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Komm in meine Arme: Feuchtfröhlich Wiedervereinte bei den Feierlichkeiten zum 3. Oktober 1990 am Brandenburger Tor. Foto: imago/Werner Schulze
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Sind wir uns einig? Wie Berlin vor 30 Jahren wieder zueinander fand

Rasante Zeiten, rastlose Menschen, eine von sich selbst verwirrte Stadt: So erlebte Berlin das Ende des Einheitsjahres 1990.

Wie schnell können Tage vergehen? Wie oft dürfen sich Wochen überholen? Wie viel Neues geht in Menschen rein, die sich monatlich neu erfinden? Und wann sind am Ende eines irren Jahres alle erschöpft von sich selbst, taumelnd ohne den Taumel des Anfangs? Erst 30 Jahre ist das her: Berlin einig Vaterland – nur die Menschen mussten sich erst mal dran gewöhnen im Dezember 1990.

Man fand sich wieder im vereinigten Berlin und in der Schlange vor der KfZ-Zulassungsstelle. Alle Ost-Berliner brauchten schnell eine neue Haftpflichtversicherung. „Bürgerkriegsähnliche Zustände“ beschrieb der Tagesspiegel. Zum Glück waren Schwerter gerade zu Pflugscharen umgeschmiedet worden, der bürokratische Aufbruch verlief friedlich. Doch in den Menschen tobten Kämpfe der Existenz und Selbstbefragung, angefacht durch eine rasend rotierende Welt. Nichts war wie zuvor – außer den Wolken am Himmel. Sie zogen vorüber.

Der Dezember hatte mit der ersten gemeinsamen Wahl begonnen. Helmut Kohl trug den Sieg in die Bonner Republik davon. Und Willy Brandt mahnte im Reichstag prophetisch: „Mauern in den Köpfen stehen manchmal länger als die, die aus Betonklötzen errichtet sind.“ Eine Überraschung gab es: Das bürgerbewegte Bündnis '90 zog in den Bundestag ein und rettete so die Grünen, die im Westen aus der neuen Zeit gefallen waren.

Im Osten fiel die Zeit aus den Menschen. Alles Gewohntes löste sich auf, die Revolution entließ ihre Kinder in die Arbeitslosigkeit. Berlin, erschüttert von der brutalen Räumung der besetzten Mainzer Straße, die die rot-grüne Koalition sprengte und CDU-Bürgermeister Eberhard Diepgen zurück ins Rathaus brachte, wirkte wie umgehauen, fiel in Selbstzweifel. Die Stadt war – wie seitdem immer – mit der eigenen Umorganisation beschäftigt. Dann schneite es aus allen Wolken. Im Radio wurde „Ice Ice Baby“ zum Hit.
Alles auf einmal, aber schnell. Die Telefonauskunft 1188 kam nicht hinterher: zu viele Anschlüsse unter zu vielen Nummern. „Konzipiert nur für den Bereich der westlichen Stadthälfte, kommen nun in großer Zahl Auskunftsersuchen aus dem Ostteil und dem Umland hinzu“, notierte der Tagesspiegel. „400 Mitarbeiter bearbeiten täglich 30 000 Anrufe. Nächstes Jahr will die Post im Ostteil eine zusätzliche Auskunftsstelle einrichten“ – doch die werde auch nicht reichen. Die wichtigste Auskunft musste sich jede und jeder selbst geben: Wo geht's lang zu meinem neuen Leben?


Gleichzeitig wächst auf alten Träumen die Neugier: Das eingeigelte West-Berlin schnallt sich den Speckgürtel um. Ost-Berliner stürmen Sex-Hotlines. Anzeige in der „Berliner Zeitung“, Rubrik Geselligkeit: „Telefonhosteß Nadja. Ohne Tabus, diskret. Ab 10 Uhr.“ Im tollen Buch „Das Jahr 1990 freilegen“ (editiert von Jan Wenzel; Spector Books) kann man lesen, wie Nadja damals am Hörer als Sklavin oder Tier auftrat und wie es ihr ging: „Ich weiß nicht, was man unter Glück versteht. Meinen Partner sehe ich kaum, weil er viel unterwegs ist. Ist er da, kommt der Stecker raus. Er möchte, dass ich aufhöre. Aber wer soll mir die Schulden bezahlen?“ Alles Alte abzuschütteln – es gelingt niemandem.

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Neues Jahr, neues Glück? Berlin war 1990 auf sich selbst zurückgefallen – in Gänze, aber nicht ganz beieinander. Es gab Streit um den Verkaufserlös von Mauerteilen, um Stasi-Vermerke über den letzten DDR-Regierungschef Lothar de Maizière (der sich aus der Politik zurückzog), Gerangel um Gewerbeflächen.

In Prenzlauer Berg blühte eine neue Boheme auf ollen Hinterhöfen, während im Neubaubezirk Hellersdorf mit 35 000 Wohnungen Fleischer und Friseure dichtmachten. Im ganzen Bezirk gab es Ende 1990 nur noch sieben Bäckereien und zwei Schuster, dafür 28 Videotheken.

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Und im Raubtierhaus des Tierparks in Friedrichsfelde grassierte die Angst vor dem Raubtier-Kapitalismus. 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fürchten um ihre Zukunft – zumal sich drüben im Zoo die Hälfte der Angestellten um doppelt so viele Tiere kümmert. Wie viele Menschen dürfen übrig bleiben, wenn eine Zeitenwende menschlich bleiben soll? Und war nicht auch in West-Berlin die Zeit des subventionierten Bindestrichs im Stadtnamen zu Ende?

Ein Jahresende ohne Ende. Kann man da ins Offene gehen, ins Neue rennen? Im damals gedrehten Spielfilm „Der Tangospieler“, prominent besetzt mit Corinna Harfouch und Michael Gwisdek, fragt sie ihn in der Küche: „Kannst Du nicht einfach vergessen?“ Er springt auf: „Nein, ich kann's nicht und ich will's auch nicht.“ Dann, so plötzlich wie alles, begann ein neues Jahr im alten Leben. Es fühlte sich zumindest neu an. Aber nicht unverbraucht.

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