Bei der Club-Tour radelt man auch am berühmt berüchtigten Berghain vorbei. Foto: dpa
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Stadttouren per App Mit Westbam durch Berlin

Techno, Hip-Hop, achtziger Jahre: Drei Audiotouren der Stadtführungs-App „Music Tours“ führen zu musikalischen Kultstätten Berlins.

Es gibt sie noch, die klassische Stadtführung durch Berlin, bei der man als Tourist vom Brandenburger Tor zur East Side Gallery und von einem Selfie-Motiv zum nächsten gekarrt wird. Vor allem aber boomt seit einer Weile die Spezialisierung: ob zu Literatur, Kunst oder Veganismus – so gut wie zu jedem nur erdenklichen Thema gibt es bestimmt eine extra Stadttour.

Da überrascht auch nicht die neue Stadtführungs-App „Music Tours“ des Streamingdienstes Deezer, mit der sich Berlin nach dem jeweiligem persönlichen Musikgeschmack erschließen lässt. Es gibt eine Hip-Hop-Tour, eine für Techno- und Clubinteressierte, und man kann sich sogar noch von Bela B von den Ärzten mitnehmen lassen auf eine persönliche Zeitreise durch dessen Berlin der Achtziger.

DJ Westbam, einer der Top-DJ's Deutschlands. Foto: ? Becker&Bredel Vergrößern
DJ Westbam, einer der Top-DJ's Deutschlands. © ? Becker&Bredel

Alle drei Touren richten sich an Radfahrer, dauern jeweils um die drei Stunden und führen im Wesentlichen durch Friedrichshain, Kreuzberg, Mitte und Schöneberg. Dabei zeigt sich schnell, dass die Hip-Hop- und die Technotour streckenweise kaum weniger Nostalgietrips sind wie der Ausflug mit Bela B in die Achtziger.

Loveparade, Tresor und Berghain

„Hey, hier ist Westbam. Ich bin so ein DJ aus Berlin“, mit diesen Worten wird man von Berlins bekannter Techno-Ikone bei der Club-Tour begrüßt. Man befindet sich direkt am Brandenburger Tor und bekommt von Westbam erzählt, dass früher hier auf der Straße des 17. Juni einmal im Jahr die Loveparade stattgefunden hat. Vor zwölf Jahren die letzte, das ist auch schon eine Weile her. Passend dazu bekommt man ein paar alte Loveparade-Hymnen zu hören, die Westbam selbst in Serie produziert hatte.

Als Nächstes fährt man auf Anweisung des DJs von einer verblichenen Stätte der Techno-Szene zur nächsten. E-Werk, Bar 25 am Holzmarkt, ehemaliger Tresor in der Leipziger Straße, Maria am Ufer – sie existieren alle nicht mehr. Gerade mal die Stationen Watergate und Berghain sind Institutionen des Berliner Nachtlebens, die auch aktuell noch in Betrieb sind. Dabei sieht letztendlich das Watergate, wenn man bloß davorsteht, genauso nichtssagend aus wie der Bürokomplex, in dem sich einst das E-Werk befand.

Der Reiz der drei Touren ergibt sich aber sowieso weniger aus dem, was man wirklich zu sehen bekommt, sondern eher aus den Geschichten, die einem erzählt werden. Bela B von den Ärzten, der sich als „Berlins bester Spandauer“ vorstellt, erledigt seinen Job mit viel Charme, berlinert zwischendurch und erinnert sich an Begebenheiten rund um frühe Konzerte der Dead Kennedys oder der Toten Hosen, die stattfanden, als er selber noch ein „kleiner stinkender Punker“ war.

Die Ärzte Band Musikgruppe Rodrigo Gonzalez, Bela B. , Farin Urlaub (v.l.) Foto: promo Vergrößern
Die Ärzte Band Musikgruppe Rodrigo Gonzalez, Bela B. , Farin Urlaub (v.l.) © promo

Aber auch Westbam ist einer, dem man gerne zuhört und der an jeder Station bereitwillig eine persönliche Anekdote raushaut oder einfach nur trocken feststellt, dass dort, wo sich einst der weltberühmte Club Tresor befand, heute eben leider nur noch ein „hässliches Bürogebäude“ zu betrachten ist.

Sidos "Block" fehlt

Vielleicht am interessantesten aber, weil am ungewöhnlichsten, ist wohl die Hip-Hop-Tour. Zum Haus, in dem einst David Bowie während seiner Berlin-Zeit wohnte, kommt man auch bei anderen Berliner Stadtführungen, dafür bräuchte man keinen Bela B. Berlin als Hip-Hop-Stadt dagegen ist noch vergleichsweise unerschlossen. Reiseführer durch das Hip-Hop-Berlin ist Markus Staiger, der von sich selbst sagt, dass er Ende der Neunziger den Battle-Rap nach Deutschland gebracht hat und der sein damaliges Label Royal Bunker nicht eben unbescheiden „legendär“ nennt.

Staiger, der früher tatsächlich selbst einmal als Stadtführer gearbeitet hat, nimmt einen vor allem mit durch Kreuzberg, weil der Bezirk, so erklärt er im Gespräch mit dem Tagesspiegel, so oft „in den Songs und in den Videos Berliner Rapper“ verhandelt werde. Gerne hätte er auch noch auf einen Trip zur Graffiti-Wand in den Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg geladen oder ins Märkische Viertel mit seinen Hochhaus-Silos, das in Sidos Hit „Mein Block“ besungen wird, aber das hätte den Radius der Hip-Hop-Radtour wohl gesprengt.

Spurensuche. Andreas Hartmann testete die Stadtführungs-App. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Spurensuche. Andreas Hartmann testete die Stadtführungs-App. © Foto: Mike Wolff

Auch unter der Leitung von Staiger hakt man Stationen ab, die für die Szene mal bedeutend waren, an denen es heute aber eigentlich nichts mehr zu sehen gibt. „Rap am Mittwoch“ im Bi Nuu am Schlesischen Tor, wo Station gemacht wird, gibt es seit Kurzem nicht mehr, der Rapper Kool Savas wohnt schon lange nicht mehr in einem der Sozialbauten in der Otto-Suhr-Siedlung, und dort, wo einst das berüchtigte Label Aggro residierte, befindet sich heute nur noch ein Graffiti-Shop. Richtig spannend wird seine Tour dann aber, wenn man einfach in den Görlitzer Park, zur Sonnenallee, an den Heinrich-Platz oder zum Kotti fährt. An die Orte, die den Berliner Hip-Hop allein schon atmosphärisch geprägt haben und wo immer noch ein Hip-Hop-Lebensgefühl zu erspüren ist. Und es macht Spaß, wenn man durch den Görlitzer Park schlendert und dazu noch einmal P.R. Kantates „Görli Görli“-Nummer hört, der die Stimmung hier bereits so gelungen eingefangen hatte. Oder wenn man sich in der türkischen Bäckerei „Salut“ am Schlesischen Tor, damals noch „Bagdads Backwaren“ in „Schwarz zu blau“, ein Stück Kuchen kauft – eben ganz so wie ehemals Peter Fox.

Weitere Informationen gibt es unter www.deezermusictours.de

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