hans-Jürgen Schreen aus der Azpodienstraße.  Foto: Robert Klages
© Robert Klages

Streit um Bebauung von Berliner Innenhof „Ich will die nächsten Jahre nicht nur auf Beton schauen“

Nachverdichtung in Berlin-Lichtenberg: Auf einem kleinen Innenhof sollen 50 Wohnungen entstehen. Anwohner:innen sind wütend - die Politik ringt um Lösungen. 

Ja, sie hätten auch darüber nachgedacht, sich an die Bäume zu ketten, erzählt Hans-Jürgen Schreen. Er flüstert, denn neben ihm spricht Ulrich Schiller, Geschäftsführer der Howoge, in ein Mikrofon und versucht, die buhenden Anwohner:innen zu beschwichtigen, die sich an diesem Donnerstagnachmittag im Innenhof ihres Blocks in der Azpodienstraße 24/25 versammelt haben.

Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft will hier nachverdichten und ein Haus mit 50 Wohnungen errichten – einige, wie Schreen, hätten dann nicht mehr einen grünen Innenhof als Ausblick, sondern eine Hauswand – in den unteren Stockwerken würde es schattiger werden.

„Ich will die nächsten Jahre nicht nur auf Beton schauen“, sagt der 72-jährige Schreen, einer der ersten Mieter:innen in dem Howoge-Gebäude, als dieses 1976 errichtet wurde. Sein Nachbar Joachim Baum sagt, er sei wegen des grünen Innenhofs hierhergezogen. 

Der 66-Jährige und seine Familie denken darüber nach, wegzuziehen. Neben den Bäumen müssen der Spielplatz und eine Sitzecke der Nachverdichtung weichen. Laut Howoge soll der Spielplatz an einer anderen Stelle wieder aufgebaut werden und es soll Ersatzpflanzungen geben.

Einige Mieter:innen sorgen sich um die Parkplätze, denn die neuen Nachbar:innen würden sicherlich Autos mitbringen. Die Howoge schreibt dazu in einer Information an die Bewohner:innen, die begrenzte Anzahl von Parkplätzen in der Gegend sei bekannt. 

Nach der Berliner Landesbauverordnung ist der Bau von Parkplätzen bei Neubauvorhaben bereits seit vielen Jahren nicht mehr vorgeschrieben. Daher plane man Projekte grundsätzlich ohne diese, „unter Berücksichtigung der steigenden Bedeutung von alternativen Verkehrsmitteln“, so die Howoge. Es würden zudem zwei Fahrradstellplätze pro Neubauwohnung geschaffen.

Grüner Innenhof Adé: hier sollen Wohnungen entstehen. Anwohner protestieren.  Foto: Robert Klages Vergrößern
Grüner Innenhof Adé: hier sollen Wohnungen entstehen. Anwohner protestieren.  © Robert Klages

Am 23. Januar fielen 16 Bäume im Innenhof, die Anwohner:innen wurden davon überrascht, einige, wie Schreen, eilten hinaus und versuchten, die Arbeiter:innen aufzuhalten – die Polizei musste einschreiten. Jemand von der Howoge habe zu ihm gesagt, diese sei nicht verpflichtet, den Anwohner:innen mitzuteilen, was hier gebaut werden soll – so berichtet es Schreen.

Eben diese mangelhafte Kommunikation macht viele in dem Häuserblock wütend, sie beschimpfen Howoge-Geschäftsführer Schiller. Die Bezirkslinken geben Baustadtrat Kevin Hönicke (SPD) die Schuld, dessen Posten sie gerne mit einem Genossen im traditionell linksgeführten Bezirk besetzen würden. 

Hönicke und das Bezirksamt hatten das Bauvorhaben jedoch bereits in einer Mitteilung vom 3. November 2020 angekündigt – die Linken hätten schlicht nicht aufgepasst, so der ehemalige Lehrer Hönicke, der die Schuld für die unangekündigten Fällungsarbeiten zurück an die Howoge gibt.

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In einem Schreiben an die Mieter:innen entschuldigt sich diese für die späte Ankündigung. Eigentlich habe man erst informieren wollen, wenn die Baugenehmigung vorliegt – doch diese lässt von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf sich warten. Da die Genehmigung für die Baumfällungen bereits da war, fing die Howoge schon mal an damit. Denn ab März dürfen keine Bäume mehr gefällt werden, Schutzzeit.

"Grüne Wiese statt graue Klötze." Mieter:innen in der Azpodienstraße wollen ihren Innenhof erhalten.  Foto: Robert Klages Vergrößern
"Grüne Wiese statt graue Klötze." Mieter:innen in der Azpodienstraße wollen ihren Innenhof erhalten.  © Robert Klages

Dort, wo noch vor ein paar Tagen hohe Bäume wuchsen, stehen nun wütende Mieter:innen. Die Linken im Bezirk unterstützen den Protest. Norman Wolf, Fraktionsvorsitzender, sagt zu Howoge-Geschäftsführer Schiller: „Ihre Anwesenheit wird nicht dazu führen, dass die Proteste abnehmen.“ 

Wolf wurde gerade zum Direktkandidaten für das Abgeordnetenhaus gewählt. Er übernimmt den Wahlkreis von Harald Wolf, der seit 1999 bei den Wahlen gewonnen hatte und nun nicht mehr antritt. Wolf, der neue, lässt Schiller im Innenhof noch erwidern, wenn dieser denn noch etwas zu sagen habe, und steckt das Mikrofon zurück in den Ständer.

