Die Schauspielerin Sonja Gerhardt unterwegs in „ihrem“ Kiez entlang der Schönhauser Allee bis zur Kulturbrauerei. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
© Doris Spiekermann-Klaas

Schauspielerin Sonja Gerhardt Angeln in Prenzlauer Berg

Eva Steiner

Von wegen Ku’damm: Sonja Gerhardt liebt den Osten und das Wasser. Eine Kiezrunde mit der Schauspielerin entlang der Schönhauser Allee bis zur Kulturbrauerei.

Als sie aufsteht, bilden das Blond der Haare und das leuchtende Rot des Jumpsuits einen reizvollen Kontrast zum dunklen Grün der vielen Pflanzen. Plötzlich kreischt ein großer Papagei. Und jetzt wirkt es fast so, als sei Sonja Gerhardt gerade mitten im Dreh für einen neuen Film vor exotischer Kulisse.

Dabei ist dies nur das „Blumencafé“, das die 30-jährige Schauspielerin gerne mit ihren Freunden besucht. Café auf der einen Seite, Blumenladen auf der anderen. Und irgendwo in der Luft zwei farbenprächtige Aras namens „Arno“ und „Charlie“. Gewächshaus-Atmosphäre. Ein Ort zum Seele-Baumeln-Lassen, an den das geschäftige Treiben auf der Schönhauser Allee wie aus weiter Ferne dringt.

Hier in dem Dreieck zwischen Gethsemanekirche, Kulturbrauerei und Mauerpark ist Gerhardt seit 2012 zu Hause. Aufgewachsen ist die vor allem für ihre Rollen in den Fernsehproduktionen „Deutschland 83“ und „Deutschland 86“ sowie „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“ bekannte Schauspielerin, in Reinickendorf.

Dort besuchte sie bis zur elften Klasse das Europäische Gymnasium Bertha-von-Suttner, bevor sie den Sprung zur Schauspielkarriere wagte. Über ihre Familie hält Gerhardt sich aber lieber bedeckt. Sie möchte sie schützen vor der neugierigen Öffentlichkeit, die immer gern noch etwas mehr wissen möchte über das Privatleben der Prominenten, ohne selbst irgendetwas von sich preisgeben zu müssen.

Eine ganz normale junge Frau

Ein Ungleichgewicht, findet Gerhardt, und das Kaugummi in ihrem Mund kommt einmal mehr kaum zur Ruhe. Immerhin, ein Detail aus ihrer Familie verrät sie, nach ihrem älteren Bruder gefragt, doch: Er wird gerade zum Feuerwehrmann ausgebildet. Es ist Gerhardts erste eigene Wohnung hier in Prenzlauer Berg, die Mieten waren vor sieben Jahren noch nicht ganz so hoch wie heute.

Jimi Blue Ochsenknecht und Sonja Gerhardt anlässlich einer Sondervorführung des Films „Sommer “ in Leipzig. Foto: Imago Vergrößern
Jimi Blue Ochsenknecht und Sonja Gerhardt anlässlich einer Sondervorführung des Films „Sommer “ in Leipzig. © Imago

„Für mich war es nach dem Auszug von zu Hause wichtig, in die Nähe meiner Freunde zu ziehen“, sagt Gerhardt und gibt damit plötzlich doch etwas mehr von sich preis, als sie vielleicht wollte: Dass nämlich hinter dem betont selbstbewussten Auftreten der gefragten Schauspielerin eine ganz normale junge Frau steckt: Mit einem Bedürfnis nach Freundschaft, mit Hoffnungen und Unsicherheiten. Es ging ja auch alles sehr schnell mit der Karriere, dem Erwachsenwerden. Vielleicht wächst da so ein kleines Schutzschild wie von selbst.

Auf mehr als 50 Rollen in Film- und Fernsehproduktionen kann Gerhardt bereits zurückblicken. Im Alter von 16 Jahren hat sie angefangen mit der Schauspielerei, zuvor hatte sie bereits elf Jahre im Kinderensemble des Friedrichstadt-Palastes getanzt. „Das erste Vorsprechen beim Casting ging komplett daneben“, erzählt Gerhardt beim Spaziergang die Schönhauser Allee entlang.

„Ich konnte nur vom Blatt ablesen“

Ein kurzer Seitenblick: „Hier, den Imbiss ‚Der Fischladen‘ kann ich sehr empfehlen.“ Der Start ins Schauspielerinnen-Leben war also etwas holprig. Jetzt kann Gerhardt längst darüber lachen: ‚‚Ich wusste damals nicht, dass man den Text schon auswendig können muss. Ich konnte nur vom Blatt ablesen“, sagt sie fröhlich.

Eine Runde durch den Prenzlauer Berg. Foto: Bayhan Vergrößern
Eine Runde durch den Prenzlauer Berg. © Bayhan

Die bisher größte Aufmerksamkeit bekam Gerhardt für die Fernsehfilme „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“ über eine Berliner Tanzschulen-Besitzerin und ihre drei „heiratsfähigen“ Töchter in den Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahren. Die Darstellung der Monika Schöllac in dem Familiendrama brachte Gerhardt 2017 auch den Deutschen Fernsehpreis als Beste Schauspielerin ein.

