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Mit einem Schwung soll die Brücke über die Spree und hinunter zum Ufer an der Fischerinsel führen. Foto: Arup/COBE, SenUVK
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Schwacher Siegerentwurf für Großprojekt Die neue Mühlendammbrücke ist eine vergebene Chance für Berlin

Die neue Mühlendammbrücke hätte Berlins historische Mitte beleben können. Doch der Siegerentwurf gaukelt Aufenthaltsqualität nur vor. Ein Kommentar.

Über die Zukunft der Mühlendammbrücke in Berlin-Mitte wurde lange gestritten. Nun liegt der Siegerentwurf für den Neubau vor – und lässt einen ratlos zurück.

Gewiss: Die Treppen hinunter zum Park am Spreeufer auf der Fischerinsel sind zu begrüßen. Auch die direkte Anbindung an die Uferpromenade, die der gemeinsame Entwurf des Berliner Ingenieurbüros Arup Deutschland GmbH und der Architekten von COBE A/S aus Kopenhagen vorsieht, ist ein Gewinn für Fußgänger:innen. Und doch sind die Pläne in vielerlei Hinsicht eine vergebene Chance.

Das fällt schon beim Blick aus der Vogelperspektive auf den Entwurf auf. Sieht die Brücke nicht so ähnlich aus wie das autobahnähnliche Ungetüm, das sich bislang seinen Weg durch Berlins Mitte bahnt? Ja, die neue Brücke wird mehrere Meter schmaler als der bisherige Bau. Und doch bleibt sie mit mindestens 39 Metern riesig. Daran ändert auch die leicht geschwungene Form des Siegerentwurfs wenig.

Mindestens genauso stark ins Auge springt die Einfallslosigkeit des Vorschlags. An den Seiten des Spannbauwerks sollen lange Sitzstufen entstehen, die zudem im Vergleich zu den Fahrbahnen abgesenkt sind. Die Brücke soll dadurch zum Verweilen einladen.

Doch wer setzt sich gerade im Sommer mitten auf eine riesige Betonbrücke ohne Schatten, die vorbeifahrenden Radfahrer, Autos und Lastwagen auf Kopfhöhe im Nacken? Aufenthaltsqualität wird eher vorgegaukelt.

Andere Entwürfe waren weiter

Da waren andere Entwürfe weiter: Sie sahen teils bewachsene Kolonnadengänge an den Seiten vor, mehr abgeschirmt vom Verkehr in der Mitte. Dadurch hätte auch der breite Brückenbau zu einem Ort werden können, an dem sich Menschen gerne aufhalten. Andere Entwürfe wollten die Unterführung der Brücke am nordöstlichen Spreeufer durch neues Design, mehr Licht und ein Ladenlokal beleben. Doch auch sie setzten sich nicht durch, wegen anderer Mängel der Entwürfe.

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Auf der neuen Brücke sollen zunächst noch zwei Kfz-Spuren Platz finden, später nur noch eine einzige. Foto: Arup/COBE, SenUVK Vergrößern
Auf der neuen Brücke sollen zunächst noch zwei Kfz-Spuren Platz finden, später nur noch eine einzige. © Arup/COBE, SenUVK

Das wirft kein gutes Licht auf die Qualität des gesamten Wettbewerbs. Schade zudem, dass kein Beitrag ernsthaft eine teilweise Bebauung in Erwägung gezogen hat. Es hätte eine Erinnerung daran sein können, wie die Brücke mit Wohn- und Geschäftshäusern vor einem Jahrhundert über die Spree führte und ein wirklicher Stadtraum war. All das hätte das Land von den Büros einfordern können. Doch die Aufgabenstellung ließ an dieser Stelle unnötigen Spielraum, statt solche Elemente zur Bedingung zu machen.

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Doch in den neuen Plänen dominiert wie bislang der Verkehr. Die Brücke muss auch nach dem Neubau zunächst zwei Kfz-Streifen je Richtung aufweisen, damit täglich 63.000 Autos die Spree queren können. Geschuldet ist das dem schlechten Zustand der Brücke, die dringend ersetzt werden muss.

Zwei Entwürfe hatten – wie dieser hier – schattenspendende Kolonnadengänge für die Fußgänger:innen auf der Brücke vorgesehen. Foto: Hadi Teherani Architects Boeving-Concept - Ingeneurbüro Dr. Binnewies - VIC-Potsdam Vergrößern
Zwei Entwürfe hatten – wie dieser hier – schattenspendende Kolonnadengänge für die Fußgänger:innen auf der Brücke vorgesehen. © Hadi Teherani Architects Boeving-Concept - Ingeneurbüro Dr. Binnewies - VIC-Potsdam

Zudem handelt es sich um einen Ersatzneubau ohne Planfeststellungsverfahren. Der spart Zeit, lässt bei der Neuplanung aber weniger Spielraum. Erst später soll dann eine Kfz-Spur entfallen. Wann, ist vollkommen offen.

Diese Zwänge machten einen großen Wurf von Anfang an unwahrscheinlich. Herausgekommen ist daher ein beliebiger Kompromiss, der dem Ort nicht gerecht wird: Dort stand die historisch erste Berliner Spreequerung. Um sie herum entstand die heutige Stadt.

Der Ort hätte mehr verdient gehabt, auch um die versehrte historische Mitte aufzuwerten. Die Möglichkeit ist nun passé. Und eine wirkliche Entwicklung für die nächsten Jahrzehnte verhindert.

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