Mittagspause. An der Martin-Niemöller-Grundschule in Hohenschönhausen trägt ein Mädchen einen Teller mit Suppe zu einem Tisch. Foto: Jörg Carstensen/dpa
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Schulessen in Berlin Schulen müssen improvisieren

364 öffentliche Grundschulen hat Berlin – und annähernd so viele Arten, das kostenlose Mittagessen zu organisieren. Ein Überblick.

Der historische Augenblick – er ist inzwischen gut eine Woche alt: Seit dem 5. August werden Berlins Schüler bis zur sechsten Klasse auf Landeskosten verpflegt. Das gab es nie zuvor. Und? Wie lief's?

Das Bild, das sich bietet, ist bunt und belegt einmal mehr, dass die Lage nicht nur von der Größe der Mensen, sondern auch vom Organisationstalent und der Improvisationsbereitschaft der Beteiligten abhängt.

„Stellen Sie mal in 200 Telefonaten die Frage: Möchte Ihr Kind wirklich kein Mittagessen?“, hieß es etwa in einer Spandauer Schule auf die Frage, wie es denn so klappe mit dem Einstieg in die Kostenfreiheit. Womit eines der häufigsten Probleme benannt wäre: Das der Kommunikation. Denn viele Eltern hatten offenbar nicht mitbekommen, dass sie trotz der Kostenbefreiung Verträge mit den Caterern abschließen müssen.

Mittagessen im Oktoberfest-Zelt

Was man aus Spandau sonst so hört: Die Klagen der Schulen, dass die Konstruktion der Stundenpläne jetzt noch schwieriger geworden ist, als es in Zeiten des Lehrer- und Raummangels ohnehin schon war, dass Lehrer jetzt „im Akkord Essen auf die Teller verteilen“, dass die Kinder hastig essen, um noch in die Pause rauszukommen. Und - wie auch im im jüngsten Spandau-Newsletter des Tagesspiegels zu lesen war: dass ein Teil der 500 Kinder der Astrid-Lindgren-Grundschule in einem Oktoberfest-Zelt isst, weil die Mensa für den gestiegenen Bedarf nicht ausreicht.

Womit in den Spandauer Berichten schon das meiste enthalten wäre, was in ganz Berlin zu beobachten ist: Das Raumproblem ist gravierend, und nicht überall ist Platz für ein Bierzelt. Somit wird das Raum- zu einem Zeitproblem: Um alle 400 oder gar 800 Schüler durch eine Mensa mit 70 Plätzen zu schleusen, müssen die Kinder in kurzen Intervallen essen. Manchen gefällt das, weil sie schnell zum Spielen wollen, andere aber bekommen Bauchschmerzen vom Zeitdruck, wie ein Vater aus Pankow berichtet.

Einige Schulen beginnen mit der "nullten Stunde"

Die Antworten der Schulleiter auf alle diese Probleme („Herausforderungen“) fallen sehr unterschiedlich aus. Manche haben schon im vergangenen Schuljahr die Zustimmung der Gremien eingeholt, den Unterrichtsbeginn nach vorn zu verlagern: Die „nullte Stunde“ hat jetzt, wie berichtet, Konjunktur.

Essen im Akkord. Wollen alle Kinder essen, muss früh angefangen werden. Alexander Körner Vergrößern
Essen im Akkord. Wollen alle Kinder essen, muss früh angefangen werden. © Alexander Körner

Das gilt zum Beispiel an der Victor-Gollancz-Schule in Frohnau. „Wie soll man es sonst machen?“, lautet die rhetorische Frage von Konrektor Michael Hoffmann. Er verweist darauf, dass sehr viele Schüler der musikbetonten Schule am Nachmittag AGs besuchen. Das bedeute, dass man den Unterricht nicht einfach in den Nachmittag ziehen könne. Die Mensa bot bisher 60 Schülern Platz, aber 550 gibt es. Zwar haben noch nicht alle Verträge mit dem Caterer abgeschlossen, „aber die Zahl ändert sich täglich“, berichtet Hoffmann. Da reicht es auch nicht mehr, dass platzsparende Möbel angeschafft wurden, so dass nun 108 Schüler einen Mensastuhl haben.

Sanierungen verschärfen die Raumnot

Wie in vielen anderen Schulen auch verschärft sich der Raummangel dadurch, dass gerade Sanierungen laufen: „Vier Räume fehlen, dem Hort wurde schon einer weggenommen“, beschreibt Hoffmann die verzwickte Lage, die dazu führte, dass die Schulkonferenz schließlich „einstimmig“ den Unterrichtsbeginn auf 7.30 Uhr vorverlegte.

Nicht überall ist dieser vorgezogene Unterrichtsbeginn von den Eltern akzeptiert worden. An der Schule auf dem Tempelhofer Feld etwa gab es Gegenwehr, als Viertklässler-Eltern zum Ferienende die „Nullte Stunde“ in den Stundenplänen ihrer Kinder entdeckten. Die Schule hat die Pläne daher umgebaut, wie Schulleiter Olaf Garbe berichtete. Allerdings um den Preis, dass die eigentlich angestrebte Rhythmisierung nun zum Teil aufgegeben werden musste. „Es wird unruhiger“, bedauert Garbe und resümiert, dass es „noch nie so kompliziert war“, einen Stundenplan zu bauen: Da die Zahl der Esser durch den Wegfall der Kosten von 420 auf 580 gestiegen ist, muss in fünf Schichten gegessen werden. Was er nicht vermeiden kann: Der Förderunterricht sowie in Klasse 5 und 6 der Sportunterricht beginnt schon um 7.30 Uhr. Letztgenanntes aber nicht wegen der kleinen Mensa sondern wegen der kleinen Sporthalle.

