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Mitreden. Jugendliche verlangen mehr faktenbasierte Kommunikation in der Schule und wollen Fake News besser erkennen. Foto: Shutterstock /Syda Productions
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Stimme der Jugend am Tag der Bildung „Hört ihnen doch einfach mal zu“

Was bewegt Jugendliche in Zeiten von Corona? Bettina Jorzik vom Stifterverband über Sorgen der Lernenden – und ihre Forderungen an die Politik.

Nach dem Lockdown im Frühjahr mussten sich Schülerinnen und Schüler schnell auf neues Lernen einstellen. Wie hat sich das auf sie ausgewirkt? Antworten auf diese Frage suchte der Stifterverband gemeinsam mit jungen Menschen in der Umfrage "Unsere Stimme zur Corona-Stimmung". Zu welchen Ergebnissen sie gekommen sind, erklärt Bettina Jorzik, Programmleiterin im Bereich Lehre & akademischer Nachwuchs im Stifterverband.

Frau Jorzik, vor fünf Jahren hat der Stifterverband gemeinsam mit den SOS-Kinderdörfern weltweit und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung den bundesweiten „Tag der Bildung“ ins Leben gerufen. Welche Idee stand dahinter?
Es gibt eine Vielzahl von Akteuren, die im Bildungsbereich aktiv sind. Den Initiatoren ging es darum, dieses vielfältige Engagement sichtbar zu machen und einen Anlass zu schaffen, das Thema Bildung stärker in die Öffentlichkeit zu tragen.

Mit dem Aktionstag will man auch auf die ungelösten Bildungsfragen aufmerksam machen. Was war das dringendste Problem in diesem Corona-Jahr?
Die Chancengerechtigkeit für das Bildungssystem ist und bleibt die große Herausforderung. Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft die Möglichkeit zu geben, ihre Potenziale auszuschöpfen, steht beim Tag der Bildung von Anfang an im Mittelpunkt. Wir dürfen uns nicht damit zufriedengeben, dass Herkunft nach wie vor eine bedeutende Rolle für den Bildungserfolg spielt. Für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien, ist es unter Corona-Bedingungen noch mal schwieriger geworden. Nicht nur weil sie keine Laptops haben, um am Distanzlernen teilzunehmen.

Sondern?
Diese Kinder brauchen einen klar strukturierten Alltag, den die Schule ihnen vorgibt. Sie können nicht damit rechnen, dass ihre Eltern sie dabei unterstützen, den Schultag zu Hause zu bewältigen. In Mittelschichtsfamilien ist das selbstverständlich, dass Eltern Kindern die Aufgabenblätter ausdrucken und sich darum kümmern, dass sie gelöst werden. Aber in sozial benachteiligten Familien ist das nicht der Fall. Für diese Kinder ist die Situation im Frühjahr und im Sommer, wo sie wochenlang nicht zur Schule gehen konnten, besonders prekär gewesen. Insofern war das in diesem Jahr ein leitendes Thema.

Der Stifterverband entwarf gemeinsam mit den Jugendlichen eine Umfrage, um herauszufinden, was sie in Corona-Zeiten wirklich bewegt. Warum war das wichtig?
Zum Höhepunkt der Pandemie im Frühjahr sind zahlreiche Studien auf den Weg gebracht worden. In den meisten ist viel über Kinder und Jugendliche gesprochen worden, aber nur in den seltensten Fällen mit ihnen. Sie waren der Untersuchungsgegenstand, aber sie selbst wurden nicht gehört. Wir wollten einen Kontrapunkt setzen. Das ist dem Stifterverband auch künftig ein Anliegen: Den Schülerinnen und Schülern mehr Gehör zu verschaffen. Ihnen eine Bühne geben, damit sie wahrgenommen werden.