„Eine kämpferische Frau, die aber zugleich immer aus Liebe handelt. ‚Monika‘ ist ein Vorbild für mich“, sagt Gerhardt, während sie die interessierten Blicke einiger Passanten auf dem Hof der Kulturbrauerei nicht zu bemerken scheint. Mit „Ku’damm 63“ soll es bald eine Fortsetzung geben, wie das ZDF in dieser Woche ankündigte. Der Termin für den Drehstart steht noch nicht fest.

Beim Synchronisieren darf man übertreiben

Doch es gibt sowieso immer genug zu tun. Beim Schlendern vorbei an den bunten Altbau-Fassaden und hippen Cafés in der Oderberger Straße erzählt Gerhardt, wie viel Spaß ihr das jüngste Projekt gemacht habe: Im Animationsfilm „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“, ab 15. August in den Kinos, leiht sie der Figur „Giggle McDimples“ ihre Stimme. „Beim Synchronisieren darf man das tun, was man als Schauspieler im Film sonst eher vermeidet: übertreiben“, schwärmt sie.

Sonja Gerhardt mit Emilia Schüle, Claudia Michelsen und Maria Ehrich (v.l.) bei den Dreharbeiten zum Dreiteiler „Ku’damm 59“. Foto: dpa Vergrößern
Sonja Gerhardt mit Emilia Schüle, Claudia Michelsen und Maria Ehrich (v.l.) bei den Dreharbeiten zum Dreiteiler „Ku’damm 59“. © dpa

So hat Gerhardt auch ihre Rolle als Hexe „Frau Circemeyer“ im Film „Die Wolf-Gäng“, der im Januar 2020 in die Kinos kommt, besonders gut gefallen. „Es ist einfach toll, als Schauspielerin verschiedene Charaktere kreieren zu können. Für diese Rolle hatte ich ein ganz besonderes Kostüm und durfte zum Beispiel die falschen Zähne nach den Dreharbeiten als Erinnerung behalten. Manchmal mache ich mir einen Spaß daraus, sie nochmal zu benutzen, um Frau Circemeyer zu imitieren“, erzählt sie lachend.

Dann plötzlich Lärm. Gerhardt hat die große Baustelle der Berliner Verkehrsbetriebe an den Tramgleisen der M10 erreicht. Auf der Bernauer Straße knubbeln sich Autos dicht an dicht. Dahinter, am Eingang zum Mauerpark, liegt gleich die Großbaustelle der Berliner Wasserbetriebe für einen unterirdischen Stauraumkanal.

Gerhardt würde die Baustellen in Berlin abschaffen

Doch nicht nur deshalb sieht es hier trotz der Sonne an diesem Werktag ziemlich trostlos aus: Das bisschen Gras, das von der einst begrünten Fläche im Park noch übrig ist, ist längst verdorrt. Saftig grün war es in diesem Jahr wohl noch nie. Oben an der Graffiti-Mauer zum Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark stochern Krähen in Müllresten herum, den Pflasterweg Richtung Falkplatz versperren Bagger und Bauzäune.

„Also, wenn ich an Berlin etwas ändern könnte, dann würde ich die vielen Baustellen abschaffen“, sagt Gerhardt und seufzt. Dabei liebt sie die Stadt. Selbst als sie vor einigen Jahren in Kanada drehte und dort von der Unberührtheit der Natur und der Freundlichkeit der Menschen angetan war, hat sie sich nach ihrer Heimatstadt zurück gesehnt. „Ich mag vor allem die Berliner Schnauze sehr. Die Ehrlichkeit, die dahinter steckt“, sagt sie.

„Joggen ist nicht so mein Ding“

Auch Gerhardt hat sich mittlerweile ein bisschen mehr geöffnet. Dass sie mit ihrer Familie regelmäßig zum Dart-Spielen bei der Oma zusammen kommt, verrät sie. Dass sie gern Psychologie-Bücher liest, klassischen Gesangsunterricht nehmen möchte, mit Poledance angefangen hat und ihr bisher schönster Urlaub der letzte war, den sie zum ersten Mal in ihrem Leben allein verbracht hat: in Griechenland. Sie hat dort Tauchen gelernt.

Sonja Gerhardt (l.) mit Cornelia Gröschel trampen in einer Szene des ZDF-Dreiteilers „Honigfrauen“. Foto: Leo Pinter/ZDF/dpa Vergrößern
Sonja Gerhardt (l.) mit Cornelia Gröschel trampen in einer Szene des ZDF-Dreiteilers „Honigfrauen“. © Leo Pinter/ZDF/dpa

Überhaupt: Wassersport. Die Laufbahn im Jahn-Sportpark, auf der gerade einige Läufer gemütlich bis flott ihre Runden drehen, lässt sie hingegen ziemlich kalt: „Joggen ist nicht so mein Ding.“ Dafür möchte sie aber unbedingt bald Surfen lernen. Und dann gibt es noch ein Hobby, das mit Wasser zu tun hat und das sie ebenfalls mit ihrer gesamten Familie teilt: Angeln. Deshalb also „Der Fischladen“.

Einen Angelschein besitzt Gerhardt wie die anderen Familienmitglieder selbstverständlich auch. Und wo beißen die Fische am besten an? Die grünen Augen blitzen. Sonja Gerhardt lacht. Ein frisches, etwas freches Lachen: „Alles werde ich sicher nicht verraten!“

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