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Auch an ungewöhnlichen Orten wird geimpft. Foto: dpa
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Spritzen im 24-Stunden-Betrieb So könnte Berlin der Impfkampagne wieder Schwung geben

Die Impfquote in Berlin ist zu niedrig. Experten überlegen intensiv, wie sie mehr Menschen erreichen und zum Impfen animieren können.

Einfacher geht’s eigentlich nicht. Mit dem Auto kurz auf den Parkplatz der Ikea-Filiale in Lichtenberg, aussteigen, Ärmel hoch, schon gibt es eine Impfung gegen Corona, ganz ohne Termin. Fußgänger kommen auf einem extra eingerichteten Walk-in zu den Spritzen.

Es ist eine von vielen unorthodoxen Möglichkeiten, sich in Berlin impfen zu lassen. Moritz Quiske, Sprecher der Senatsverwaltung für Gesundheit, kann diverse Orte und Gelegenheiten aufzählen, bei denen man unkompliziert eine Corona-Impfung erhält. Nur: Das alles reicht offenbar nicht. Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Charité, warnte jüngst: „Mit dieser Impfquote können wir nicht in den Herbst gehen.“

Die Bevölkerung Berlins ist aktuell zu 60,7 Prozent vollständig geimpft. Doch es müssten mindestens 90 Prozent sein. Sonst drohen wieder Einschränkungen. Am Freitag lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei 83,8, in Neukölln sogar bei 126,4.

Michael Müller (SPD), Berlins Regierender Bürgermeister, sagte der Deutschen Presse-Agentur am Freitag: „Wir kämpfen um jede einzelne Impfung, obwohl wir ausreichend Impfstoff und eine gute Infrastruktur haben.“ Mit den so genannten kreativen Impfangeboten – darunter Ikea-Parkplatz, Impfen in der S-Bahn, Clubnacht des Impfens – habe man rund 50.000 zusätzliche Impfungen in den vergangenen Wochen ermöglichen können. „Aber es gibt noch genug Möglichkeiten, die wir nutzen werden.“

Reinickendorf wartet auf Antwort der Senatsverwaltung

Einige Wege werden nur unzureichend genutzt, das jedenfalls sagt Patrick Larscheid, Amtsarzt von Reinickendorf. Sein Bezirk habe der Senatsverwaltung für Gesundheit drei Räume für große Impfaktionen vorgeschlagen, dort sollten mobile Impfteams, die der Senatsverwaltung unterstehen, tätig werden. Der entsprechende Brief, unterschrieben von Gesundheits-Bezirksstadt Uwe Brockhausen (SPD), liegt dem Tagesspiegel vor. „Aber wir haben bisher keine Antwort erhalten“, sagte Larscheid dem Tagesspiegel.

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Verwaltungssprecher Moritz Quiske bestätigt, dass noch keine Antwort erfolgt sei. Er erklärt aber auch, warum. „Der Brief ging intern erstmal an die falsche Adresse, dann enthielt der Brief keine Konzeption, wie sie nötig ist, sondern nur eine eher oberflächliche Information. Aber wir werden zeitnah antworten.“ Und die Impfaktionen werden dann wohl auch in den gewünschten Räumen stattfinden. Im Übrigen habe die Senatsverwaltung mit dem Bezirk Reinickendorf zweimal in Sporthallen große Impfaktionen veranstaltet.

Jeder Bezirk kann bei der Senatsverwaltung Impfstoff bestellen

Jeder Bezirk, sagte Quiske, könne auch Impfstoffe bei der Senatsverwaltung bestellen und dann in Eigenregie Impfaktionen organisieren. Stimmt schon, antwortete Larscheid, aber so eine Bestellung sei umständlich, es gebe Probleme mit der Abrechnung des Stoffs, zudem seien Gesundheitsämter personell oft gar nicht in der Lage, eigenständig solche großen Impfaktionen auf die Beine zu stellen.

