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Im OP wird es nun vorerst stiller, die Intensivstationen sollen mehr Plätze für Covid-19-Patienten freihalten. Kitty Kleist-Heinrich
© Kitty Kleist-Heinrich

Senatorin Kalayci weist Berliner Kliniken an Hunderte Behandlungen pro Tag wegen Corona-Welle verschoben

Ab Samstag verschieben 38 Krankenhäuser planbare Eingriffe. Das hatten Ärzte gefordert, denn auf den Intensivstationen kamen immer mehr Covid-19-Patienten an.


In Berlins wichtigsten Kliniken sollen ab Samstag planbare Eingriffe verschoben werden. Das kündigte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) am Donnerstag an. Zudem teilte sie im Abgeordnetenhaus mit, dass 25 Prozent der mehr als 1200 Intensivbetten in Berlin für Covid-19-Patienten freizuhalten seien.

Die Anweisung gilt für die 38 Notfallkrankenhäuser der Stadt, von denen viele die vom Coronavirus schwer betroffenen Berliner versorgen. Ob sich bei der Anweisung formal um eine Verordnung des Senats handelt, war nicht zu erfahren. Bislang ist auch nicht bekannt, für wie lange die Regelung gelten soll – womöglich bis auf Widerruf durch den Senat.

Namhafte Ärzte hatten in den vergangenen Tagen eindringlich gefordert, der Senat möge die Kliniken anweisen, planbare Eingriffe zu verschieben: Nur wenn diese so genannten elektiven Behandlungen vorerst abgesagt würden, wären ausreichend Pflegekräfte frei, um die steigende Zahl an Covid-19-Patienten zu versorgen. In Berlins insgesamt 60 Kliniken fehlt insbesondere auf den Intensivstationen erfahrenes Pflegepersonal.

Mit den 38 Notfallkliniken sind jene Krankenhäuser gemeint, die über Rettungsstellen verfügen, die 24 Stunden am Tag dienstbereit sind. Die Krankenhausleitungen waren über das Vorhaben der Senatorin vorab informiert. Sie fürchten allerdings nach wie vor hohe finanzielle Einbuße.

Hintergrund ist, dass Behandlungen von den Krankenkassen der Patienten bezahlt werden; bleiben die Betten nun als Reserve auch nur einige Tage leer, machen die Kliniken schnell Verluste – schließlich muss Personal und Technik durchgehend bezahlt werden.

Notfälle werden in den Kliniken weiter aufgenommen

Bislang hatten unter anderem die Charité und Stationen der ebenfalls landeseigenen Vivantes-Kliniken von selbst bestimmte Behandlungen verschoben. Dass die Landesregierung einen solchen Schritt nun aber anweist, ist für die Krankenhäuser bedeutsam:

Die Klinikbetreiber könnten somit öffentliche Hilfe einfordern. Zu Beginn der Pandemie im März hatten sich die Bundesregierung und die Länderchefs schon einmal darauf geeinigt, alle planbaren Eingriffe verschieben zu lassen.

Dilek Kalayci (SPD), Senatorin für Gesundheit in Berlin. Foto: Paul Zinken/dpa Vergrößern
Dilek Kalayci (SPD), Senatorin für Gesundheit in Berlin. © Paul Zinken/dpa

Allein in Berlin betraf das schätzungsweise Tausende langfristig anberaumte Operationen. Erst im Mai nahmen die Krankenhäuser wieder den Regelbetrieb auf. Weil frei gehaltene Betten aber kosten, hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bis Oktober eine Pauschale zahlen lassen: Für jedes frei gehaltene Bett erhielten die Kliniken 560 Euro pro Tag.

Die Krankenhausträger fordern von Spahn auch in der aktuellen Welle eine solche Pauschale. Bislang hat sich die Bundesregierung dahingehend nicht festgelegt, der Senat äußerte sich nicht.

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Wie viele Behandlungen in Berlin nun verschoben werden müssten, ist kaum zu ermitteln; es werden Hunderte pro Tag sein. Die Vivantes-Kliniken werden ab Freitag jene Patienten, deren Termin verschoben wird, telefonisch informieren.

Dass die genaue Zahl der zu verschiebenden Behandlungen offen ist, hängt damit zusammen, dass Notfälle und wohl auch Patienten in der Tumorchirurgie und in intensiver Schmerzmittelbehandlung ausgenommen werden. Letztlich entscheiden aber die Ärzte vor Ort, welcher Patient als Notfall eingestuft wird.

"Nur so können wir die Corona-Welle brechen"

Weitgehend unstrittig ist, dass es bei steigenden Infektionszahlen ohne eine solche Anweisung kaum gelingen wird, die Intensivstationen voll am Laufen zu halten. „Noch entscheidender aber ist, dass sich die Berliner an die Infektionsschutzregeln halten“, sagte Jörg Weimann. „Nur so können wir die akute Coronawelle brechen.“ Weimann ist Chefarzt am Sankt Gertrauden-Krankenhaus in Wilmersdorf und hat das Konzept mitentworfen, das Berlin für den Fall einer zweiten Coronavirus-Welle vorbereitet hat.

[„Corona-Herbst auf den Intensivstationen: Der Kampf hinter den Infektionszahlen.“ Lesen Sie mehr zum Thema mit einem Tagesspiegel-Plus-Abonnement.]

Dabei werden Berlins Krankenhäuser drei Gruppen, jenen „Levels“ zugeteilt. Die Charité behandelt als Level I die allerschwersten Fälle. Level II sind 16 Kliniken, darunter die großen Vivantes-Häuser und Weimanns Sankt-Gertrauden-Krankenhaus, wo Covid-19-Patienten versorgt und oft auch künstlich beatmet werden. Für diese Level-II-Kliniken, die auch Notfallkrankenhäuser sind, gilt Kalaycis Anweisung. Sogenannte Level-III-Kliniken versorgen Patienten, die nicht an Covid-19 erkrankt sind.

Wie im März bitten die Senatorin und die Klinikchefs frühere Pflegekräfte, sich wieder für einen Job auf den Stationen zu melden. Kalayci verwies auf den im Juli eingerichteten „Krisenpersonalpool“, der online abrufbar ist. Wenn die regulären Krankenhäuser mit Covid-19-Patienten ausgelastet sind, könnte die Notklinik in der Messehalle gebraucht werden. Die offiziell „Corona-Behandlungszentrum Jafféstraße“ genannte Notklinik wird von Vivantes betrieben.

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