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"Touristen dürfen nicht in der Mehrzahl sein"

Es wird eng. Touristen bringen Berlin viel Geld - aber sie gefährden auch das Gleichgewicht der Stadt. Foto: Stephanie Pilick/p-a/dpa
Stadtentwicklung "Berlins Vorteil ist zum Nachteil geworden"

Was sind die größten Gefahren für die Innenstadt als Lebensraum?

Neben der Verteuerung des Wohnraums durch Immobilienspekulation vor allem der Onlinehandel und Touristen. Ich bin ja selbst einer, deshalb darf ich das sagen: Es gibt inzwischen ein bisschen zu viele in der Innenstadt. Das ist eine sehr große Bedrohung für Berlin.

Berlin lebt doch vom Tourismus.

Touristen bringen einer Stadt viel Geld. Aber sie dürfen nicht in der Mehrzahl sein, sonst bestimmen sie das Bild der deutschen Hauptstadt. Das darf nicht alles Airbnb-Gebiet werden. Ich habe nichts gegen Touristen und ich bin nicht prinzipiell gegen Airbnb. Aber ihr Business setzt auf die Verdrängung von Einwohnern aus dem Stadtkern. Es ist eine aktive Politik erforderlich, um das zu verhindern. Denn wenn in großen Teilen der Innenstadt kaum noch Berliner leben, sinkt letztlich die Attraktivität der ganzen Stadt.

Wie erkennt man, dass eine Innenstadt ihre Identität durch Tourismus verliert?

Man sieht es nicht auf den ersten Blick. Das geht ganz langsam, wie bei einem Frosch, dem man das Wasser heiß dreht. Erst gibt es nur ein paar Ferienwohnungen, in denen ein paar Amerikaner und Holländer wohnen, am Ende wohnt kaum noch ein Berliner dort. Ein sichtbares Zeichen ist es, wenn die Supermärkte verschwinden. Das sind Stützpfeiler des urbanen Lebens, sie sagen: Hier wohnen Menschen.

Im Viertel rund um den Rosenthaler Platz beklagen Anwohner seit Jahren den Exodus der Einkaufsmärkte.

Ja, daran erkennt man ein Touristenviertel. Solche Zeichen muss die Politik erkennen und reagieren. Und zwar schnellstmöglich – wenn ein Quartier erst einmal gekippt ist, wird es schwer, die Entwicklung wieder umzudrehen. Das Herz der Stadt muss vor allem wieder als Wohnraum wahrgenommen werden, nicht als schöne Kulisse für Geschäftemacherei.

Berlin für Berliner – verspielt man so nicht das Image einer weltoffenen Stadt?

Nein. Die Ferienwohnungen bedrohen Innenstädte in der ganzen Welt, sie höhlen sie aus. Je attraktiver eine Stadt ist, desto gefährdeter ist sie. Das kann man nicht nur in Venedig und Barcelona sehen. Die Geschäfte sind alle gleich, überall kann man Donuts und schlechten Cappuccino kaufen. Schrecklich. Auch in Amsterdam verschwinden immer mehr Läden für Einheimische und es gibt immer mehr Starbucks-Filialen für Touristen. Deswegen geht man dort nun deutlich rigoroser gegen Ferienappartements vor. Man darf künftig nur noch an 30 Tagen pro Jahr untervermieten, die Prüfer gehen direkt in die Häuser. Davon kann auch Berlin lernen. Auch bei der Problematik Onlinehandel könnte man sich sicher besser untereinander austauschen.

Was soll denn daran bedrohlich für eine Stadt sein?

Der steigende Lieferverkehr nimmt wertvollen Stadtraum ein und verschlechtert die Luft. Zwei meiner Studenten beschäftigen sich gerade damit. Ihre Hypothese ist: Das geht so nicht weiter. Ich sage: Das stimmt, aber was macht man als Städtebauer damit?

Ihre Antwort?

Wie bei den Ferienwohnungen muss auch hier die Politik reagieren. Der Versand muss auf jeden Fall mehr kosten. Alle denken: Der Onlinehandel kostet doch nichts. Aber das stimmt nicht. Er kostet gerade in der Innenstadt sehr viel Lebensqualität.

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