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Nichts wie weg: Viele Familien wünschen sich eine andere Grundschule für ihr Kind als die zugewiesene. Foto: Stephanie Pilick/dpa
© Stephanie Pilick/dpa

Exklusiv So (un)beliebt sind Berliner Grundschulen 10.000 Erstklässler wechseln vor dem Start die Schule

Manche Familien wollen eine Europaschule, andere ein lernfreundliches Umfeld: Jede sechste Grundschule in Berlin wird extrem gemieden.

Wie wichtig die ersten Schuljahre sind – das hat sich offenbar herumgesprochen in der Berliner Elternschaft: In weit über 10.000 Fällen haben sie versucht, für ihre Kinder eine andere Schule zu finden als die ihnen vom Bezirksamt zugewiesene. Dies belegen Daten, die dem Tagesspiegel exklusiv vorliegen. Den meisten Anträgen wird in der Regel stattgegeben. Rund 1750 Mal legten Familien aber Widerspruch ein oder klagten, wenn ihre Wechselwünsche nicht berücksichtigt wurden.

Da es in Berlin rund 33.000 Erstklässler gibt, ergibt sich eine Wechselrate von knapp einem Drittel – wie schon in den Vorjahren: „Die Unzufriedenheit von Eltern und Kindern mit der Schulplatzvergabe in Berlin ist weiterhin groß“, schlussfolgert die FDP-Bildungsexpertin Maren Jasper-Winter. Das zeige, dass sich an dem Verfahren etwas ändern müsse.

Die Abgeordnete hatte von der Senatsverwaltung für Bildung wissen wollen, wie sich das Wahlverhalten an jeder einzelnen Schule in Berlin ausgewirkt hat. Abgesehen von Treptow-Köpenick haben alle Bezirke die Daten geliefert. Ihnen ist zu entnehmen, dass etwa jede sechste der rund 350 öffentlichen Grundschulen so unbeliebt ist, dass die Hälfte oder sogar fast alle betroffenen Familien eine andere Schule wählen.

Die Wechselwünsche haben allerdings eine große Bandbreite von Gründen. Tausende der Anträge basieren darauf, dass Kinder eine Europaschule, freie Schulen oder eine andere Schule mit besonderen Profilen besuchen sollen. Das können auch Montessori- oder Gemeinschaftskonzepte sein. In diesen Fällen ist der Wechselwunsch in erster Linie eine Entscheidung zugunsten einer bestimmten Schule. Es gibt aber offenbar auch Tausende Fälle, in denen hinter dem Wechselwunsch eher die Flucht vor einer verrufenen Schule mit vielen schwachen Schülern steht.

Das alles kann man aus den Angaben herauslesen, die Jasper-Winter erfragt hat. So sind in den Listen der 350 Schulen Beispiele zu finden, in denen eine Schule 100 Plätze hat, aber auch fast 100 Schüler, die eine andere Schule wollen.

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Gleichzeitig zeigt sich aber ebenso, dass Schulen, die glaubhaft einen Neuanfang vermitteln, etwas bessere Anmeldezahlen haben als noch im Vorjahr. Ähnliches gilt für Schulen, die im Zusammenhang mit Mobbingvorwürfen oder antisemitischen Taten in die Schlagzeilen geraten waren: Sie hatten im Vorjahr viele Abmeldungen, aber auch hier haben sich einige Zahlen verbessert.

Trends lassen sich umkehren - auch von Elterninitiativen

Positive Tendenzen kann es auch geben, wenn sich Elterninitiativen gründen, die den Trend der „Familienflucht“ umkehren wollen. Das zeigt sich etwa an der Neumark-Grundschule in Schöneberg, wo sich die Zahl der Abmeldungen von 80 auf 50 deutlich reduziert hat. An der benachbarten Spreewald-Schule fehlt diese deutliche Bewegung noch.

Wartet noch auf die Wende: die Spreewald-Grundschule in Schöneberg. Foto: Monika Skolimowska/dpa Vergrößern
Wartet noch auf die Wende: die Spreewald-Grundschule in Schöneberg. © Monika Skolimowska/dpa

Um den zahlreichen Widersprüchen von Familien gegen die Schulplatzzuweisung abzuhelfen, aber auch dem Platzmangel insgesamt, sind die Bezirke dazu übergegangen, zusätzliche Klassen aufzumachen. Das hat zur Folge, dass – nicht nur die beliebten – Schulen immer größer werden. Viele von ihnen mussten längst ihre Musik- oder Computerräume aufgeben oder auf Horträume verzichten, um weitere Klassen unterzubringen. So entstehen mitunter „Monsterschulen“ mit sechs oder noch mehr Parallelklassen.

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Auf diese Weise ist es etwa Neukölln, Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg und Reinickendorf gelungen, über 80 Prozent der Widersprüche abzuhelfen. Spitzenreiter ist erneut Mitte mit fast 250 Widersprüchen – rund 100 mehr als in den meisten anderen Bezirken. Auch bei den Widersprüchen bleiben die Zahlen im Bereich des Vorjahres.

Die FDP will die Einschulungsbereiche abschaffen

Die Freien Demokraten fordern angesichts der unbeliebten Zuweisungen längst die Abschaffung der Einschulungsbereiche und eine freie Grundschulwahl: „Der Wanderzirkus zu Lasten aller muss beendet werden“, meint denn auch Jasper-Winter. Wo es möglich sei, müssten Schulen mit großen Anmeldewünschen ihre Kapazitäten noch weiter ausweiten. Bei anderen Schulen müsse die Attraktivität verbessert werden.

Die Anmeldezahlen für die öffentlichen Berliner Grundschulen 2020/21 finden sich hier als PDF. Die Anmeldezahlen für die öffentlichen Berliner Grundschulen 2019/20 gibt es hier als PDF.

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