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Raus aus der Theorie, rein in die Praxis. Im Lehrerberuf ist die Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern entscheidend. Foto: Getty Images
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Lehrertrainerin im Interview „Ich kämpfe für die Bildungsrevolution“

Fachwissen allein macht noch keinen guten Lehrer. Gefragt sind vor allem soziale Kompetenzen, sagt Petja Meidlinger und plädiert für ein duales Lehramtsstudium.

Petja Meidlinger ist Pädagogin, Coach, Dialogprozessbegleiterin und leitet seit 2017 das Programm „Teacher Coaching & Training“ am Münchner Zentrum für Lehrerbildung (MZL) an der Ludwig-Maximilians-Universität. Beruflich war sie als Personal- und Organisationsentwicklerin sowie als Trainerin in Wirtschaftsunternehmen und in Bildungsverbänden tätig. Zuvor arbeitete sie als Gymnasiallehrerin. Meidlinger bildet am MZL Lehrkräfte aller Schularten weiter, die im Rahmen Ihres Programms Studierende in unterschiedlichen Coaching- und Trainings-Formaten in ihrer Weiterentwicklung unterstützen und begleiten. Dort geht es um Themen wie: Haltung, Werte, Beziehungsarbeit, Konfliktklärung, gruppendynamische Prozesse, Führung, Selbstwirksamkeit, Selbstregulation, Achtsamkeit und Resilienz.

Frau Meidlinger, vor einem Jahr ging das Video einer israelischen Mutter viral, die bereits nach wenigen Tagen von Homeschooling die Nase voll hatte und frustriert gegen Lehrer austeilte. Seitdem werden Lehrkräfte immer wieder an den Pranger gestellt. Zurecht?
Das ist eine große Ungerechtigkeit – und das ärgert mich sehr. Sie sind seit erstem Lockdown direkt an der Feuerstelle dran und tun das Beste, um den Laden zusammenzuhalten. Aber irgendwann können sie vor lauter Hitze auch nicht mehr.

Trotzdem hagelte es vielerorts Kritik, sie seien unerreichbar und unengagiert. Wie erklären Sie sich diese mangelnde Wertschätzung?
Ich glaube, es fehlte das Gespür dafür, was es eigentlich bedeutet, Kinder und pubertierende Jugendliche zu unterrichten. Doch das ändert sich. Jetzt, wo die Schulen wieder öffnen, sind viele Eltern demütiger. Ich höre häufig, wie sie sagen, dass sie viel mehr Respekt haben für den Job als früher. Niemand war auf diese Ausnahmesituation vorbereitet. Die Lehrer wurden mit unzähligen Reglungen überhäuft und im Stich gelassen.

Hat der deutsche Bildungsföderalismus mal wieder versagt?
Die Pandemie hat ein grundlegendes Problem offengelegt, nämlich, wie unzureichend Lehrkräfte ausgebildet und später in den Schulen unterstützt werden. Der Lockdown wirkt wie eine Lupe, die die strukturellen Versäumnisse und Missstände nur noch vergrößert.

Was läuft denn schief in der Lehrerausbildung?
Die Studierenden werden an den Unis fachlich sehr gut ausgebildet. Die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken sind bestens aufgestellt. Was jedoch im hohen Maße fehlt, ist die Ausbildung in sozialen und personalen Kompetenzen. Genau das bieten wir am Münchner Zentrum für Lehrerbildung (MZL) an der Ludwig-Maximilians-Universität an.

Sie haben dort ein Coaching für Lehrkräfte entwickelt, der psychologische und pädagogische Fähigkeiten vermittelt. Ähnliche Angebote gibt es deutschlandweit kaum. Was hat Sie dazu bewogen?
Ich kämpfe seit Jahren für eine Bildungsrevolution. Als ehemalige Lehrerin weiß ich aus eigener Erfahrung heraus, wie Lehrerausbildung abläuft – und wie ich es mir letztlich wünschen würde. So kann es doch nicht weitergehen. Die Lehrkräfte werden immer noch viel zu oft als bloße Wissensvermittler gesehen, vor allem an Gymnasien. Das ist ein großer Fehler, denn das sind sie primär keineswegs.

