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Eva Schloss, 89, wurde 1929 in Wien geboren und flüchtete mit ihrer Familie über Belgien nach Amsterdam. 1944 wurde sie nach Auschwitz deportiert. Foto: Cris Toala Olivares/Anne Frank Haus Amsterdam
© Cris Toala Olivares/Anne Frank Haus Amsterdam

Interview mit Holocaust-Überlebender Eva Schloss „Jugendliche müssen wissen, was damals passiert ist“

Eva Schloss hat Auschwitz überlebt, Otto Frank war ihr Stiefvater. Heute engagiert sie sich als Zeitzeugin gegen das Vergessen. Ein Gespräch.

Es war am Tag ihres 15. Geburtstags am 11. Mai 1944, als Eva Schloss, die damals Eva Geiringer hieß, und ihre Familie von der Gestapo in Amsterdam verhaftet wurden. Sie, ihre Eltern und ihr Bruder Heinz wurden wenig später nach Auschwitz deportiert. Zwei Jahre hatte sich die jüdische Familie in Amsterdam versteckt. Dann wurden sie verraten. Bevor sie untertauchen mussten, wohnten die Geiringers am Merwedeplein, dort lebte auch Anne Frank mit ihrer Familie. Die beiden Mädchen spielten gelegentlich miteinander. Eva und ihre Mutter überlebten, ihr Vater und ihr Bruder Heinz kamen bei einem Todesmarsch ums Leben. Nach dem Krieg heiratete Evas Mutter Otto Frank, den Vater von Anne Frank. Anne und ihre Schwester Margot starben im Konzentrationslager Bergen-Belsen, ihre Mutter Edith Frank in Auschwitz.

Eva Schloss lebt in London. Zur Eröffnung der Ausstellung „Alles über Anne“ im Anne Frank Zentrum ist sie nach Berlin gekommen. Für den Tagesspiegel nahm sich die 89-Jährige Zeit für ein Gespräch.

Frau Schloss, Sie sprechen auf der ganzen Welt über Ihre Erlebnisse, vor allem vor Schülern. Gerade waren Sie deshalb sechs Wochen in den USA. Wissen die jungen Menschen viel über die Geschichte?

Fast alle wissen ein bisschen was, aber nicht alles, nicht die Details. Bei einem meiner Vorträge war ein junges Mädchen, das weinte sehr. Ich fragte sie, ob sie Familie verloren habe. Sie verneinte und sagte, dass sie Deutsche sei, eine Austauschschülerin, und dass sie sich so schuldig fühle. Ich sagte ihr, dass es doch nichts mit ihr zu tun habe, sie war ja noch gar nicht auf der Welt, nicht einmal ihre Eltern. Aber sie war ganz erschüttert und sagte, sie hätte zwar in Deutschland etwas über den Holocaust gelernt, aber nie in solchem Maße die Einzelheiten gehört.

Was wollen Sie den Schülern mitgeben?

Ich will, dass sie wissen, was passiert ist. Ich bin sehr beschäftigt, denn es gibt ja nicht mehr so viele Überlebende. Man sollte meinen, dass wir aus der Geschichte gelernt haben, aber es gibt immer noch so viele Kriege, Diskriminierung und Rassismus. Wir müssen aufmerksam bleiben, was um uns herum geschieht. Es besorgt mich, wie mit Flüchtlingen umgegangen wird. Ich war ja selbst ein Flüchtling. Deshalb habe ich großen Respekt für Angela Merkel, ich finde, sie hat etwas Wunderbares getan.

Sie sind Otto Franks Stieftochter und werden deshalb oft auf Anne angesprochen.

Ja, die Leute wollen immer von mir wissen, wie sie war und was sie gemacht hat. Sie war ein ganz normales Mädchen. Sie war eins von den vielen Kindern, mit denen ich gespielt habe. Ich war damals sehr schüchtern. Ich hatte schon in Österreich Antisemitismus und Ausgrenzung erfahren. Annes Familie war schon 1933 aus Deutschland emigriert, Anne hatte den Antisemitismus in Deutschland nicht bewusst miterlebt. Sie war viel unbeschwerter und glücklicher als ich. In gewisser Weise bewunderte ich sie, dass sie so frei und sorglos war.

Ihre Geschichte weist sehr viele Parallelen zu der Annes auf. Sie sind fast gleich alt, auch Sie mussten zwei Jahre in Verstecken leben und wurden dann deportiert. Wie haben Sie die Zeit im Versteck erlebt?

