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Kreativ mit Ton. Kinder in der Kunstwerkstatt der Teltow-Schule. Foto: Ev Pommer
© Ev Pommer

Bonusprogramm für Berliner Schulen Aus Geld werden Chancen gemacht

An der Teltow-Schule ermöglicht das Bonusprogramm Kindern Kultur und Bewegung. Nicht alle Schulen können die Mittel ganz ausgeben.

Als ein Kind ihr die Schlange aus Ton hinhielt und sagte: „Die kann jetzt schlängeln“, da wusste Ev Pommer, dass sie auf einem guten Weg ist. Das Kind hatte die Schlange aus beweglichen Gliedern selbst hergestellt, und „schlängeln“, das ist schon ein sehr spezifisches Wort, besonders für ein sechs- oder siebenjähriges Kind, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist. Ev Pommer ist Bildhauerin, sie arbeitet an vier Tagen in der Woche in der Kunstwerkstatt der Teltow-Grundschule in Schöneberg. Jeden Tag kommen Gruppen von je sechs Kindern aus den ersten und zweiten Klassen zu ihr, und dann stellen sie gemeinsam Kunst aus Ton her – Tiere und Gefäße, ägyptische Grabkammern oder Berliner Sehenswürdigkeiten. Ev Pommer zeigt auf ein Regal: „Das Brandenburger Tor, das hat ein Mädchen gemacht, richtig toll“. Leistungsdruck gibt es in der Kunstwerkstatt nicht, die Kinder dürfen frei arbeiten – und bekommen wie nebenbei eine Sprachförderung.

„Die Sprachbildung findet über das Tun statt“, sagt Pommer. Beim gemeinsamen Arbeiten sprechen sie, ganz ungezwungen, miteinander und über das, was sie machen. Nebenbei werden handwerkliche Fähigkeiten vermittelt, die Feinmotorik geschult – und das Selbstbewusstsein gestärkt. Da klopft es an der Werkstatttür, ein paar Kinder können es kaum erwarten, dass sie dran sind.

50 000 Euro bekommt die Schule aus dem Bonusprogramm

Dass Ev Pommer an der Teltow-Schule arbeitet, dass ihr eine Werkstatt mit einem hochwertigen Brennofen zur Verfügung steht, das ist nur möglich, weil die Schule am Bonusprogramm teilnimmt. Pro Jahr 50 000 Euro bekommt die Teltow-Schule zusätzlich aus dem Programm, das der SPD-Fraktionsvorsitzende Raed Saleh 2013 initiiert hat und das seit 2014 in Kraft ist. Schulen in schwierigen Lagen soll es so ermöglicht werden, auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten eigenverantwortlich Zusatzprojekte zu finanzieren, Sozialarbeiter einzustellen oder beispielsweise eine Schulbibliothek aufzubauen.

Für die Leiterin der Teltow-Schule, Erdmute Schendel, ist das Bonusprogramm ein Segen: „Wir geben immer alles bis auf den letzten Cent aus.“ Die Mittel werden eingesetzt, um das anspruchsvolle Konzept der Schule umzusetzen. Sprache, Bewegung und Präsentationsfähigkeiten der Kinder sollen gefördert werden, außerdem legt die Schule einen Schwerpunkt auf Kunst und Kultur. „Wir wollen allen Kindern den Zugang zu Kunst und Kultur ermöglichen“, sagt Schendel. Denn nicht alle Kinder bekommen diesen Zugang – wie etwa Museumsbesuche oder Musikunterricht – durch ihre Elternhäuser. Allerdings ist die Teltow-Schule, auch wegen ihres Konzepts, seit ein paar Jahren auch bei bildungsbürgerlichen Eltern immer beliebter geworden, so dass sich die Zusammensetzung der Schülerschaft langsam ändert.

Die Kunstwerkstatt ist längst nicht alles, was durch das Bonusprogramm ermöglicht wurde. Die Aula und die Schulbühne bekamen neue Vorhänge und eine neue Audioanlage. Hier finden regelmäßig Aufführungen statt, erst vor Kurzem spielten dort Musiker der Berliner Philharmoniker mit Schülern. In der Turnhalle leitet gerade Felix Othily Kinder beim Fußballspielen an. „Bewegte Pause“ nennt sich das, und auch der Tänzer und Sozialarbeiter Othily, der noch weitere Bewegungsangebote an der Schule leitet, wird teilweise aus Bonusmitteln finanziert. Genauso wie die Zirkus-AG und die Yogalehrerin. Gerade war die Schule auf einem Kulturwandertag, den führen sie einmal im Jahr durch: Alle Klassen besuchten Workshops in Museen und Kultureinrichtungen, und danach traf sich die ganze Schule zu einem Picknick und Kreativfest. Auch dafür war aus dem Bonusprogramm Geld vorhanden.

