Wo ist die Vision? Baustellen und Touristen prägen Berlins City. Martin Aarts sieht die Stadt auf einem falschen Weg. Foto: Jens Kalaene/dpa
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Stadtentwicklung "Berlins Vorteil ist zum Nachteil geworden"

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Martin Aarts hat Rotterdam gerettet, nun will der Stadtplaner Berlin aufwecken. Ein Interview über Chancen der Wohnungsnot und die Seele der Stadt.

Mietenirrsinn und Verdrängung, Neubaustau und Wachstumsangst, dicke Dieselluft und Touristenrummel – ist Berlin noch zu retten? Vielleicht kann kaum jemand diese Frage besser beantworten als Martin Aarts. Der 66-Jährige ist einer der renommiertesten Stadtplaner Europas. Er verwandelte Rotterdam von einer hässlichen Industriestadt in eine moderne Metropole von Weltrang.

Aarts ist nicht nur Stadtentwickler, sondern selbst überzeugter Städter. Als Praktikant ließ er sich schon Ende der 70er auf der Internationalen Bauausstellung in Berlin von den Experten inspirieren, die West-Berlin vor dem urbanen Kahlschlag bewahrten. Ab Mitte der 1980er stieg er dann selbst zu einem der einflussreichsten Cityretter auf. Als Teil einer Gruppe von kommunalen Stadtplanern, die die Renaissance der Innenstädte in Europas Metropolen einläuteten – wie Peter Bishop in London, Hans Stimmann in Berlin, Vicente Guallart in Barcelona, Jörn Walter in Hamburg oder Ton Schaap in Amsterdam.

In zwei Punkten aber hebt sich Aarts von den meisten seiner Kollegen ab. Erstens war er für die niederländische Regierung tätig und kennt sich deshalb auch mit den politischen Instrumenten zur Steuerung der Stadtentwicklung aus. Zweitens hatte er die spezielle Herausforderung zu meistern, dass er für eine Stadt verantwortlich war, die eigentlich gar keine mehr war.

Nach der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg wurde Rotterdams Zentrum als graues Geschäftsquartier wiederaufgebaut, umgeben von wenigen Wohnhäusern mit Sozialwohnungen. Aarts brachte ab 1985 das Leben zurück in diese Stadtwüste. Über drei Jahrzehnte lang trieb er als Stadtplaner, ab 2004 als Leiter der Stadtentwicklung, die Transformation Rotterdams voran. Dieser stadtplanerische Kulturwandel führte dazu, dass auch weltbekannte Architekten wie Norman Foster, Alvaro Siza, Rem Koolhaas oder Renzo Piano spektakuläre Bauwerke in der Stadt errichteten.

Seit April 2018 ist Aarts pensioniert und arbeitet als Berater für Städte. An einem heißen Sommertag sitzt er in einem Café in der Auguststraße. Er will für eine Zeit lang nach Berlin ziehen und sucht gerade nach einer Wohnung. „Eine tolle, lockere Stadt“, sagt er. Doch im Gespräch fällt immer wieder ein Wort: „Noch.“

Herr Aarts, Sie ziehen nach Berlin. Ein guter Zeitpunkt für einen Stadtplaner: Die Stadt steckt in einer städtebaulichen Krise.

Das ist doch toll! Meine Meinung ist: Verschwende niemals eine gute Krise. In der Krise sind der Handlungsdruck und die Bereitschaft zur Veränderung am höchsten.

Berlin sieht sich einem rasanten Bevölkerungswachstum ausgesetzt, kommt aber beim Neubau nicht hinterher.

Die Stadt muss jetzt handeln und diese Krise mit mutigen Ideen gestalten. Andernfalls wäre sie vertan.

Und nun wollen Sie sich die Sache mal für drei Monate aus der Nähe ansehen?

Natürlich komme ich auch, um zu arbeiten und Entwicklungen in der Stadt zu beobachten. Ich kenne Berlin seit Jahrzehnten. Ich will aber auch viel Kultur genießen und mein Deutsch aufpolieren.

Aufpoliert haben Sie auch Rotterdam.

Das war harte Arbeit. Rotterdam war nach dem Zweiten Weltkrieg hässlich und langweilig. In der Innenstadt wollte niemand freiwillig leben. Ich weiß das, ich habe selbst dort gewohnt.

Als Chef der Stadtentwicklung hatten Sie Anteil daran, dass Rotterdam 2015 von der Londoner Academy of Urbanism als „Europäische Stadt des Jahres“ ausgezeichnet wurde.

Ja, plötzlich war Rotterdam sexy. Dann kamen die Delegationen, viele aus Deutschland, und fragten: Was ist Ihr Geheimnis?

Und was ist Ihr Geheimnis?

