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Alle Baureihen vereint in Grünau: Links die beiden neuen Züge 483 und 484. Rechts davon 485, 480 und 481. Foto: S-Bahn Berlin / Peter Buchner
© S-Bahn Berlin / Peter Buchner

Schlichtes Aussehen, schnelle Beschleunigung Mit diesen Zügen startet die S-Bahn in ein „neues Zeitalter“

In der Silvesternacht starten die neuen S-Bahn-Züge in Berlin. Sie werden das Stadtbild Jahrzehnte prägen – und sollen die Kunden stressfreier ans Ziel bringen.

Um 00.01 Uhr soll es losgehen - so der Plan. Eine Minute soll das neue Jahr alt sein, dann soll in Schöneweide der erste Zug der neuen Baureihe 483/484 starten. Und zwar als S47 nach Spindlersfeld. S-Bahn-Chef Peter Buchner hat schon vor Jahren angekündigt, bei dieser ersten Fahrt mit Fahrgästen dabei zu sein. Fahrgäste werden das neue Zeitalter doppelt erfreuen: Mehr Komfort und weniger Ausfälle.

Die bislang 106 fest bestellten Züge werden die Flotte deutlich verjüngen. Die drei vorhandenen Baureihen haben in den vergangenen zehn Jahren vor allem mit Pannen und Problemen Eindruck gemacht. Der fast vollständige Zusammenbruch des Betriebs ist noch keine zwölf Jahre her. 75 Prozent der Züge mussten wegen Sicherheitsmängeln aufs Abstellgleis, der Beginn der S-Bahn-Krise“.  Seither ist zwar viel an den alten Baureihen verbessert worden, doch jünger wurden sie natürlich nicht. 

Am 1. Januar startet die S-Bahn mit zehn Vorserien-Zügen auf der S47 in das neue Zeitalter. Die Züge haben bislang 150.000 Test-Kilometer absolviert, auf einem speziellen Testring in Nordrhein-Westfalen aber auch auf jeder Strecke des Berliner Netzes.

Wochenlang stand ein Zug in einer Klimakammer in Wien, wurde bei Wüstenhitze und bei Schneetreiben getestet. 2015 hatten Siemens und Stadler angekündigt, dass die Züge 2020 geliefert werden. Sie haben Wort gehalten. 2018 wurde der erste Zug auf der Innotrans-Messe dem Fachpublikum und den Berliner vorgestellt. Produziert und endmontiert werden die Fahrzeuge in dem Berliner Werk der Stadler Pankow GmbH.

Weitgehend lief alles nach Plan. S-Bahn-Chef Peter Buchner berichtete, dass seit dem 18. Dezember die Züge einsatzbereit seien, zuletzt hätten Siemens und Stadler noch Kleinigkeiten, vor allem in der Software nachgebessert. „Ich bin sehr stolz, dass wir am 1. Januar pünktlich losfahren“, sagte Buchner dem Tagesspiegel. 

Der Innenraum der "Neuen" hat Sitzpolster wie die Regionalzüge Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
Der Innenraum der "Neuen" hat Sitzpolster wie die Regionalzüge © Jörn Hasselmann

Wenn der erste Zug um 00.01 Uhr mit Fahrgästen planmäßig abfährt, ist das schon bemerkenswert. In den letzten Jahren hatte es sich europaweit zum Standard entwickelt, dass neue Waggons erst spät von der Industrie geliefert werden - und dann nicht funktionieren.

Bis 2023 sollen die Serienfahrzeuge nach und nach geliefert werden. Als nächste Linie soll im Sommer 2022 die S46 umgestellt werden auf die neue Baureihe, im Oktober 2022 die S8 und 2023 dann die Ringbahn. Grundlage ist der neue Verkehrsvertrag mit den Ländern Berlin und Brandenburg für die Ringbahn, der am 1. Januar 2021 in Kraft tritt.