Patrick Larscheid ist Amtsarzt des Bezirks Reinickendorf. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Patrick Larscheid ist Amtsarzt des Bezirks Reinickendorf. © Kitty Kleist-Heinrich

Natürlich will auch Larscheid die Impfquote erhöhen. „Ich würde den Leuten unendlich viele Angebote machen, die sie annehmen können“, sagte er. „Die Leute haben kein Informationsdefizit, sie sind gleichgültig.“ Orte, an denen man rund um die Uhr geimpft werden könne, so etwas schwebt ihm vor, in einigen Supermärkten könne man ja auch 24 Stunden am Tag einkaufen. „Die Menschen müssen überall damit konfrontiert werden, dass sie sich impfen lassen können.“

Der Amtsarzt will mit auch "Unbequemlichkeit" mehr Geimpfte

Aber dann gibt es bei ihm auch noch den Faktor „Unbequemlichkeiten“. Er hat ja viele Rückmeldungen von jungen Leuten. Die stöhnten, dass sie nur mit negativem Test ins Fitnessstudio könnten. Das nervt natürlich, aber für Larscheid ist das eine durchaus gute Nachricht. Wer genervt ist, sucht eine Lösung. „Also ist es naheliegend, dass man sagt, dann lasse ich mich halt gleich impfen.“

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Das Fitnessstudio ist nur ein Beispiel für einen Impfanreiz: Wer immer wieder an Hindernisse und Zugangsbedingungen stößt, die man mit Impfen umgehen kann, der wird sich irgendwann schon mal die Spritze setzen lassen. So zu denken und zu handeln, das gibt Amtsarzt Larscheid gerne zu, „ein bisschen gemein, aber man weiß aus anderen Ländern, dass Impfen so funktioniert.“

Neukölln spricht Besucher des Gesundheitsamts direkt an

Das Bezirksamt Neukölln hat Impfstoff bei der Senatsverwaltung bestellt, das Serum wird im Gesundheitsamt des Bezirks gespritzt. „Dort können wir die Menschen, von denen wir den Eindruck haben, dass sie nicht allein zum Impfzentrum gehen, gezielt ansprechen“, sagt Hannes Rehfeldt, Sprecher von Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU).

Falko Liecke ist Gesundheitsstadtrat in Neukölln. Foto: imago images/Sabine Gudath Vergrößern
Falko Liecke ist Gesundheitsstadtrat in Neukölln. © imago images/Sabine Gudath

In Neukölln, sagt Liecke, werde alles eingesetzt, was möglich sei, um die Menschen zu erreichen. Quartiermanagement, soziale Träger, Jugendhilfeträger, natürlich auch die Stadtteilmütter. „Mit Videokampagnen in den Sozialen Medien und in Shoppingcentern, mit dem Interkulturellen Aufklärungsteam, mit dem deutschlandweit einzigartigen Podcast des Gesundheitsamtes, mit Pop-up-Impfungen und dem bezirklichen Corona-Impf-Zentrum (CIZ) wird versucht, Menschen zum Impfen zu animieren.“

Die persönliche Ansprache und Aufklärung durch Mitglieder der migrantisch geprägten Communitys, sagt der Bezirksstadtrat, „ist wesentlicher Bestandteil der Impfkampagne und nicht durch Flyer, Videos oder andere Maßnahmen ersetzbar“. Nur so gelinge es, Fehlinformationen und Vorbehalte gegen die Impfung entgegen zu treten. In Neukölln haben die Mitarbeiter festgestellt, dass es vor allem bei bildungsfernen Menschen Probleme mit dem Impfen gebe.

Drive-in in Lichtenberg ist ein "Volltreffer"

In Lichtenberg bezeichnet Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke) die Einrichtung des Impf-Drive-ins als "Volltreffer". Nach der Schließung der Arena biete Lichtenberg das einzige niedrigschwellige Impfangebot im Osten der Stadt. "So konnten wir über 17.000 Menschen erreichen. Wir haben uns außerdem in den letzten sechs Monaten mit zwei Schwerpunktimpfungen bemüht, die Impfquote zu steigern", sagte Grunst. "Diese Angebote wurden ausgesprochen gut angenommen. Wir erreichen mit diesen Angeboten diejenigen, die bisher keine Gelegenheit oder Möglichkeit gesehen haben, sich impfen zu lassen."