Martin Aarts, 66, ist einer der renommiertesten Stadtplaner Europas. Er verwandelte Rotterdam von einer hässlichen Industriestadt in eine moderne Metropole. Foto: privat
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Mein Motto ist: Jede Stadt muss ihre Innenstadt sexy und attraktiv machen. Sie ist die Visitenkarte einer Metropole, einer ganzen Region. Auch Berlins Innenstadt prägt das weltweite Bild der Stadt, nicht Grunewald oder Reinickendorf.

Was macht eine sexy Innenstadt aus?

Die Menschen. Sie gehören ins Zentrum jeder Stadt, sie prägen ihre Identität, deshalb müssen sie im Zentrum jeder Stadtplanung stehen. Es ist alles untersucht worden und es gibt tolle Bücher darüber, dass die Psychologie von Menschen und Städten gleich ist. Die amerikanische Soziologin Saskia Sassen hat das superdeutlich gemacht. Genauso wie jeder Mensch braucht auch jede Stadt Pläne, Ziele, eine Vision. Um die zu bekommen, muss man herausfinden, welche Menschen in der Stadt leben und leben wollen und sollen, was sie brauchen und was sie sich wünschen. Wir müssen uns dabei orientieren am Städter, der bewusst und nicht nur zufällig in der Stadt wohnt. Und dann fängt man an, eine Stadt für genau diese Menschen zu gestalten, am besten mit ihnen zusammen.

Viele Berliner fürchten sich eher vor Plänen und Veränderungen. Sie wollen Ihr geliebtes Berlin bewahren.

Berlin ist ein Schatz. Wir alle wollen diese tolle Stadt am liebsten genauso behalten, wie sie ist oder war. Aber das geht nicht, das ist unmöglich. Selbst wenn der starke Zuzug nicht da wäre, müsste sich Berlin verändern.

Berlin ist doch sexy.

Die Stadt zieht Menschen aus der ganzen Welt an, das unterscheidet sie natürlich vom alten Rotterdam. Aber auch Berlin muss Maßnahmen ergreifen, um speziell die Innenstadt attraktiv für die Bewohner zu halten. Der Vorteil, eine tolle Stadt zu sein, ist dabei leider inzwischen zu einem Nachteil geworden.

Wieso sollte das ein Nachteil sein?

Für eine unattraktive Stadt wie Rotterdam ist klar, dass sie sich entwickeln muss. Die Schwierigkeit ist, dass Berlin noch so sexy ist, dass niemand glaubt, dass es auch in die andere Richtung gehen kann. Aber man darf sich nicht auf den vergangenen 20 Jahren ausruhen. Man hat das bei den deutschen Fußballern gesehen. Wir sind so super, unser Konzept ist, dass wir Weltmeister sind. Nichts tun, nur bewahren wollen – das ist das Rezept für den Abstieg. Das ist eine stadtplanerische Weisheit, und die gilt überall, nicht nur in Berlin.

Warum muss sich Berlin ändern?

Weil sich die Anforderungen an Lebensqualität entwickeln. Eine lebenswerte Stadt muss sich immer wieder den Bedürfnissen der Menschen anpassen, nicht umgekehrt. Das ist nicht zuletzt eine ökonomische Notwendigkeit. Wenn die Wirtschaft sich ändert, muss sich auch die Stadt ändern. Die Menschen arbeiten heute nicht mehr von neun bis fünf, sondern den ganzen Tag und überall. Gerade Hochgebildete, die unternehmerisch tätig sind, brauchen die Stadt als Kommunikations- und Vernetzungsplattform, sie ist quasi ihr Büro und ihre Wohnung gleichzeitig. Die Zukunft einer Stadt hängt davon ab, wie gut sie sich auf solche Veränderungen einstellt. Wenn eine Stadt nichts für ihre Bewohner tut, werden sie aus der City abwandern oder verdrängt. Diese gefährliche Tendenz gibt es derzeit leider überall auf der Welt. Auch Berlin wird gerade für Familien immer weniger attraktiv.

Sie meinen, weil Wohnen im Zentrum selbst für die Mittelschicht zunehmend unbezahlbar wird?

Verdrängung ist ein großes Problem. Berlin darf nicht wie London werden, wo sich Durchschnittsverdiener eine Wohnung in der City nicht mehr leisten können. Eine lebendige Innenstadt braucht die Mittelschicht. Aber das ist nicht Sache der Stadtplaner, sondern der Politik. Sie muss solche Entwicklungen ausgleichen.

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Der frühere Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit meinte, es gebe kein Anrecht auf eine günstige Wohnung in der Innenstadt.

Mit so einer Einstellung hat man irgendwann sozial segregierte Städte wie in den USA. Das kann niemand wollen. 30 Prozent Sozialwohnungen, 40 bis 50 Prozent Mittelschicht, der Rest Luxuswohnungen, das wäre eine gesunde Mischung für Berlins Innenstadt. Es gibt jede Menge Instrumente, um das zu erreichen, man muss sie nur einsetzen wollen. In Amsterdam hat man in der Innenstadt für Lehrer und Erzieher Wohnungen frei gemacht und gefördert, die sie normalerweise niemals bezahlen könnten.

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