Auslaufgebiet. Jasna Fritzi Bauer ist oft im Volkspark Friedrichshain, meistens mit Hündin Bente. Foto: Thilo Rückeis
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Spaziergang mit Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer "Ost-Berlin ist mir näher"

Jasna Fritzi Bauer ("Axolotl Overkill") liebt Prenzlauer Berg - und erzählt beim Treffen zwischen Bötzowstraße und Volkspark Friedrichshain, warum.

Offiziell ist es längst Frühling, dem Berliner Wetter ist das an diesem Tag aber egal. Kalt, nass, grässlich. Gut, dass Jasna Fritzi Bauer ein Café als Treffpunkt vorgeschlagen hat. Das Leutemanns, Bötzowstraße. Von hier aus will sie durch ihren Kiez laufen, ein bisschen was über sich, über ihr Leben als eine der spannendsten deutschen Nachwuchsschauspielerinnen erzählen. Obwohl – Nachwuchs, passt das noch? Man unterschätzt sie leicht. 1,58 Meter, feine Gesichtszüge, das Wort „niedlich“ schießt einem durch den Kopf. Es passiert der 29-Jährigen noch immer häufig, dass sie für einen Teenager gehalten wird. Meistens spielt sie Mädchen oder junge Frauen von der nicht so niedlichen Sorte, eher gestört. Im vergangenen Jahr hat Bauer in dieser Kategorie ihr Meisterstück abgeliefert als zugedröhnte Schulabbrecherin Mifti im Berlin-Nacht- Drama „Axolotl Overkill“.

Und darum ist es lustig, dass da im Café, zehn Minuten vor der verabredeten Zeit, noch nicht Jasna Fritzi Bauer sitzt, sondern Helene Hegemann, die ihren Skandalroman „Axolotl Roadkill“ selbst auf die Leinwand gebracht hat und Bauer für den Part gewinnen konnte. Gut inszeniert? Es ist natürlich Zufall. Die Autorin tippt auf ihrem Laptop herum, als Jasna Fritzi Bauer das Café betritt. Überraschtes „Hallo“, Umarmung, Abgang Hegemann.

Und plötzlich stieg "Siggi" aus dem Auto

Sie sind mittlerweile gut befreundet, wohnen beide nicht weit von hier. Praktisch für Bauer, die sich selbst als „gemütlich“ bezeichnet, am liebsten schläft und „ungesund viel“ Serien schaut, wenn sie gerade mal zu Hause ist in ihrer Zweier-WG und nicht dreht oder mit einem Stück tourt – wie zuletzt für die Netflix-Produktion „Dogs of Berlin“ oder die Bühnenfassung des David-Foster-Wallace-Schinkens „Unendlicher Spaß“. Und davor: Dreharbeiten für Christian Ulmens Comedyserie „Jerks“, mehrere Tocotronic-Videos, die Fitzek-Verfilmung „Abgeschnitten“ mit Moritz Bleibtreu, Lars Eidinger, Fahri Yardim.

Der Bötzowkiez, wo Bauer seit etwa drei Jahren wohnt, ist darum ihr Nest. „Ich brauche es ruhig, beim Arbeiten habe ich genug Trubel.“ Dabei ist der Kiez nicht wirklich abgeschieden, kürzlich erst aß Angela Merkel ein paar Meter die Straße rauf bei „Chez Maurice“ gemeinsam mit ihrem frisch verflossenen Vizekanzler. Jasna Fritzi Bauer war gerade auf dem Weg zum Einkaufen, „da steigt Siggi aus dem Auto“.

Aus Berlin nach Wien und wieder zurück

Und die Straße runter arbeitet ihr Bruder, an der Kurt-Schwitters-Schule. Drei von sieben Geschwistern, darunter sie selbst, leben in Berlin. Klar sei das schön, Familie hier zu haben, sagt sie. Bauer ist in Wiesbaden aufgewachsen, fühlt sich als Tochter einer Schweizerin aber als Eidgenossin, nicht als Deutsche, und hat auch nur den Schweizer Pass. Das muss man erwähnen, denn hören tut man es nicht. Ihr Schwizerdütsch? „Mäßig.“