Bettina Jorzik vom Stifterverband. Foto: Damian Gorczany/Stifterverband Vergrößern
Bettina Jorzik vom Stifterverband. © Damian Gorczany/Stifterverband

Im Sommer wurde auch der Nationale Bildungsbericht vorgelegt, der alle zwei Jahre durchgeführt wird. Der Schwerpunkt lag diesmal auf Bildung in einer digitalisierten Welt.
Das war mit der Grund, warum wir die Umfrage gestartet haben. Wir wollten im Vorfeld wissen – wir kannten die Ergebnisse des Berichts damals noch nicht –, wie würden Jugendliche die Situation selbst kommentieren? Rund 2700 junge Menschen von Berufs- und allgemeinbildenden Schulen nahmen an der Online-Befragung teil. Über 60 Prozent waren zwischen 15 und 17 Jahren. Dann fand im November eine Online-Tagung mit 50 Jugendlichen statt, auf der sie sieben Forderungen an die Politik formulierten. Sie plädieren unter anderem für die stufenweise Umsetzung der Digitalisierungsstrategie. Auch der Umgang mit Medien soll stärker im Lehrplan verankert und Lehrkräfte verpflichtend fortgebildet werden.

Welche Erkenntnisse haben Sie besonders überrascht?
Mehr als jeder zweite Schüler sagte, es fehle ihm ein strukturierter Tagesablauf. Das finde ich eine sehr bemerkenswerte Antwort, die ich so nicht erwartet hätte. Vor allem wenn ich daran denke, dass man in dem Alter eigentlich gern mal abhängen will. Ich weiß nicht, ob mir in meiner Schulzeit klar war, wie wichtig bestimmte Strukturen sind. Heute ist das für viele aber ein wesentlicher Punkt.

Ein Drittel der Befragten beobachtet in seinem Umfeld außerdem die Zunahme von Verschwörungstheorien.
Auch das ist ein interessanter Befund. Daraus leitet sich die Forderung der Jugendlichen ab, besser mit ihnen zu kommunizieren. Sie verlangen mehr faktenbasierte Diskussionen und möchten, dass in der Schule stärker vermittelt wird, wie man Fakten von Fake News unterscheidet und zu seriösen Bewertungen und Urteilen kommt. Das halte ich für eine ausgesprochen aufgeklärte Forderung.

Auch das Thema Mental Health scheint vielen besonders am Herzen zu liegen.
Das stimmt. Mehr als die Hälfte gaben an, sich durch Corona einsamer zu fühlen und größere Zukunftssorgen zu haben. Ich hätte angenommen, dass konkrete Zweifel bezogen auf den Schulabschluss eine größere Rolle spielen würden. Das hat sich so nicht bestätigt. Viele empfinden auch eine diffuse Zukunftsangst. Sie fordern eine professionelle Unterstützung in der Schule, die man klar trennen muss von den Lehrkräften.

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Warum ist das sinnvoll?
Weil Lehrende Schülerinnen und Schüler auch immer bewerten und benoten. Deshalb sind sie für die Rolle der Ansprechpartner, an die man sich mit seinen Sorgen und Nöten wenden kann, weniger gut geeignet.

Eine Forderung ist besonders prägnant: Wahlrecht ab 16!
Richtig. Die Jugendlichen möchten heute ernster genommen werden und mehr Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig schreiben sie der Schule – zu Recht – den Auftrag zu, sie nicht nur zu unterrichten, sondern auch zu mündigen Staatsbürgern zu erziehen. Dazu gehört politische Bildung. Sie wollen partizipieren und möchten, dass man das ihnen zutraut – und es ihnen zumutet, dafür die nötigen Kompetenzen zu erwerben.

Heute übergeben die Jugendlichen im Rahmen einer Podiumsdiskussion ihre Forderungen der Politik und der Öffentlichkeit. Das wird ab 15 Uhr im Livestream auf tag-der-bildung.de übertragen. Was erhoffen Sie sich von dem Aktionstag für die Zukunft?
Wir wollen, dass dieser Tag ein Feiertag der Bildung wird. Die öffentliche Debatte in diesem Bereich ist meist ein Problemdiskurs. In den Medien wird über das schlechte Abschneiden bei Pisa berichtet, oder über die mangelhafte Ausstattung der Schulen. Wir wollen diese Probleme nicht leugnen oder totschweigen, aber wir möchten auch nicht, dass die Diskussion in Schieflage gerät und der Eindruck entsteht: Es passiert nichts Gutes. Daher möchten wir künftig noch mehr Erfolgsgeschichten erzählen und Initiativen sichtbar machen, die wirken. Wir wollen Bildung feiern. Natürlich muss man die Stimmung der Jugendlichen zur Kenntnis nehmen und ihre Forderungen ernst nehmen. Die positive Botschaft ist: Toll, was für reflektierte und reife Schülerinnen und Schüler wir haben. Umso mehr gilt: Hört ihnen doch einfach mal zu.

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