Michael Grunst ist Bezirksbürgermeister von Lichtenberg. Foto: imago/Sabine Gudath Vergrößern
Michael Grunst ist Bezirksbürgermeister von Lichtenberg. © imago/Sabine Gudath

Mit der Erweiterung des Angebots für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren sei der Bezirk ebenfalls sehr erfolgreich. Allerdings seien die personellen und finanziellen Möglichkeiten begrenzt. Kleinere Online-Kampagnen zur Werbung fürs Impfen seien geplant. Es sei wichtig, sagte Grunst, möglichst niedrigschwellige Angebote zu schaffen und diese den Menschen lebensnah zu unterbreiten. "Unkompliziert, einfach erreichbar und barrierefrei muss es sein." Die Senatsverwaltung für Gesundheit stelle im Impfzentrum die Impfdosen sowie das Impfteam und habe die Übernahme der Kosten versprochen. Mehr Kooperation gehe immer, "wir wollen aber nicht klagen, sondern zusammenarbeiten".

Der Bezirk stößt bei Impfskeptikern an Grenzen

Allerdings stößt auch der Bezirk an Grenzen bei Leuten, die Impfgegner sind oder die dem Impfen kritisch gegenüber stehen. "Einer grundlegenden Skepsis können wir als Bezirksamt kurzfristig nicht begegnen, ebenso wenig denjenigen, die das Virus leugnen oder keine gesundheitliche Gefahr sehen", sagte Grunst. "Wir arbeiten daran, den Menschen bei der Unterbreitung der Angebote medizinische Beratung anzubieten. Wir sind außerdem erreichbar und beantworten alle Anfragen zu dem Thema."

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Es werde eine gemeinsame Mammutaufgabe, die Skepsis und Ablehnung gegenüber Impfungen in den kommenden Jahren wieder abzubauen. "Ich denke, dass viel über die Multiplikatoren im Bezirk passieren muss", sagte Grunst. "Und da sind wir im Austausch mit den Vereinen, Trägern und anderen Organisationen."

Auch an den Schulen wird seit dem neuen Schuljahr geimpft. Den Start machten die beruflichen Schulen, in den meisten Einrichtungen gab es schon Impfangebote von mobilen Teams. Ein Teil der Schüler war aber schon durch die Betriebe, in denen sie arbeiten, geimpft. Derzeit werden die Impfungen an anderen Schulen vorbereitet, das betrifft Schüler ab zwölf Jahren.

In 524 Praxen wird geimpft

Eine bedeutsame Rolle bei der Steigerung der Impfquote kommt Hausärzten zu. Dörthe Arnold, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin, erklärte: „Aktuell gilt es auch in den Praxen, die Unentschlossenen von einer Impfung zu überzeugen.“ Es sei aber nicht nötig, die Ärzte zu Impfungen zu motivieren. Schließlich sei die Zahl der Praxen, in denen geimpft werde, in wenigen Monaten von 2112 auf aktuell 2524 geschnellt.

Ob die S-Bahn erneut Menschen während der Fahrt in einem desinfizierten Waggon impft wie vor wenigen Tagen, ist offen. 100 Dosen des Impfstoffs Johnson & Johnson wurden gespitzt – für S-Bahnchef Peter Buchner „ein voller Erfolg“, für die vielen Menschen, die sich am Bahnsteig vergeblich bemühten, in den Waggon zu kommen, eher frustrierend.

Auch bei der Senats-Gesundheitsverwaltung gehen die Planungen für eine höhere Impfquote weiter. „Wir sind mittendrin“, sagt Moritz Quiske. Er nannte zwar keine Details, aber immerhin eine Ankündigung: „Wir werden in Kürze mit weiteren kreativen Ansätzen kommen.“

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