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Yuri Amir Radchenko, ukrainischer Historiker aus Charkiw und Mitglied der lokalen jüdischen Gemeinde, hat die Bücher der Thora im Keller fotografiert. Foto: Yuri Amir Radchenko
© Yuri Amir Radchenko

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas über Ukraine-Krieg Alte Traumata werden geweckt

Putins Angriffskrieg traumatisiere erneut die jüdische Bevölkerung in der Ukraine, sagen Stiftungsdirektor Uwe Neumärker und Mitarbeiterin Svetlana Burmistr.

Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas engagiert sich seit Jahren in der Ukraine. Sie fördern und unterstützen das Gedenken ermordeter Juden und Roma während der deutschen Besatzung zwischen 1941 und 1944. Bevor wir über die aktuelle Situation in der Ukraine sprechen, können Sie kurz das Projekt erläutern.
Svetlana Burmistr: Unser Projekt „Netzwerk Erinnerung“ basiert auf dem Projekt „Erinnerung bewahren“, das im Jahr 2011 initiiert wurde und den Schutz der Massengräber von ermordeten Juden und Roma in der Ukraine zum Ziel hat. In den Jahren 2011 bis Ende 2019 wurden insgesamt 20 solcher Gedenkorte gesichert, baulich geschützt und als würdige Gedenk- und Informationsorte gestaltet. Das ist in Zusammenarbeit mit dem ukrainischen Zentrum für Holocaust-Studien und lokalen Schulen und einer historischen Aufarbeitung geschehen. In unserem neuen Projekt „Netzwerk Erinnerung“ haben wir erkannt, dass es an vielen verschiedenen Orten zahlreiche lokale Initiativen gib, die aus eigener Kraft heraus die Erinnerung an den Holocaust schützen wollen.

Was heißt das konkret?
Burmistr: Diese Menschen kümmern sich um Zeitzeugen, die Geschichte und um die Massengräber, die keinem staatlichen oder anderen Schutz obliegen. Seit 2020 vernetzen wir diese Initiativen und wir haben zusammen Bildungsangebote entwickelt. Es sind viele junge engagierte Menschen dabei, die Erfahrungen im Projektmanagement haben und die wichtige Arbeit als Mentoren leisten.

Uwe Neumärker: Für uns war bei diesen Projekten immer wichtig, dass die lokale Bevölkerung Juden und die jüdische Geschichte nicht als etwas anderes, als etwas Fremdes begreift, sondern als Teil ihrer eigenen großen Nationalgeschichte. Und das ist uns gelungen. Das Projekt „Netzwerk Erinnerung“ war auch in Belarus und in Teilen der Russischen Föderation angelegt. Aufgrund der schwierigen Situationen in diesen Ländern findet eine Zusammenarbeit dort aber nur noch punktuell statt.

Um Ihr Engagement zusammen mit den lokalen Partnern besser zu verstehen. Welche Verbrechen haben die Deutschen im Zweiten Weltkrieg in diesen Ländern verübt?
Neumärker: Wir reden vom Massenmord an den europäischen Juden, der natürlich schon mit der Besetzung Polens im September 1939 begann, aber mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 systematisch wurde. Und hier sind vor allem die Gebiete des heutigen Belarus und der heutigen Ukraine betroffen. Die Mehrzahl der etwa zwei Millionen jüdischen Kinder, Frauen und Männer, die erschossen worden sind, stammen aus diesen beiden Gebieten.

Sie sind zwischen Sommer 1941 und Sommer 1944 von deutschen Einheiten mit Unterstützung Einheimischer, aber auch mit Unterstützung anderer Nationen erschossen worden. In der Ukraine sind zudem 12.000 Roma ermordet worden. Hinzukommen die systematische Zerstörung von Städten und Dörfern. Allein in Belarus wurden mehr als 600 Dörfer komplett zerstört.

Sind Sie mit Ihren Partnern und Partnerinnen in der Ukraine permanent in Kontakt. Wie geht es ihnen?
Burmistr: Wir sehen, dass unser Netzwerk auch jetzt in der Kriegssituation funktioniert. Die Menschen helfen sich gegenseitig. Die Mentoren bleiben in Kontakt mit ihren Gemeinden und fragen, wie es ihnen geht. Für die Gemeinden ist es unglaublich wichtig, dass sich jemand für sie interessiert. Wir sind ebenfalls im direkten Kontakt mit jüdischen Gemeinden in der Ukraine, und wir sehen, dass die Lage dort von Tag zu Tag dramatischer wird. Die Menschen versuchen in ihrer Umgebung, den Alten, den Kranken und den Alleinerziehenden zu helfen.

