Solarenergie trifft Gas: Eine traditionelle Laterne in Mitte. Foto: Imago
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Straßenbeleuchtung Berlin schafft Gaslaternen ab – aber langsamer als geplant

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Energieverschwendung oder Kulturgut? Über Gaslaternen wird in Berlin leidenschaftlich gestritten. Doch die Umrüstung ist kompliziert.

Todgeweihte funzeln länger: Etwa zehn Jahre nach Beginn der Umrüstung existieren noch rund 30.000 der einst gut 40.000 Gaslaternen in Berlin. Dabei sollen in Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt nur 3300 der vor rund einem Jahrhundert installierten Laternen dauerhaft erhalten bleiben. Und schon das war ein Zugeständnis an die vielen Freunde des für Berlin charakteristischen Gaslichts, das vor allem Wohnstraßen in den westlichen Bezirken in heimeliges Licht taucht, ohne zu blenden. Zurzeit können die Laternen ihren Charme täglich fast 16 dunkle Stunden lang verströmen.

Je nach Budget werden ungefähr 3000 Gasleuchten pro Jahr auf Strom umgerüstet. Während die sogenannten Gasreihenleuchten entlang der großen Hauptstraßen praktisch verschwunden sind, geht es nun um die Aufsatz- und Hängeleuchten in den Kiezen. Dabei erweist es sich als Glück, dass die Umrüstung nicht schon früher begann: Erst in den letzten Jahren sind die warmweißen Leuchtdioden, deren Licht kaum von dem der Gasglühstrümpfe zu unterscheiden ist, besser und billiger geworden.

Während es aus der Verwaltung noch vor vier Jahren hieß, LED-Technik sei als stadtweiter Standard zu teuer, teilt die Verkehrsbehörde jetzt mit: „Seit längerem beschaffen wir fast ausnahmslos LED-Leuchten“ – also auch als Ersatz für die fast 200 000 teils angejahrten Elektroleuchten, unter denen Natriumdampf-Lampen mit 45 Prozent die Mehrheit bilden, gefolgt von Leuchtstofflampen mit 30 Prozent. Die Kosten seien vor allem für jene Modelle stark gesunken, die auch andere Kommunen kauften.

Für die Gaslaternen als Berliner Spezialität gelte das weniger, zumal sich bei denen in vielen Fällen die Maste als irreparabel erweisen. Dafür sinken ihre Betriebskosten am stärksten. Als Richtwerte nennt die Verwaltung 50 Euro pro elektrischem Standort im Jahr und 350 bis 400 Euro pro Gaslaterne.

Gaslaternen verschwenden fast 98 Prozent der Energie

Zuletzt wurden in Spandau 1800 Gasleuchten durch LEDs ersetzt – zur Hälfte gefördert durch die EU. Das Geld gibt’s wegen des Effizienzgewinns, denn Gaslaternen verpulvern fast 98 Prozent der Energie als Wärme. Laut Umweltverwaltung sinkt der Energieverbrauch pro Leuchte von 4469 auf 100 Kilowattstunden im Jahr, was allein in Spandau rund 1560 Tonnen CO2-Ausstoß vermeide.

Aktuell würden einige Gas-Hängeleuchten in Marzahn-Hellersdorf umgerüstet; im Frühjahr soll das nächste große Vorhaben zunächst in Wedding starten. Es betrifft bis 2020 mehr als 5500 Gaslaternen auch in Charlottenburg, Wilmersdorf, Hermsdorf und Moabit. CO2-Einsparung laut Verwaltung: 5030 Tonnen pro Jahr. Das entspricht der Jahresbilanz von knapp 1000 Durchschnittsberlinern.

Wie viel der im „Lichtkonzept“ des Senats von 2011 avisierten CO2-Einsparung von 30 bis 50 Prozent bei der Straßenbeleuchtung schon erreicht ist, ließ die Verwaltung auf Nachfrage offen. Sie teilt nur mit, dass der Gasverbrauch seit 2012 um mehr als 30 Prozent gesunken sei.

„Die LED-Imitate sehen gut aus – aber sie sind kein Gaslicht, dessen Potenzial zum Weltkulturerbe uns der Denkmalexperte Peter Burman bestätigt hat“, sagt Bertold Kujath, Vorsitzender des Vereins Gaslicht-Kultur. Zudem sei zu befürchten, dass billigere Varianten verbaut würden, falls die EU-Förderung ende.

Stadtweit gibt es 224.000 Laternen

Die Gaslaternen und ihre LED-Klone sind die Lieblinge, aber zugleich eine Minderheit unter den stadtweit 224.000 Laternen. Die Summe ist seit vielen Jahren konstant. Bei Umrüstungen werden es laut Umweltverwaltung meist ein paar mehr. Zugleich gebe es anderswo Abgänge, etwa „weil die Eigentümer- und Widmungsverhältnisse wechseln“.

Was damit gemeint ist, erlebten kürzlich manche Siemensstädter, in deren Privatstraßen die Gaslaternen ersatzlos verschwanden. „Dieses Problem könnten wir wegen der zunehmenden Zahl privater Straßen noch häufiger bekommen“, sagt der SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz. Meist liegen Privatstraßen zwar in neuen Quartieren und werden gleich beim Bau mit Laternen bestückt, „aber die Pflichten eines privaten Straßeneigentümers etwa zur Verkehrssicherungspflicht sind nirgends klar geregelt.“

Die Verwaltung betont, dass die Eigentümer bestehender Privatstraßen vorab gewarnt würden und in der Regel angeboten bekämen, die Laternen zum Weiterbetrieb auf eigene Rechnung zu übernehmen. Die ersatzlose Demontage der Spandauer Gasleuchten wäre demnach eine Ausnahme. Überwiegend betreffe das Thema Kleingartenanlagen und Anliegerwege in Großsiedlungen.

Während die LEDs zumeist aus Fernost kommen, sind die lokalen Innovationen überschaubar: Die 2016 in Betrieb gegangene Beleuchtung am Bundesplatz ist nach wie vor die einzige, die ihr Licht zwischen 23 und 5 Uhr automatisch dimmt, wenn niemand unterwegs ist – und es sensorgesteuert wieder hochfährt, sobald sich etwas bewegt.

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