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Sorgenvoll. Der Krieg beschäftigt auch Kinder und Jugendliche. Foto: dpa/Gregor Fischer
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Tipps für Eltern und Lehrer Vom Umgang mit der Angst vor dem Krieg

Wie können Eltern und Lehrkräfte auf Kinder eingehen, wenn diese wegen des Kriegs verunsichert sind? Schulpsychologinnen geben Tipps.

Der Krieg in der Ukraine löst auch bei vielen Kindern und Jugendlichen, die in Berlin leben, Ängste aus. Eltern und Lehrer:innen stehen vor der Frage, wie sie damit umgehen sollen.

Hinweise dazu geben zwei aktuelle Fachbriefe, die die schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Beratungszentren in Berlin (Sibuz) zu diesem Thema herausgegeben haben: „Krieg in der Ferne – Angst zu Hause“ lautet jeweils der Titel, ein Brief richtet sich dann an Lehrkräfte und der andere an Eltern.

Verfasst haben die Texte Julia Asbrand, Psychologie-Professorin an der Humboldt-Universität, und Claudia Calvano, Professorin im Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Freien Universität.

Eigene Ängste wahrnehmen

Zunächst sollten sich Erwachsene darüber klar werden, welche Ängste und Sorgen sie selbst in Bezug auf den Krieg haben, schreiben die Wissenschaftlerinnen. Hat man beispielsweise Angst, dass der Krieg auch nach Deutschland kommt oder dass man in finanzielle Not gerät?

Vor einem Gespräch mit Kindern und Jugendlichen sollten Eltern, aber auch Lehrkräfte sich ihrer eigenen Sorgen und Gefühle bewusst sein, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen. „Ihre Kinder dürfen wissen, dass Sie nicht auf alle Fragen eine Antwort haben und auch verunsichert sind. Sie sollten ihnen aber Sicherheit und Trost vermitteln“, heißt es in dem Fachbrief für Eltern.

Gespräche anbieten

Asbrand und Calvano raten Eltern und Lehrkräften, Gespräche anzubieten, wenn Kinder auf sie zukommen oder wenn sie merken, dass etwa in der Klasse viel Unruhe deshalb ist. Dabei sei es wichtig, aktiv zuzuhören. "Was stellt sich Ihr Kind vor? Welche Bilder hat es im Kopf? Welche Fragen tauchen auf?", geben die Psychologinnen Eltern als Anregung.

Jüngere Kinder könnten manche Bilder noch nicht einordnen. Wenn sie einen Panzer sehen, wissen sie vielleicht nicht, dass das in einer anderen Stadt und nicht in ihrer Nähe passiert. "Helfen Sie Ihrem Kind dabei, seine Fragen zu beantworten", raten Asbrand und Calvano.

Altersgerecht erklären

Das Thema Krieg sollte altersangemessen besprochen werden. Kinder kennen Konflikte aus der Schule oder aus der Kita. "Ein Krieg ist ein großer Konflikt zwischen Ländern. Dabei geht es oft – genauso wie bei Kindern – um die Frage, wem etwas gehört", heißt es im Eltern-Fachbrief.

Man könne auch versuchen, positive Entwicklungen und Bemühungen der Länder anzusprechen, beispielsweise so: „In vielen Ländern wird aktuell beraten und viel unternommen, damit der Krieg so schnell wie möglich beendet werden kann.

Es besteht Hoffnung, dass vielen Menschen geholfen werden kann.“ Die Autorinnen raten, solche Gespräche nicht direkt vor dem Schlafengehen zu führen. Und manche Kinder wollen vielleicht auch gar nicht darüber sprechen.

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Ältere Jugendliche verstehen zum Teil schon wirtschaftliche oder geopolitische Hintergründe und wollen vielleicht auch mit ihren Eltern oder in der Klasse darüber diskutieren.

„Kinder und jüngere Jugendliche hingegen müssen diese Zusammenhänge nicht verstehen, sondern sollen und dürfen sich darauf konzentrieren, wie es ihnen jetzt und hier geht.“ Das gemeinsame Sprechen über Gefühle und Probleme könne „eine neue Art von Verbundenheit“ schaffen und entlastend sein, wenn die Kinder hören, dass andere ähnliche Sorgen haben.

Bei Familien mit mehreren Kindern raten die Psychologinnen, die älteren Geschwister zu bitten, die jüngeren nicht zu überfordern. "Generell sollte das Thema Krieg nicht unter den Kindern alleine, sondern in der Familie bzw. zwischen Eltern und Kindern besprochen werden", schreiben sie.

Selbstwirksam werden

Eine weitere Strategie sei es, selbst etwas zu tun und „wirksam“ zu werden. Eltern und Lehrkräfte könnten beispielsweise mit den Kindern oder Jugendlichen überlegen, wie man Geflüchteten helfen kann.

Tagesspiegel-Spendenaktion für Opfer des Ukraine-Krieges:

  • Der Tagesspiegel-Spendenverein bittet um Geld, wir sammeln zugunsten unseres Hauptkooperationspartners „Bündnis Entwicklung Hilft für die Opfer des Krieges in der Ukraine, in betroffenen Nachbarländern und in Deutschland, hier vor allem Berlin-Brandenburg.
  • Der Spendenverein behält sich vor – das ist mit dem Bündnis in gegenseitigem Einverständnis geklärt –, einen gewissen Teil der Gesamtsumme für akute Nothilfen an andere Träger in Berlin und Brandenburg proaktiv zu vergeben.
  • Spendenkonto: Empfänger: Spendenaktion Der Tagesspiegel e.V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!/Ukraine“, Berliner Sparkasse BIC: BELADEBE, IBAN: DE43100500000250030942
  • Bitte Name und Anschrift für den Spendenbeleg notieren (Online-Banking möglich). Für die Steuer reicht bei Beträgen bis 300 Euro der Überweisungsbeleg.
  • Mehr Informationen zur Spendenaktion „Menschen helfen!“ finden Sie in diesem Artikel.