Howoge: Das Land Berlin entscheidet

Schiller gibt sich entspannt: „Wenn sich das Land Berlin entscheidet, hier nicht zu bauen, akzeptieren wir das.“ Warum die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen noch keine Baugenehmigung erteilt hat, wisse er nicht. Dort hatte erst im August 2020 Senator Sebastian Scheel (Linke) für Katrin Lompscher (Linke) übernommen, gegen die ein Ermittlungsverfahren wegen fehlerhafter Abrechnungen eingeleitet worden war.

Bezirkslinke, Senatslinke und Howoge überwerfen sich nicht das erste Mal bei einem Bauvorhaben in Lichtenberg. Wolf und Scheel duellierten sich bereits in der Salzmannstraße 34. Dort will die Howoge ein Hochhaus bauen – Anwohner:innen protestierten zusammen mit Wolf und seinen Linken, der Bezirk brachte eine Resolution ein, die auch von anderen Fraktionen unterstützt wurde. Denn das Haus sei zu hoch. Die Howoge legte Widerspruch ein und Scheels Senatsverwaltung übernahm – und stimmte dem Hochhausbau zum Unmut des Bezirks zu.

Bezirk und Howoge tauschen Grundstücke

Zwei Monate später konnte man sich einigen und tauschte Grundstücke wie Bauklötze: Die Howoge verzichtet nun zwei Jahre lang auf dem Bau des Hochhauses – damit der Bezirk dort eine temporäre Schule errichten kann. Die Wohnungsbaugesellschaft bekommt dafür vom Bezirk ein Grundstück in der Sewanstraße und kann dort ein Vorzeige-Öko-Projekt mit 99 Wohnungen hochziehen. 

Da in der Sewanstraße aber die überfüllte Schule steht, für die es einen temporären Anbau geben muss, fragen sich viele, ob das so ein guter Tausch war. Die Linken jedenfalls feiern sich dafür, zusammen mit den Anwohner:innen den Bau des Hochhauses hinausgezögert zu haben.

[Wie es in dem Streit in der Azpodienstraße und um das Hochhaus weitergeht, sowie vieles mehr aus dem Bezirk Lichtenberg, berichten wir im Lichtenberg-Newsletter vom Tagesspiegel. Kostenlos unter leute.tagesspiegel.de]

Wie es in dem Hinterhof der Azpodienstraße weitergeht, ist noch offen. Trotz noch fehlender Baugenehmigung plant die Howoge, die Anwohner:innen nun offener über die anstehende Bebauung zu informieren. Vor Beginn der Bauarbeiten soll ein „voraussichtlich digitales und hybrides Format“ angeboten werden, um offene Fragen zu klären. 

Die Menschen im Innenhof finden, sie sollten nicht nur informiert werden, sondern auch mitbestimmen, was, und ob überhaupt gebaut wird. „Aber am Ende können wir ja eh nichts machen“, stöhnt Schreen und senkt den Kopf.

Holzetagen sollen auf Plattenbauten gesetzt werden.  Foto: S&P Sahlmann Planungsgemeinschaft Vergrößern
Holzetagen sollen auf Plattenbauten gesetzt werden.  © S&P Sahlmann Planungsgemeinschaft

Doch wie bei dem Hochhaus in der Salzmannstraße könnten Bezirk und Howoge auch in der Azpodienstraße Grundstücke tauschen. Sebastian Schlüsselburg, der für die Linken bereits im Abgeordnetenhaus sitzt und an diesem Donnerstag mit Genosse Wolf in den Innenhof gekommen ist, schlägt der Howoge ein nahegelegenes Grundstück vor, das für den Wohnungsbau erheblich besser geeignet sei – dort, in der Möllendorffstraße / Storkower Straße müsse nur noch die Blockrandbebauung realisiert werden. 

Das Gelände gehört Lidl. Das Unternehmen hat bereits eine Partnerschaft mit der Howoge abgeschlossen. An dem Standort könnten bis zu 20 Geschosse auf einem Discounter errichtet werden. "Der ideale Standort, um mal richtig nach oben zu bauen", findet Schlüsselburg. Doch zunächst ist der Bezirk dagegen und verweist auf eine maximale Höhe vom sieben Geschossen. 

Sollte dies umsetzbar sein, „wäre eine Nachverdichtung in der Azpodienstraße nicht mehr erforderlich“, so Schlüsselburg. Natürlich, man müsse leistbaren Wohnraum schaffen, aber nicht alle Grundstücke, „auf denen baurechtlich gerade noch so Platz vorhanden ist“, seien für die Nachverdichtung auch wirklich geeignet.

Warum nicht auf bereits bestehende Häuser Etagen draufsetzen? Also in die Höhe bauen, wie es die Howoge nun in einem Pilotprojekt realisieren will. Neben einem Gebäude in Berlin-Buch soll auch ein Sechsgeschosser in der Lichtenberger Seefelder Straße um zwei Etagen wachsen, wodurch 50 neue Wohnungen entstehen. Eine andere Art der Nachverdichtung, durch Holzbauweise, die leichter ist.

„Technisch wären noch mehr Geschosse möglich“, erläutert Howoge-Geschäftsführer Schiller. Allerdings würde damit die Hochhausgrenze überschritten, was zu erheblichen Brandschutzauflagen führen würde. Aber vielleicht helfen da ja Linker Bezirk und Linke Senatsverwaltung etwas nach.

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