Ich war 13, und es war sehr hart für mich. Es fiel mir schwer, im Versteck den ganzen Tag still zu sitzen. Ich war sportlich und las damals nicht so gern. Wir waren in getrennten Verstecken, meine Mutter und ich in einer Wohnung, mein Bruder und mein Vater woanders. Weil es mir so schlecht ging, vereinbarten meine Eltern, die ab und zu telefonieren konnten, dass wir uns manchmal besuchen sollten. Das war gefährlich, aber so verbrachten wir hin und wieder ein Wochenende zusammen. Das waren meine einzigen Lichtblicke. Im Versteck der Franks waren sie dagegen zu acht. Da war immer was los. Es gab zwar auch Streitereien, aber es war nicht so langweilig. Und Anne war schon damals der Liebling ihres Vaters. Natürlich war es auch für die Franks schrecklich, aber in gewisser Weise glaube ich, dass Anne es im Versteck leichter hatte als ich.

Bis 1938 lebten Sie in Österreich. Kurz nachdem die Nazis an die Macht kamen, erlebten Sie dort Antisemitismus. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Es war unglaublich, wie schnell sich die Einstellung der Leute zu den Juden änderte. Von einem Tag auf den anderen. Mein Bruder wurde von seinen Freunden geschlagen. Mein Mann, der aus Ingolstadt kam, wurde in der Schule die Treppe heruntergestoßen. Sein Vater war Arzt, die Familie sehr beliebt. Der Vater sagte, die Leute lieben uns, sie werden uns nichts tun. Aber so war es nicht. Die Menschen veränderten sich sofort, als die Nazis ihnen sagten, dass sie die Juden hassen sollten.

An Ihrem 15. Geburtstag wurden Sie von der Gestapo verhaftet und kamen dann ins Durchgangslager Westerbork. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?

Ich stand unter Schock, ich war verhört und geschlagen worden, und wir fürchteten um unser Leben. Ich habe kürzlich herausgefunden, dass ich zehn Tage in Westerbork war. Ich dachte immer, es sei nur ein Tag gewesen. Ich habe die Erinnerung daran komplett ausgeblendet.

Dann wurden Sie deportiert.

Wir dachten, das sei unser Ende, und wir konnten nichts dagegen tun. Die meisten wurden ja in Auschwitz direkt nach der Ankunft umgebracht. Es half mir sehr, dass meine Mutter bei mir war. Aber eines Tages wurde sie doch von Mengele selektiert, und ich dachte, ich sehe sie nie wieder. Das war der furchtbarste Moment für mich. Im letzten Moment wurde sie doch noch gerettet, wir fanden uns kurz vor der Befreiung sogar wieder.

Gab es irgendeine Form von Menschlichkeit oder Mitleid im Lager?

Ich werde oft gefragt, ob die Häftlinge sich halfen oder sich mit Namen kannten. Aber man kannte niemanden, nur die sechs oder acht Personen, die auf der gleichen Pritsche schliefen. Am Anfang halfen sich die Leute noch ein bisschen, aber später konnte sich jeder nur noch um sich selbst kümmern. Manche stahlen Brot von anderen, um zu überleben. Das war Teil des Systems: uns zu entmenschlichen, dass wir wie Tiere werden. Manche Überlebende erinnern sich an Momente, in denen Aufseher ein wenig Menschlichkeit zeigten, aber ich habe nichts dergleichen erlebt.

Sie waren erst 15 Jahre alt. Wie schafften Sie es, durchzuhalten?

Dass ich überlebt habe, grenzt an ein Wunder, es gab viele glückliche Zufälle. Ich sah sogar meinen Vater wieder, er hatte es in diesem riesigen Lager geschafft, mich zu finden. Damals dachte ich, dass meine Mutter tot sei. Ich sagte ihm, dass sie selektiert worden sei. Das macht mir noch heute Schuldgefühle, obwohl ich nichts dafür kann. Aber vielleicht hat ihm das den Lebensmut genommen hat, vor allem, als dann mein Bruder auf dem Todesmarsch starb. Die einzige Chance zum Überleben war, dass man nicht aufgab. In gewisser Weise war ich in der Zeit nach Auschwitz deprimierter als dort. Denn dort musste ich einfach durchhalten. Danach kam mir das Leben sinnlos vor. Mein Bruder und mein Vater waren tot, meiner Mutter ging es auch schlecht. Ich dachte über Suizid nach.

Wer hat Ihnen in der Zeit geholfen?

Otto Frank half mir sehr. Er kam oft bei uns vorbei. Er hatte alles verloren, seine Töchter und seine Frau. Und dennoch hasste er niemanden, nicht einmal die Deutschen. Er sagte, er sei selbst Deutscher und sogar stolz darauf, er liebte die deutsche Kultur. Ich dagegen hasste die Deutschen und die ganze Welt, denn niemand hatte uns geholfen, obwohl es möglich gewesen wäre. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis, er war später ein wunderbarer Großvater für meine Töchter.

Das Gespräch führte Sylvia Vogt.

Eva Schloss hat über ihre Erlebnisse drei Bücher geschrieben, auf Deutsch erschienen „Evas Geschichte“ und „Amsterdam, 11. Mai 1944. Das Ende meiner Kindheit“.

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