Sondern?
Sie sind in erster Linie Begleiter, die Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, Mensch zu werden – ein soziales Wesen, das selbstwirksam agiert und Probleme konstruktiv löst. Wenn ich das von der Schule erwarte, dann muss ich das auch in der Lehrerausbildung verlangen. Ich muss Lehrkräfte dazu befähigen, Beziehungen zu und unter den Schülern aufzubauen. Lehrer sind auch Konfliktvermittler und Führungskräfte.

Was genau passiert in den MZL-Trainings?
In praxisbezogenen Formaten können sich Studierende über das gesamte Studium hinweg ausprobieren und dabei die eigene Haltung hinterfragen: Was für ein Menschenbild habe ich, bin ich empathisch, kann ich zuhören, wie wirke ich auf andere? Dabei werden sie von Lehrkräften begleitet, die ich für diese Aufgabe innerhalb von 15 Monaten mit 24 Ausbildungstagen vorbereite.

Solche Kurse sind aber nicht verpflichtend. Warum kommt das bisher zu kurz?
In Deutschland sind die Universitäten noch sehr wissenschaftlich orientiert und bilden Spezialisten aus. Sie haben gar nicht den Anspruch, aus angehenden Lehrkräften, Pädagogen zu machen, die später im Klassenzimmer vor jungen Menschen stehen. Das muss sich ändern.

Haben Sie konkrete Vorschläge?
Ich plädiere für ein duales System, wie in der Wirtschaft. Lehrerpersönlichkeiten zu bilden, ist kein Prozess, der in einem Workshop von 90 Minuten erledigt ist, sondern eine lebenslange Übung. Deshalb sage ich: Wir brauchen im Lehramt dringend Praxis, Praxis, Praxis.

Die gibt es doch im Referendariat.
Nach fünf Jahren Studium, das ist zu spät! Angehende Lehrkräfte müssten sich vom ersten Tag an ausprobieren, natürlich unter Begleitung. Wenn es ein duales System gäbe, würden sie viel früher merken, ob sie im Berufsalltag klarkommen und auch Spaß haben.

Das würde aber bedeuten, die Studienpläne grundlegend abzuspecken.
Ja. Fachwissen müsste weichen, um Platz für mehr Interdisziplinarität zu machen. Wir müssten Lehrerzentren schaffen, etwa indem wir Pädagogische Hochschulen ausbauen, wo soziale und personale Kompetenzen strukturiert unterrichtet werden. Momentan gibt es bundesweit viele kleine Nuklei, aber keine einheitlichen Standards. Dafür braucht es einen Masterplan vom Kultusministerium.

Petja Meidlinger bildet Lehrkräfte in sozialen und personalen Kompetenzen weiter. Foto: privat Vergrößern
Petja Meidlinger bildet Lehrkräfte in sozialen und personalen Kompetenzen weiter. © privat

Würde es nicht einen Aufschrei an den Universitäten geben?
Mit Sicherheit.

Derzeit konzentriert man sich eher auf die „digitale Bildungsoffensive“.
Das ist ein völlig falscher Fokus. Ausstattung – was bedeutet das denn? Klar, die digitale Grundversorgung muss sein. Ich kann mit noch so kreativen Ideen kein schnelles Internet und keine Tablets herbeizaubern. Aber ich würde das von der immateriellen Ausstattung abkoppeln – und damit meine ich die Talente und Kompetenzen, die die Lehrkräfte mitbringen. Lehrerpersönlichkeiten sind entscheidend, wenn wir eine menschliche Schule erschaffen möchten, in der die Werteerziehung im Vordergrund steht.

Eine solche Revolution braucht Zeit. Die fehlt angesichts des akuten Lehrermangels.
Es reicht nicht, die Löcher zu stopfen. Wir müssen Bildung neu denken. Jetzt ist Zeit, das Ruder herumzureißen. Die Welt ändert sich, damit auch die Anforderungen an die Schule und an die Lehrer.

Für sie gibt es gerade unzählige Fortbildungen zum Online-Unterricht.
Das Gießkannenprinzip hilft nicht weiter.

Ist guter Unterricht digital möglich?
Lernen ist ein emotionaler Vorgang. Die amerikanische Schriftstellerin Maya Angelou brachte es auf den Punkt, indem sie sagte: „Menschen vergessen, was du sagst, und was du tust, aber wie sie sich in deiner Gegenwart gefühlt haben, vergessen sie nie“. Ist eine solche Beziehung möglich, wenn Kinder sich ausschalten und Lehrer in den dunklen Kasten hineinsprechen?

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