Wenn sie spricht – ein oft leicht spöttisch klingendes Hochdeutsch, dazwischen dreckige Lachsalven – hört man die Jahre in Berlin durch. Zehn sind es jetzt, mit Unterbrechung für ein Engagement am Wiener Burgtheater. In Wien hat sie sich wohlgefühlt, aber es hat sie immer nach Prenzlauer Berg gezogen. Vor ihrer Wiener Zeit lebte sie nahe der Schönhauser Allee, nun eben der Bötzowkiez. Man könnte so jemanden wie sie – erfolgreich, kreativer Job – in Kreuzkölln vermuten. Aber: „Ost-Berlin ist mir näher.“

Rüber in den Park - "zu den Wiesen, zum Russendenkmal, zur Kuhle“

Unter dem Cafétisch wird Bente, eine aus Spanien adoptierte Straßenhündin, nun langsam nervös. Zeit für einen Spaziergang mit Frauchen. Wind und Kälte zum Trotz. Als Bauer auf die Straße tritt, verzieht sie ihr Gesicht, der Fotograf winkt ab – keine Chance für gute Bilder, er wird ein anderes Mal wiederkommen. An schönen Tagen geht Jasna Fritzi Bauer gern rüber zum Volkspark Friedrichshain, „zu den Wiesen, zum Russendenkmal, zur Kuhle“. Nicht nur zum Gassigehen, auch ins Café Schönbrunn und ins Freiluftkino. Heute ist der Park ein pflichtmäßiger Abstecher, Pinkelgelegenheit für Bente.

Jasna Fritzi Bauer läuft den Schlängelpfad zum Großen Bunkerberg hoch und zündet sich eine Zigarette an, die sie fast so raucht, wie man es aus ihren Filmen kennt: Das Gesicht zur Faust geballt trotzt sie der Kippe mit einem kurzen heftigen Zug möglichst viel Qualm ab und dann – das durfte man im Film so von ihr allerdings noch nicht sehen – spuckt sie pfeilschnell in die Büsche am Wegesrand. Sag noch mal einer „niedlich“.

"Castorf hat in mir viel freigemacht"

So ein bisschen aus dem Rahmen fallen tut Bauer ja, zumindest in homöopathischer Dosis. Die Schule hat sie kurz vor dem Abi abgebrochen. Sie wusste, dass sie Schauspielerin werden will, in jeder freien Minute trieb es sie ins Hessische Staatstheater. Mit ihren Eltern hatte sie einen Deal: Wenn es mit der Schauspielschule nicht klappt, wird der Abschluss nachgeholt. Ein Glück für Bauer, dass sie gleich 2008 an der „Ernst Busch“ angenommen wurde. Die Ausbildung selbst hat sie dann etwas ratlos zurückgelassen, aber die Schule öffnete ihr Türen, erste Auftritte außerhalb Wiesbadens, zum Beispiel an der Berliner Schaubühne.

Am meisten gelernt, sagt Bauer, habe sie bei Frank Castorf. Gegen Ende seiner Volksbühnen-Intendanz war sie Ensemblemitglied, die Zeit hat sie geprägt, besonders Castorfs Art und Weise, mit den Spielern umzugehen, „der hat in mir ganz viel frei gemacht“. Was dann mit dem Theater geschah, ist für sie „die größte Unverschämtheit, die sich Berlin erlaubt hat“.

Morgens um zehn die erste Bulette

Es gehe darum, wie sich der Wandel vollzogen hat. Die Art und Weise. Dass sich Dinge ändern, akzeptiere sie schon, sagt Bauer. Muss sie auch, passiert bei ihr vor der Haustür: Pilates, Kinder-Yoga, ein Laden, der Steine zur Trinkwasser-Energitisierung verkauft. Nicht unbedingt ihre Welt. Sie freut sich über die verbliebenen Ur-Prenzlberger, die mittlerweile fast alle auf die andere Seite der Danziger Straße verdrängt wurden. Einige kehren ab und zu zurück, in das Café Dag an der Ecke zur Liselotte-Herrmann-Straße. „Die ballern hier morgens um zehn die erste Bulette und das erste Bier und beschweren sich über alles Mögliche. Schön, dass es das noch gibt.“

Sie geht vorbei, weiter zum Cafezinho, einem kleinen Brasilianer am Arnswalder Platz. Cappuccino und Salami-Sandwich. Bente wedelt erwartungsfroh mit dem Schwanz und fährt den ganz großen Hundeblick auf. „Sie wirkt immer so niedlich, da kommt sie bei vielen Leuten mit durch“, sagt Bauer und lässt eine Scheibe Wurst unter den Tisch wandern. So ein bisschen niedlich ist gar nicht falsch.

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