An einigen Schulen fehlen Tische

Auch in Neukölln gab es „einige Anlaufschwierigkeiten und Kinderkrankheiten“, wie der Referent von Schulstadträtin Karin Korte (SPD) mitteilt. Demnach konnten nicht an allen Schulen rechtzeitig Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden, teilweise seien noch Umbauten nötig. Für zwei Schulen müssten noch zusätzliche Räume angemietet werden. Außerdem würden an einigen Schulen Tische fehlen, „weil alle Schulen in Berlin zum neuen Schuljahr Tische bestellt haben, so dass die entsprechenden Firmen in Verzug kamen“. Er sei allerdings zuversichtlich, dass alle Probleme zeitnah gelöst werden können.

Seit Anfang des Schuljahres erhalten alle Schüler Berlins ein kostenloses Mittagsessen. Jörg Carstensen Vergrößern
Seit Anfang des Schuljahres erhalten alle Schüler Berlins ein kostenloses Mittagsessen. © Jörg Carstensen

Zu den Platz- und Zeitproblemen kommen noch weitere. So etwa der Umstand, dass Schulen und Caterer sehr unterschiedlich damit umgehen, wenn Eltern noch keine Verträge abgeschlossen haben. Nicht immer reicht es, die säumigen Familien abzutelefonieren: Manche Eltern scheitern an den komplizierten Bestellverfahren von Caterern, andere sind aus Gleichgültigkeit oder Unwissenheit säumig. So haben sich etwa an der Wilhelm-Hauff-Schule in Mitte bisher lediglich drei Kinder mehr angemeldet als vor der Einführung des kostenlosen Schulessens, als nur die 200 Hortkinder aßen. Und was ist mit den anderen 250?

Mittagessen um 10.30 Uhr

„Eines Tages werden wir den wahren Bedarf sehen“, übt sich Konrektorin Bianca Weller in Geduld und ist optimistisch, „dass sich alles zurechtruckelt“. Wenn allerdings alle essen wollen, „dann müssen wir um 10.30 Uhr anfangen“, weiß Weller wegen der knappen Räume.

Auch andere Schulleitungen üben sich in einer Mischung aus Optimismus und Pragmatismus: „Die Situation ist durchaus handhabbar“, findet etwa Christina Albert, die Leiterin der Lemgo-Schule in Kreuzberg. Zwar gebe es an der Schule Baumaßnahmen, die noch zwei Jahre andauerten, doch man weiche in die Caféteria des angrenzenden Robert-Koch-Gymnasiums aus, berichtete Albert dem Tagesspiegel-Newsletter Friedrichshain- Kreuzberg.

An der Kreuzberger Clara-Grunwald-Schule musste am ersten Schultag Essen zurückgehen, weil 20 neu angemeldete Kinder nicht erschienen sind. Befürchtungen dieser Art hatten Caterer vor dem Start des kostenlosen Schulessens geäußert. Inzwischen sagt Rolf Hoppe vom Verband der Caterer: „Von Caterer-Seiten gibt es keine Probleme“, man habe sich rechtzeitig auf den Mehrbedarf eingestellt.

Bis alle Probleme gelöst sind, wird es noch dauern

Um dem Raummangel beizukommen, wurde von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) ein Extra-Bauprogramm für Mensen im kommenden Doppelhaushalt verankert. Es tut sich auch jetzt schon etwas. In der Erwin-von-Witzleben-Grundschule in Charlottenburg hat Bezirksbildungsstadträtin Heike Schmitt-Schmelz (SPD) gerade eine neue Mensa eröffnet. Der Erweiterungsbau bietet 198 Plätze, zuvor gab es nur 78. Auch die Küche und die Essensausgabe wurden vergrößert. Nun könnten „alle Kinder an der Schule ohne Hektik ihr Schulmittagessen zu sich nehmen“, sagte Schmitt-Schmelz.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) beim Mittagessen an der Martin-Niemöller-Grundschule. Jörg Carstensen Vergrößern
Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) beim Mittagessen an der Martin-Niemöller-Grundschule. © Jörg Carstensen

Angesichts der knappen Bauplaner und Handwerkerressourcen dürfte es aber noch Jahre dauern, bis alle Schulen genug bauliche Kapazitäten haben, um das Essen so stressfrei organisieren zu können, dass es allen bekommt.

So lange will Thorsten Schatz, CDU-Schulexperte in Spandau, aber nicht warten: „Ich erwarte vom Bezirksbürgermeister schon im nächsten Schulausschuss einen klaren Fahrplan für jede Schule, wann dort welches Provisorium wie gelöst werden soll.“ Der nächste Schulausschuss ist am Mittwoch.

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