Eine Million Euro wurden 2017 nicht abgerufen

Nicht alle Schulen, die am Bonusprogramm teilnehmen, schaffen es, die Gelder komplett auszugeben: Rund eine Million Euro wurde im vergangenen Jahr von den zur Verfügung stehenden 18 Millionen Euro nicht abgerufen. Das geht aus einem Bericht der Senatsbildungsverwaltung hervor. Als Gründe führt die Bildungsverwaltung unter anderem Erkrankungen von Schulleitern, Ausfälle von Sozialpädagogen, die nicht kurzfristig nachbesetzt werden können, oder Lieferprobleme bei Sachmitteln an.

Ein weiterer Punkt ist sicherlich auch der hohe Verwaltungsaufwand, den die Schulleiter für das Bonusprogramm leisten müssen, und für den sie unter Umständen nicht die Expertise haben. Die Beantragung und Verausgabung der Mittel sei durchaus mit einem großen Aufwand verbunden, bestätigt Schulleiterin Schendel. Man muss korrekte Ausschreibungen machen, eine Zielvereinbarung mit der Schulaufsicht treffen und vieles mehr. Von vielen werden deshalb Verwaltungsleiter gerade für Brennpunktschulen gefordert, die diese Arbeit erleichtern könnten. Momentan gibt es an 121 Schulen Verwaltungsleiter, wie die Senatsverwaltung auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck mitteilte. Ein weiterer Ausbau ist geplant.

Dass sich all der Aufwand lohnt, das sieht Schulleiterin Erdmute Schendel täglich in ihrer Schule, bei den vielen Präsentationen der Kinder, bei den Aufführungen, an den vielen Kunstwerken, die überall ausgestellt sind, oder wenn sie in der Werkstatt bei Ev Pommer vorbeischaut: „Es berührt einen, wenn man sieht, was die Kinder plötzlich können und mit welcher Begeisterung sie sich auf diese Themen einlassen.“

Das Bonusprogramm

DIE SCHULEN: 275 Schulen nehmen 2018 am Bonusprogramm teil. 139 davon sind Grundschulen, 59 Sekundarschulen, 13 berufliche Schulen, sechs Gymnasien und fünf Kollegs. Auch 16 private Schulen sind mittlerweile im Bonusprogramm. Im Bezirksvergleich steht Neukölln mit 44 allgemeinbildenden öffentlichen Schulen im Programm an der Spitze, gefolgt von Mitte (34), Friedrichshain- Kreuzberg (29), Spandau (25), Marzahn-Hellersdorf (24), Reinickendorf (23), Lichtenberg (21), Tempelhof-Schöneberg (20), Charlottenburg-Wilmersdorf (9), Treptow-Köpenick (5), Steglitz-Zehlendorf (4) und Pankow (3).

DAS GELD: 18,5 Millionen Euro stehen für das Bonusprogramm zur Verfügung. Die Schulen bekommen bis zu 100 000 Euro im Jahr. Die Höhe der Förderung hängt vor allem davon ab, wie hoch die Quote der Schüler ist, deren Eltern von der Zuzahlung zu Lernmitteln befreit sind (Lmb- Quote), weil sie Sozialleistungen beziehen. Ab einer Lmb-Quote von 50 Prozent nehmen die Schulen am Bonusprogramm teil. Die Maximalsumme von 100 000 Euro bekommen Schulen mit einem Lmb-Anteil über 75 Prozent. Außerdem spielt eine Rolle, in welchem Umfeld (Sozialraum) die Schule liegt, und ob die Schulen ihre Zielvereinbarungen erfüllen. Künftig wird voraussichtlich die Zahl der Schüler mit Berlinpass ausschlaggebend für die Fördersumme, da die Lmb-Quote nicht mehr ermittelt wird – eine Folge der Lernmittelfreiheit.

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