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Bislang war geplant, dass die Züge nach der Ablieferung teilweise monatelang auf Abstellgleisen warten auf ihren Einsatz, weil nur komplette Linien auf einen Schlag umgestellt werden sollen. Wie berichtet, ist Buchner jedoch optimistisch, dass es eine Einigung gibt. „Wenn der VBB uns gestattet, die Züge früher im laufenden Vertrag einzusetzen, könnten sie schon früher Züge der DDR-Baureihe 485 ersetzen“, hatte der Chef kürzlich gesagt. 

Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) hatte 2013 den Betrieb dieses Teilnetz „Ring/Südost" ausgeschrieben, mit der Verpflichtung neue Züge einzusetzen. Im Dezember 2015 erhielt die S-Bahn den Zuschlag für das Teilnetz. Damit bleibt der Platzhirsch  bis 2035 Betreiberin der Ringbahn und der südöstlichen Zulaufstrecken. Auch der  Rest des Berliner Netzes ist mittlerweile in zwei weiteren Dritteln ausgeschrieben, eine Entscheidung noch nicht gefallen. 

Der Chef am Fahrhebel. Peter Buchner steuerte den Zug über die Teststrecke.  Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
Der Chef am Fahrhebel. Peter Buchner steuerte den Zug über die Teststrecke.  © Jörn Hasselmann

Mit den neuen Zügen müssen sich die Berliner an eine neue Rechenweise gewöhnen. Bislang waren jeweils zwei Waggons fest gekoppelt, das nannte sich dann „Viertelzug“ (weil acht Waggons einen kompletten Zug bilden).

Nun gibt es zwei verschiedene Zuglängen: Die 483er bestehen wie gehabt aus zwei Waggons, die 484 aus vier Waggons. Insgesamt wurden 106 neue Züge bestellt, 85 vierteilige und 21 zweiteilige. Zusammen sind es also 382 Waggons. Jeweils fünf Züge der beiden Baureihen gehen am 1. Januar an den Start. 

Auf einem Testring in NRW absolvierten die Züge viele tausend Testkilometer Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
Auf einem Testring in NRW absolvierten die Züge viele tausend Testkilometer © Jörn Hasselmann

Das neue Zeitalter hat eher ein schlichtes Aussehen. Die Front ist platt und schwarz, die Türen sind auch schwarz. Vermutlich werden sich die meisten Fahrgäste den Zug deshalb merken, „der mit den schwarzen Türen“. Das ist allerdings keine Designer-Entscheidung, sondern eine Forderung von Blindenverbänden. Die Türen müssen stark kontrastieren mit dem Rest des Wagens. Theoretisch könnten die Türen weiß sein, wenn die Seitenwände schwarz sind. 

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In den 80ern experimentierte die BVG mit einer neuen Farbe, hier der Testzug am Steglitzer Kreisel. Die Berliner protestierten.  Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
In den 80ern experimentierte die BVG mit einer neuen Farbe, hier der Testzug am Steglitzer Kreisel. Die Berliner protestierten.  © Jörn Hasselmann

Doch auf solche Farbspielereien hat die S-Bahn verzichtet. Unvergessen ist der Versuch der BVG in den 80er Jahren, der Baureihe 480 eine neue Farbe zu verpassen. Der Protest war groß, das „silbergrau/kristallblau“ schnell wieder von den Gleisen verschwunden.  

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Etwas fehlt der neuen Bahn noch: Ein offizieller Spitzname. Am Sonntag hatte die S-Bahn via Twitter einen Aufruf gestartet einen Spitznamen für die neuen Züge zu finden. Wegen der Frontgestaltung hatte Buchner bei einer Probefahrt 2019 „iPad“ ins Gespräch gebracht. 

Die neuen Züge fahren Tempo 100, und, noch wichtiger: sie beschleunigen viel schneller. Das allerdings verbraucht mehr Strom, zudem sollen künftig mehr Züge als heute fahren. In den kommenden Jahren muss deshalb die Stromversorgung für 150 Millionen Euro verstärkt werden.

Denn bei der S-Bahn kommt der Strom weder aus der Steckdose noch aus der Oberleitung. Die Züge benötigen Gleichstrom, und der hält nicht so lange wie Wechselstrom. Deshalb müssen alle paar Kilometer so genannte Unterwerke frischen Gleichstrom in die  seitliche Stromschiene speisen. 

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