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Viele unserer Partner haben ihre Frauen und Kinder an die Grenze nach Polen gebracht. Die ukrainischen Männer zwischen 18 und 60 Jahre dürfen das Land ja nicht verlassen. Neben dem Bangen um ihr Überleben ist unsere aller Sorge jetzt auch, dass die jahrelange Recherchearbeit der Wissenschaftler, Historiker und Historikerinnen zunichtegemacht wird. Computer und Festplatten können verloren gehen oder zerstört werden. Darauf haben wir reagiert. Wir stellen unseren Partnern und Partnerinnen – darunter auch ein Museum in Lwiw – Speicherplatz zur Verfügung, um diese Arbeit zu sichern.

Sie sind täglich, zum Teil sogar stündlich mit den Menschen in der Ukraine in Kontakt. Was berichten sie Ihnen noch?
Neumärker: In unserem Projekt arbeiten wir mit der wunderbaren Fotografin Anna Voitenko zusammen. Sie harrt gerade in Kiew mit ihrer Mutter in einem Keller aus. Ihre gesamte Arbeit befindet sich in einem Hochhaus und droht, zerstört zu werden. Die russische Armee bombardiert mittlerweile auch gezielt zivile Objekte – auch Museen und Kultureinrichtungen. Man will die Seele des Landes auslöschen. Oder unser Fahrer Gennadiy lebt in einer Kleinstadt in der Ostukraine und ist gestern früh durch Bomben geweckt worden. Er hat uns berichtet, dass die Einschläge immer näherkommen. Er will dort aber nicht weg. Es ist seine Heimat.

Die ukrainische Fotografin Anna Voitenko sucht jetzt auch Schutz mit ihrer Mutter und anderen Nachbarn im Keller in Kiew. Foto: Anna Voitenko Vergrößern
Die ukrainische Fotografin Anna Voitenko sucht jetzt auch Schutz mit ihrer Mutter und anderen Nachbarn im Keller in Kiew. © Anna Voitenko

Burmistr: In Ochtyrka an der russisch-belarussischen Grenze arbeiten wir sehr eng mit einer Initiative und dem lokalen Museum zusammen. Noch vor fünf Wochen, anlässlich des internationalen Gedenktages für die Opfer des Holocaust, wurde dort eine Wanderausstellung über unser Projekt eröffnet. Uns wurde berichtet, dass die Stadt zu 80 Prozent zerstört worden sein soll.

Unseren Partnern und Partnerinnen dort geht es soweit gut. Sie sind am Leben. Wir wissen aber nicht, ob das Museum noch steht oder nicht. Unsere lokalen Partner in Charkiw posten täglich Fotos aus dem Keller. Noch funktioniert das Internet und sie haben eine Verbindung zur Außenwelt. Seit gestern nehmen sie aus Sicherheitsgründen auch die Thorarollen mit in den Keller, weil die Raketenangriffe immer stärker werden.

Was bedeutet dieser Angriffskrieg gerade für die jüdische Bevölkerung in der Ukraine?
Burmistr: Die wenigen Holocaustüberlebenden, die es in der Ukraine noch gibt, sind hochtraumatisiert. Genau diese Kriegserfahrungen – Raketenbeschuss und Bombardierungen – sind bei ihnen sehr präsent. Es gibt im osteuropäischen Raum eine Redewendung, seit Generationen ist das fast schon ein Mantra „Главное, чтобы не было войны“ – „Hauptsache, es gibt keinen Krieg“. Und jetzt ist der Krieg wieder da. Die Menschen wissen ganz genau, was das bedeutet. Auch für ihre Kinder und Enkel ist das sehr schrecklich, weil sie diese Traumata ebenfalls in sich tragen. Diese Menschen sitzen nun alle in ihren Kellern, weil es ihre Heimat ist, aber auch weil sie nicht wissen, wo sie hinkönnen.

