Landlust in der City. Tausende gingen beim "Landmark" auf kulinarische Entdeckungstour. Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP
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Stand, Land, Genuss Mehr als 5000 Besucher beim „Landmarkt“ des Tagesspiegels

Zum ersten Mal lud der Tagesspiegel am Sonntag zum Markt für regionale Produkte ein. Mehr als 5000 Besucher machten an 66 Ständen die Kostprobe. Ein Rundgang.

Apfelwein aus der Uckermark? Da freut sich der Hesse. „Ist ja in Berlin nicht so einfach, ein gutes Stöffchen zu finden“, sagt Bernd Widmer, aufgewachsen in Frankfurt am Main, seit sechs Jahren an der Spree zu Hause. Und dann nimmt er am Sonntag beim „Landmarkt“ des Tagesspiegels einen kräftigen Zug aus dem Probierglas der „Weinschenke“ aus Kraatz in der Uckermark.

Dort presst Florian Profitlich in seiner Mosterei seit acht Jahren Apfelsaft und baut ihn teils zum Apfelwein aus. Wird er den Ebbelwoi, wie die Frankfurter sagen, denn überhaupt an der Spree los? Der 51-Jährige lacht. „Na ja, die Berliner muss man schon überzeugen.“ Aber dazu hat er am Sonntag ja die allerbesten Gelegenheit.

Alles aus gepressten Äpfeln am Stand von Florian Profitlich aus Kraatz in der Uckermark: Säfte, Brände, Apfelwein. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Alles aus gepressten Äpfeln am Stand von Florian Profitlich aus Kraatz in der Uckermark: Säfte, Brände, Apfelwein. © Kitty Kleist-Heinrich

Es ist der erste „Landmarkt“ auf dem Tagesspiegel-Gelände am Askanischen Platz, im Verlagshaus sowie auf dessen Höfen – und mehr als 5000 Neugierige kommen. Von 10 bis 18 Uhr genießen sie an den Ständen von Produzenten und Händlern die kulinarische Vielfalt der Region Berlin-Brandenburg. 66 Anbieter sind dabei. Motto des Marktes: Wir bringen das Land in die Stadt.

„Toll, einen solchen Überblick bekommt man selbst auf den großen Biomärkten Berlins nicht“, freut sich Andrea Kraft aus dem Westend. Sie sitzt gerade auf einer Bierbank neben einer Schubkarre, rappelvoll mit dicken Rhabarberstangen, testet ein Craftbier und erzählt, weshalb sie auch aus professionellem Interesse hier ist Die 49-Jährige arbeitet als Köchin in einem Kindergarten.

Plauder, Genießen, Köstliches entdecken ... Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Plauder, Genießen, Köstliches entdecken ... © Kitty Kleist-Heinrich

Unglaublich, was so alles für Feinschmecker, egal ob vegetarisch, vegan oder auf Fleisch abgefahren, in der Region mit Leidenschaft kreiert wird. Da gibt es zum Beispiel an der Mohriner Allee in Britz die Gärtnerei von Lukas Dehl (31) und zwei weiteren jungen Männern. Die drei haben sich auf Wildkräuter spezialisiert, verkaufen normalerweise in der Markthalle Neun in Kreuzberg einen Mix, dessen Name an Astronautennahrung erinnert: Microgreen-Salat. Ist aber die reine Natur, ähnlich zusammengesetzt wie die „Grünen Sauce“ der Hessen – mit Sauerampfer, Pimpinelle, Spitzwegerich, japanischen Mizunasprossen & Co.. Nur ein gelernter Gärtner gehört zum Trio, Lukas Dehl ist Werkstoffwissenschaftler, der dritte Kompagnon Betriebswirt.

Keiner hob die gefallenen Äpfel auf. Da kaufte er sich eine Presse

Das ist offenbar gar nicht so ungewöhnlich in der jungen Szene der regionalen Feinkosterzeuger. Apfelwein-Produzent Florian Profitlich, von dem schon die Rede war, von Beruf Architekturfotograf, hatte erst jahrelang in der Uckermark ein Ferienhaus, sah zu, „wie ständig die Äpfel von den Bäumen fielen und niemand sie aufhob“. Also kaufte er eine gebrauchte Presse, pachtete eine Scheune und begann zu mosten.

Senf und fantasievolle Brotaufstriche aus der Lausitz bei Wolfgang Mattheus aus Finsterwalde. Fotos: Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
Senf und fantasievolle Brotaufstriche aus der Lausitz bei Wolfgang Mattheus aus Finsterwalde. © Fotos: Doris Spiekermann-Klaas

Wolfgang Mattheus aus Finsterwalde, eigentlich ein gelernter Schweißer, widmet sich einer ganz anderen kulinarischen Passion. Er experimentiert seit 2016 unter dem Label „ Lausitzer Köstlichkeiten“, kurz: Lausiko, mit Brotaufstrichen und Senfsorten. „Mal probieren?“ Der Rote-Bete-Aufstrich mit Dinkel und Chili kommt super an. Und jetzt bitte eine Senfprobe. Fantasie steckt in dem kleinen Gläschen. Er hat den Inhalt mit Bier aus dem Spreewald verfeinert. Kann man denn von diesem Unternehmen, vom Verkauf auf Märkten leben? „Zum Teil“, sagt Mattheus. Zweimal wöchentlich arbeitet er noch im alten Beruf.

... und ein Schlückchen Whisky. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
... und ein Schlückchen Whisky. © Kitty Kleist-Heinrich

Herrlich, endlich wieder Wärme, die Sonne strahlt, die Menschen strömen. Nachmittags erinnert das Gedränge im Tagesspiegel und drumherum an den beliebten Winterfeldtmarkt oder den Ökomarkt am Lausitzer Platz. Ein Leser lacht. „Ihr könnt nicht nur Zeitung, sondern auch Markt!“ Er steht vor der „Libanesischen Dorfküche“, dort gibt’s Fladenbrot „mit dem besten Hummus der Stadt“. Klar, nicht alles ist Bio, aber auf jeden Fall Regional.

Manche Stände waren ratz-fatz leergekauft

Schauen wir uns noch ein wenig um. Zum Beispiel am Stand mit der handgeschöpften Schokolade, bei der „Bodenschätze Gärtnerei“ Fürstenwalde, bei den dicken Radieschen und ersten Erdbeeren aus dem Spreewald. Viele Verkäufer freuen sich über sehr gute Umsätze, die Kundschaft über kulinarische Entdeckungen. Etliche Anbieter haben einen solchen Andrang gar nicht erwartet, sie sind regelrecht "ausgeplündert", müssen Ware nachholen.

Neues Outfit für die Jüngsten. Foto: Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
Neues Outfit für die Jüngsten. © Doris Spiekermann-Klaas

Aber jetzt erst mal ausruhen auf Strohballen. Na ja, der Tagesspiegel-Parkplatz hat sich heute ein bisschen in einen Vierseitenhof verwandelt. Unterdessen vergnügen sich die Kinder beim Büchsenwerfen, Schminken, Entchenangeln. Und auch fürs geistige Wohl ist gesorgt: Autoren und Redakteure diskutieren und lesen aus ihren Büchern – über Food, Fitness und Nachhaltigkeit.

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