Achtsamkeit üben

Für den Umgang mit Situationen, bei denen ein Kind von Gefühlen wie Traurigkeit, Wut oder Angst überwältigt wird, empfehlen die Psychologinnen „Achtsamkeit“: Es könne dann helfen, sich auf den Moment zu konzentrieren, zum Beispiel auf den Atem, die Füße auf dem Boden oder ein Bild an der Wand.

Eine Atemübung, die manchen hilft: "Vier Sekunden lang tief durch die Nase einatmen, vier Sekunden lang den Atem anhalten, vier Sekunden lang durch den Mund ausatmen, vier Sekunden lang anhalten, bevor wieder eingeatmet wird."

Vorsicht beim Medienkonsum

Eltern sollten darauf achten, dass gerade jüngere Kinder keine Kriegsbilder sehen, die sie nur schwer verarbeiten können. Eltern und Lehrer:innen sollten darauf hinweisen, dass Offline-Zeiten oder der bewusste Konsum von nur ausgewählten Medien beim Bewältigen von Ängsten und beim Umgang mit der aktuellen Situation helfen kann.

Wenn Lehrer.innen den Eindruck haben, dass Kinder immer wieder Bildern ausgesetzt seien, die diese nicht einordnen können, sollten sie die Eltern darauf ansprechen. Eltern sollten auch auf ihren eigenen Medienkonsum achten und keine Nachrichten konsumieren, wenn jüngere Kinder dabei sind.

Diskriminierung vorbeugen

Menschen, auch Mitschüler:innen, die aus Russland oder der Ukraine stammen oder dort Verwandte haben, können durch den Krieg verstärkt Vorurteilen ausgesetzt sein. Man sollte Kindern klar machen, dass beispielsweise Mitmenschen aus Russland nicht verantwortlich für den Krieg sind.

Eltern sollten auch auf ihre Sprache achten und beispielsweise nicht "Die Russen" und "Die Ukrainer" als Gruppen gegenüberstellen, stattdessen könne man etwa von den "Menschen aus der Ukraine/ aus Russland" oder den "Menschen auf der Flucht vor dem Krieg" sprechen.

Wenn geflüchtete Kinder aus der Ukraine in der Schule sind, sollten Eltern ihre Kinder unterstützen, auf diese zuzugehen. Man kann sich gemeinsam überlegen, wie so ein Kontakt ablaufen könnte, ob man das Kind zum Beispiel zum Fußballspielen auffordern könnte.

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Resilienz stärken

Außerdem raten die Autorinnen zur Stärkung von Resilienz, also der Stärkung von Widerstandsfähigkeit in Krisen. Zentrales Element dabei seien Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung und das Wissen, dass man im sozialen Netz Unterstützung finden kann.

So könne man sich gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen unter anderem folgende Fragen stellen: Was gibt es in meinem Leben, das gut ist? Wofür bin ich dankbar? Wem geht es ähnlich wie mir? Wer kann mich unterstützen und wen kann ich unterstützen? Was muss ich akzeptieren, wie es ist? Was kann ich tun, in welchem Bereich bin ich handlungsfähig?

Man kann zum Beispiel jeden Tag drei Dinge notieren, für die man dankbar ist. Das kann für Eltern und Kinder auch ein Ritual abends sein. "Der Fokus auf den Moment hilft oft, die Sorge nicht übermächtig werden zu lassen", heißt es im Fachbrief für die Eltern

Alltag weiterführen und Normalität bewahren

Eltern sollten darauf achten, die gewohnten Strukturen und Rituale beizubehalten, zum Beispiel gemeinsame Mahlzeiten, zu-Bett-bringen, vorlesen, spielen, kuscheln. "Diese stärken die emotionale Sicherheit Ihres Kindes und können Trost und Halt geben."

Manche fragen sich vielleicht, ob sie selbst etwas Schönes unternehmen dürfen, wenn es anderen schlecht geht. "Aber auch hier gilt, dass es für Kinder wichtig ist, dass der Alltag weitergeführt wird, zu dem auch Spaß und schöne Erlebnisse gehören."

Bewegung hilft

Eltern sollten ihre Kinder und sich selbst dazu motivieren, jeden Tag einmal raus zu gehen und sich ein wenig zu bewegen. "Sie müssen keine sportlichen Höchstleistungen erzielen; ein Spaziergang reicht aus."

Zeit für sich selbst nehmen und Unterstützung suchen

Eltern sollten sich auch bewusst Zeit für sich selbst nehmen. "Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass es Ihrem Kind gut geht, ist Ihr eigenes Wohlbefinden. Es ist absolut in Ordnung und wichtig, dass es Ihnen gut geht und Sie Spaß haben", schreiben Asbrand und Calvano.

Wenn man merkt, dass man keine Ressourcen mehr für sich und seine Kinder hat, sollte man Unterstützung suchen, zum Beispiel bei Freunden oder der Familie oder durch professionelle Hilfsangebote.

Eltern und Lehrkräfte, die weitere Beratung benötigen, können sich zum Beispiel auch an die Sibuz wenden. Diese Adressen und Kontaktdaten findet man unter hier. Die beiden Fachbriefe gibt es unter diesem Link.

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