Im Sommer 2019 wurde im Rahmen des Projektes "Erinnerung bewahren" in der Nähe von Ljubar eine Gedenkstätte eingeweiht. In der Kleinstadt westlich von Kiew lebten bei der Volkszählung 1939 mehr als 1800 Juden. Etwa 400 Juden wurden im August 1941 in der Nähe des Ortes erschossen und in Gruben verscharrt. Foto: Jana Demnitz/Tsp Vergrößern
Im Sommer 2019 wurde im Rahmen des Projektes "Erinnerung bewahren" in der Nähe von Ljubar eine Gedenkstätte eingeweiht. In der Kleinstadt westlich von Kiew lebten bei der Volkszählung 1939 mehr als 1800 Juden. Etwa 400 Juden wurden im August 1941 in der Nähe des Ortes erschossen und in Gruben verscharrt. © Jana Demnitz/Tsp

Wie bewerten Sie Putins Angriffskrieg auf die Ukraine?
Neumärker: Man muss sich zunächst eines vergegenwärtigen. Die damalige Sowjetunion hat in einem der brutalsten Kriege, den es in der Menschheit gegeben hat, den sogenannten Hitlerfaschismus besiegt. Der deutsche Vernichtungskrieg war für das Land verheerend. Es gab etwa 27 Millionen Tote auf dem Gebiet der Sowjetunion, darunter 14 bis 15 Millionen Zivilisten.

Das Land lag in Trümmern und in einer gemeinsamen Aufbauarbeit vor allem von Belarussen und Ukrainerin und Teilen der russischen Bevölkerung Russlands ist über Jahrzehnte das alles wieder aufgebaut worden. Kulturgüter – gerade in Kiew und in Minsk – wurden wiederaufgebaut. Man ist mit der Überzeugung an diesen Wiederaufbau gegangen: Nie wieder Krieg! Es gibt ja auch das berühmte Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“ und die Antwort war über Jahrzehnte: "Nein!" Und spätestens jetzt hat dieser KGB-Mensch all diese Gewissheiten über Bord geworfen.

Putins Aggressionen fingen ja schon viel früher an.
Neumärker: Richtig. Transnistrien, ein Teil der Republik Moldau, steht unter russischem Einfluss, Teile Georgiens sind nach dem Krieg 2008 besetzt worden und schließlich die Annexion der Krim und der Einmarsch im Donbass 2014. An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal betonen, das war nie ein „Ukraine-Konflikt“, wie es vor der Invasion oft in der Öffentlichkeit hieß. Das war von Anfang an ein von Putin initiierter Krieg im Osten der souveränen Ukraine.

Auch für dieses Jahr hatten Sie konkrete Pläne. Können Sie dazu schon etwas sagen?
Burmistr: Als Erstes denken wir an die Menschen in der Ukraine. Aber bezogen auf unsere Projektarbeit sind wir sehr froh, dass z.B. der Flugplatz in der Stadt Berdytschiw in der Zentralukraine schon vor dem Krieg stillgelegt wurde. Ansonsten wäre er auch sicher ein Ziel für Bombardierungen geworden. Auf dem Areal gibt es sechs sehr große Massengräber, die wir eigentlich im Sommer zusammen mit der Universität Osnabrück untersuchen wollten und langfristig schützen wollten.

Für uns stellt sich nun die Frage, wie gehen wir weiter mit diesen Gedenkorten um. Wenn hoffentlich sehr bald wieder Frieden in der Ukraine herrscht, werden die Menschen natürlich ganz andere Sorgen haben und wir können unsere Arbeit nicht einfach dort fortsetzen, wo wir aufgehört haben. Es gibt jetzt schon viele Tote, es wird neue Gräber geben. Es wird eine neue Herausforderung für uns alle sein – auch für die nächsten Jahrzehnte.

Neumärker: Wir Deutsche haben eine historische Verantwortung, vor allem gegenüber der Ukraine. Und zu dieser Verantwortung gehört, dass wir nach dem Krieg auch beim Wiederaufbau des Landes helfen. Die Frage der ungeschützten Massengräber, wir reden von etwa 2000 in den Grenzen der heutigen Ukraine, ist dann erst mal zweitrangig. Deutschland muss nicht nur seiner Verantwortung gegenüber den Ermordeten nachkommen, sondern vor allem gegenüber den Lebenden.

Wenn Menschen helfen möchten, empfiehlt die Stiftung direkt an die Nationalbank der Ukraine zu spenden, die extra ein Konto für humanitäre Hilfen eingerichtet hat. Da die ukrainischen Internetseiten offenbar angegriffen und zwischendurch deaktiviert werden, empfiehlt die Stiftung als Alternative die Berliner Initiative Ukraine-Hilfe Berlin e.V.

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