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"In der Innenstadt kann noch überall verdichtet werden"

Dem Himmel so nah. Kann es sich Berlin wirklich leisten, das Tempelhofer Feld komplett unbebaut zu lassen? Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Stadtentwicklung "Berlins Vorteil ist zum Nachteil geworden"

Berlin braucht vor allem neue Wohnungen – laut Senat knapp 200.000 bis 2030. Die Stadt soll bis dahin um weitere 180 000 Menschen wachsen. Was macht der Stadtplaner da?

Erst einmal muss man eine Vision entwickeln – wir hatten 2007 für Rotterdam die „Stadtvision 2030“. Die kann ich in Berlin noch nicht erkennen.

Der Senat will so ein Leitbild jetzt unter dem Namen „Berlin Strategie 2030“ entwickeln. Welche Vision könnte diese Stadt haben?

Es darf darin nicht nur um Wohnungsbau oder Verkehr gehen. Eine Vision umfasst die ganze Breite der Lebensqualität in einer Stadt. Ein Ausgangspunkt müsste die Frage sein: Was ist das Tolle an Berlin? In Berlin gibt es einen tollen Lebensstil. Die Menschen lieben das Leben in der Stadt, sie leben auch in die Stadt hinein und nicht ausschließlich zu Hause. Sie genießen die Annehmlichkeiten, die ihnen die Stadt bietet, die Infrastruktur, die Kultur, die Natur. Das alles muss man berücksichtigen, wenn man überlegt, wo und wie auch diese zusätzlichen 180.000 Menschen leben sollen. Am besten entwickelt man dafür mehrere Szenarien.

Neuen Wohnraum will der Senat vor allem in den Außenbezirken schaffen.

Gerade verfügbare Freiflächen in den Randbezirken vollzubauen, ist erst mal nur ein Szenario. Es wurde in vielen Städten gewählt, obwohl es Nachteile wie großen Flächenverbrauch und Förderung des Autoverkehrs hat und Investitionen aus der Innenstadt abzieht. Dafür braucht man eigentlich auch keine studierten Stadtplaner, nur eine Karte, und dann zeigt man auf unbebaute Flächen: Hier ist es noch leer, hier auch. So kriegt man auch 180.000 Menschen in Satellitenstädten unter.

Welches Szenario schlagen Sie vor?

Man müsste vor allem die Innenstadt und innenstadtnahe Stadtteile in den Fokus nehmen, da kann noch überall verdichtet werden. Allerdings ist eine subtile Nachverdichtung auch komplizierter. Man kann dann nicht einfach eine Studie zu einem großen Gebiet machen und sagen, so, jetzt wird hier gebaut.

Wo genau sehen Sie Baupotenziale in der Berliner Innenstadt?

Dafür ist eine genaue Forschung erforderlich. In Rotterdam wurde immer gesagt, dass noch Platz für höchstens 2000 Häuser in der Innenstadt sei. Ich konnte aber anhand von Studien nachweisen, dass sogar Platz für 20.000 Häuser und 30.000 Menschen war. Ich vermute aufgrund meiner Beobachtungen, dass in Berlin viel mehr möglich ist, als es auf den ersten Blick erscheint. Allein innerhalb des S-Bahn-Rings ist noch viel Platz.

Zum Beispiel auf dem Tempelhofer Feld? Gerade erst haben Architekten neue Ideen für eine Randbebauung vorgelegt.

Man sollte das Feld für eine Weile als öffentlichen Raum nutzen können. Aber dann müssen wir ernsthaft darüber nachdenken, ob so viel öffentlicher Raum mitten in der Stadt wirklich benötigt wird, weil dies natürlich auf Kosten der dringenden Nachfrage nach innerstädtischem Wohnraum geht. Ich denke, dass diese Fläche zumindest teilweise bebaut werden kann und muss.

Viele Bewohner und Politiker der Innenstadtbezirke wehren sich gegen eine weitere Verdichtung.

