Auf dem Areal an der Warschauer Brücke in Friedrichshain entsteht bis 2018 ein Einkaufszentrum, die "East Side Mall". Foto: promo
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Stadtplaner Thomas Krüger „Langfristig wird es ein Center-Sterben geben“

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67 Einkaufszentren gibt es in Berlin - viel zu viele, glaubt Stadtplaner Thomas Krüger und prognostiziert den Konsumtempeln im Interview schwere Zeiten.

Herr Krüger, in Berlin gibt es 67 Einkaufszentren. Reicht das nicht langsam?

Ja, der Standort ist inzwischen deutlich überbesetzt: Berlin ist ja mittlerweile, relativ gesehen, die deutsche Hauptstadt der Shoppingcenter – und das mit deutlichem Abstand. Das liegt vor allem am Ostteil der Stadt, wo bis zur Wende keine gewachsenen Zentren im marktwirtschaftlichen Sinne existierten. In diese Lücke sind in den vergangenen zwei Dekaden die Shoppingcenter gestoßen. Die dezentrale ökonomische Struktur der Stadt ist aber auch historisch gewachsen. Denn anders als in München, Frankfurt oder Hamburg sind die Berliner ja traditionell stark auf ihre jeweiligen Kieze fixiert.

Lassen Sie mich raten: Die letzte große Eröffnung in Berlin, die Mall of Berlin, halten Sie für eine riskante Unternehmung?

In der Tat. Ein paar Hundert Meter weiter steht am Potsdamer Platz schon die nächste Mall – und die hat ja schon stark an Besuchern verloren. Aber das war abzusehen: Bei der hohen Center-Dichte in diesem Teil der Stadt, der noch dazu relativ wenig Einwohner hat, müssten die Konsumenten ja „aus der Ferne“ kommen, das heißt aus dem übrigen Berlin oder als Touristen. Aber das geschieht in Berlin mit seinen starken Kiezen nur in geringem Maße. Die Nachfrage nach dem großstädtisch-urbanen Konsumangebot, das große Center wie die Mall of Berlin, aber auch das Alexa anbieten, lässt sich einfach nicht beliebig steigern. Stattdessen kannibalisieren sich diese Center jetzt gegenseitig. Man muss sich deshalb fragen, welche Stadt will man eigentlich haben?

Thomas Krüger Foto: privat
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Und Ihre Antwort?

Keine, in der den Einkaufzentren eine Dominanz zugestanden wird. Denn die Folgen konnte man in den vergangenen Jahren in vielen Städten beobachten. Schauen Sie etwa nach Hameln: Dort steht in der Stadtmitte ein Einkaufszentrum, in dem große Teile des städtischen Konsums abgewickelt werden. Der Rest des historischen Stadtkerns ist dadurch im Verlauf der Jahre für den Einzelhandel unattraktiv geworden. Diese Entwicklung kann man an vielen Orten entdecken: Die Filialisten, die vorher selbstverständlich in der Fußgängerzone waren, gehen ins Center und das Angebot dünnt aus. Übrig bleiben außerhalb des Centers dann die Läden zweiter Klasse. Natürlich lässt sich das nicht pauschal über alle Standorte in Deutschland sagen, aber gerade für kleinere Städte sind die Center-Eröffnungen oftmals ein Desaster.

Ein Desaster, das sich noch häufig wiederholen dürfte ...

Das glaube ich nicht. Bundesweit ist dieser Trend ja schon gebrochen. Investitionen in die Entwicklung neuer Center finden – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht mehr statt. Die besten Lagen sind schon belegt, jetzt werden nur noch die Lücken in der zweiten Reihe geschlossen.

Die Zahl der Center wird also sinken?

Davon gehe ich aus. In Hamburg etwa werden derzeit viele der älteren Einkaufscenter renoviert. Langfristig wird es nach den Jahren des Center-Booms ein Center-Sterben geben, da bin ich mir sicher. Das wird aber eher die Zentren betreffen, die in B-Lage gebaut wurden. Die Center in guter Lage hingegen haben eine gute Aussicht, auch künftig als Magnet für Kunden zu dienen. Denn weil diese Einkaufsmaschinen aktiv gemanagt werden, sind sie deutlich leistungsfähiger und somit weiterhin auch konkurrenzfähig gegenüber dem Online-Handel.

Thomas Krüger ist Professor für Stadtplanung an der HafenCity-Universität in Hamburg. Krüger forscht zu Wechselwirkungen von Stadt- und Immobilienentwicklung.

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