Ich weiß, das war in Rotterdam genauso. Letztlich steht man auch in Berlin vor der Wahl, urbane Orte qualitätsvoll zu verdichten oder Grünflächen an den Rändern zu bebauen. Die Stadt sollte sich das sehr genau überlegen. Denn die großen Naturgebiete und Grünflächen am Stadtrand sind ein wichtiger Bestandteil dessen, was die Stadt so attraktiv macht. Diese Gebiete muss man unbedingt schützen – das gehört zwingend in eine Vision für Berlin. Es geht immerhin um die Gesundheit der Berliner. Das Thema ist politisch in Berlin offenbar noch gar nicht richtig angekommen.

Den Berlinern ist ihre Gesundheit nicht wichtig?

In den Niederlanden steht das Thema Gesundheit über allem. Dazu gehört auch gute, gesunde Luft. Warum das nicht auch in Berlin so gesehen wird, verstehe ich nicht. Warum tut man nichts gegen die schlechte Luft und den Feinstaub? Tempolimits in ein paar Straßen, die keiner kontrolliert, sind doch keine Strategie.

Sie haben aus dem Auto-Mekka Rotterdam ein Radler- und Fußgängerparadies gemacht.

Ich bin nicht autofeindlich, ich bin einfach menschenfreundlich. Rotterdam wurde nach dem Krieg für Autos wiederaufgebaut. Wir haben auf zentralen Plätzen und großen Straßen den Fußgängern und Radfahrern wieder mehr Platz gegeben. Leider geht Berlin offenbar noch immer den umgekehrten Weg.

Das Mobilitätsgesetz soll doch den Rad- und Fußverkehr stärken.

Für Fußgänger ist es nicht so schlecht hier. Aber die Infrastruktur für Fahrradfahrer in Berlin ist immer noch peinlich. Ich verstehe nicht, dass stattdessen die Autobahn für eine halbe Milliarde Euro quer durch die Stadt weitergebaut werden soll. Dieses Geld könnte man besser einsetzen.

Das stellt die Bundesregierung bereit, allerdings eben nur für den Bau der Autobahn.

Man sollte es zurückgeben, dann ist es halt weg. Das wäre für Berlin ein unglaubliches Signal, so wichtig wie der autofreie Times Square in New York: Wir geben 500 Millionen Euro zurück. Weil wir keine Autobahn brauchen, sondern eine lebenswerte Innenstadt. Zu einem solchen Signal habe ich auch Sofia geraten. Die Stadt erstickt förmlich an ihren Autos und will nun die Verkehrswende wagen.

Wie haben die Rotterdamer auf die Verkehrswende reagiert?

Als wir am Fluss Parkplätze zu Grünstreifen mit Aufenthaltsqualität umfunktionierten, machten manche ein Riesengeschrei und sagten: Ich brauche meinen Parkplatz, sonst gehe ich. Da habe ich gesagt: Dann geh doch. Wenn 20 gehen, kommen 600 neue, weil sie das neue, grüne, lebenswerte Rotterdam viel angenehmer finden. Entlang der Spree sehe ich auch in Berlin noch viel Potenzial für öffentliche Grünflächen, wo jetzt noch Autos parken.

Das wird auch in Berlin einen Riesenaufschrei geben. Der grüne Verkehrsstaatssekretär Jens-Holger Kirchner stand mit der Forderung, Autoparkplätze zu verteuern, ziemlich allein da.

Berlin verschenkt seinen Raum quasi ans Auto, man kann hier praktisch umsonst parken. Das ist wie die Autobahn leider ein Beleg dafür, dass der Berliner Politik das System Auto immer noch wichtiger ist als seine Menschen. Aber das ist ein Irrweg. Es ist in ganz Europa vorbei mit dem Auto als Nummer 1. In London kommt man nur noch mit einer teuren Steuer per Auto ins Zentrum, in Paris hat man die Kais an der Seine autofrei gemacht. Dort kann man nun stattdessen seinen Aperol Spritz trinken. Davon kann Berlin lernen.

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