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Zugewandt. Die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer, Engagement-Staatssekretärin Sawsan Chebli beim Chanukhafest am Brandenburger Tor. Foto: imago images/F Boillot
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Sawsan Chebli über die EU-Freiwilligenhauptstadt 2021 „Berlin lebt vom Engagement“

Corona zehrt an den Kräften der Zivilgesellschaft, aber Einsatz für andere gibt Kraft und Zuversicht. Ein Gespräch mit Staatssekretärin Sawsan Chebli.

Der Staffelstab ist angenommen: Zum Finale von 2020 haben die Vertreter der italienischen Stadt Padua am 5. Dezember, dem Internationalen Tag des Ehrenamts, den Titel der europäischen Freiwilligenhauptstadt 2021 an Berlin übergeben. Coronagemäß fand der Festakt digital statt, der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) freute sich über die Ehrung. Damit steht Berlin in einer Reihe mit Städten wie Barcelona, London und Lissabon, die diesen Titel schon trugen.

Noch wird daran gearbeitet, wie Berlin sich mit spannenden Veranstaltungen, besonderen Initiativen und neuen Formaten in der Zeit der besonderen Herausforderungen als Ehrenamts-Hauptstadt darstellen kann. Dazu gibt es ein Tandem-Projektbüro unter der Trägerschaft der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa und dem digitalen Betterplace Lab. Unterstützt wird es durch eine Lenkungsgruppe mit 20 Aktiven aus Zivilgesellschaft und gemeinnützigen Organisationen. Für die ehrenamtlich Engagierten bedeutet der Titel der „European Volunteering Capital“ eine Anerkennung ihres unermüdlichen und beeindruckenden Einsatzes – gerade in der Corona-Krise. Was die Engagierten erwarten dürfen, darüber hat Gerd Nowakowski, Autor des Tagesspiegel-Newsletter „Ehrensache“, mit Sawsan Chebli gesprochen, der Bevollmächtigten des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales.

Berlin ist 2021 europäische Freiwilligenhauptstadt – ist es inmitten der Corona-Krise ein guter Zeitpunkt, diesen Titel zu übernehmen?
Die Ehrung kommt zu einem sehr guten Zeitpunkt. Gerade jetzt tut die Anerkennung für das Engagement der vielen Ehrenamtlichen unserer Stadt gut. In diesen Zeiten der Einsamkeit, in Zeiten des Verlustes und der fehlenden Kontakte sind es oft freiwillig Engagierte, die für andere da sind und damit Hoffnung und Zuversicht wecken. Da ist die Auszeichnung ein sehr schöner Moment. Und für uns als Senat ist sie ein starker Ansporn, die Rahmenbedingungen für Engagement weiter zu verbessern. Für unsere Stadt ist es wichtig, dass sich Menschen in unsere Gemeinschaft einbringen und diese aktiv mitgestalten. Engagement ist das Fundament für Freiheit, für Zusammenhalt und für die Stärkung der Demokratie. Engagement ist systemrelevant.

Wie hat sich das Engagement in diesem Corona-Jahr unter den erschwerten Bedingungen entwickelt?
Das Schöne ist, dass viele neue Initiativen in den Nachbarschaften entstanden sind. Dazu gehören auch die Aktionen von digitalen Plattformen, wo Freiwillige älteren Menschen etwa Hilfe bei Einkäufen im Supermarkt anbieten. Als Senat haben wir das gezielt unterstützt, indem wir die Freiwilligenagenturen und die Stadtteilzentren gefördert haben, bezirkliche Koordinierungsstellen für das Engagement rund um Corona mit einer stadtweiten Hotline aufzubauen.

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Ermutigend war, dass diese Zusammenarbeit schnell und gut funktioniert hat. Überhaupt haben viele Organisationen ihre Arbeit in kürzester Zeit an die neuen Herausforderungen angepasst.

Ist es eine Gefahr, dass engagierte Menschen in dieser endlos langen Corona-Krise entkräftet sind und aufgeben?
Jeder spürt es bei sich selber. Es ist kräftezehrend, was wir gerade erleben. Corona hat viel im Leben der Menschen verändert. Dieses Jahr hat uns gelehrt, was es bedeutet, gesund zu sein, eine Familie zu haben, einen Rückzugsraum zu haben. Wenn man zudem das gewohnte Engagement nicht leisten kann, weil ein physischer Kontakt nicht möglich ist, dann ist das zusätzlich frustrierend. Natürlich ist die Situation auch für Engagierte kräftezehrend. Gleichzeitig gibt das Engagement unzähligen Menschen auch in dieser Zeit Kraft und Zuversicht. Anderen helfen zu können - und sei es unter ungewohnten Bedingungen und mit viel Kreativität, um den persönlichen Kontakt soweit es geht zu reduzieren – hilft vielen Engagierten auch selbst in dieser Krisenzeit. Jeder von uns aber freut sich auf den Tag, an dem das endlich vorbei ist und wir wieder normal leben können.

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Die Übernahme des Titels „Europäische Freiwilligenhauptstadt 2021“ kommt deshalb zu einem Zeitpunkt, an dem die Ehrenamtlichen nicht gerade strahlende Feierlaune haben. Überschattet es dieses Jahr?

Im Gegenteil: Wir brauchen Perspektiven, Hoffnung und einen Lichtblick. Der Titel und die damit verbundenen Aktivitäten bieten all das. Wir bauen auf starken Engagement-Strukturen auf, die über die Jahre und Jahrzehnte entwickelt wurden. Durch Corona sind die Organisationen und Initiativen zusammengerückt, um gegen die Pandemie anzukämpfen. Wir rücken nun zusammen, um die Vision „Freiwilligenhauptstadt 2021“ mit Leben zu füllen. Und natürlich werden wir auch feiern, dass wir diesen Titel tragen dürfen. Corona wird die Rahmenbedingungen beeinflussen, aber nicht den Kern unserer Vorhaben, die Stärkung des Zusammenhalts und der Demokratie.

Wie kann sich Politik gerade in dieser Krise in besonderer Weise um Innovation und zielgerichtete Unterstützung für ehrenamtliche Arbeit bemühen?
Ein Leitmotto wird Berlins Jahr als Europäische Freiwilligenhauptstadt bestimmen: Freiwilliges Engagement ist die Basis für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Titel bietet all denen eine Plattform, die sich in Berlin dafür starkmachen. Eines der ersten Themen wird Gesundheit und Einsamkeit sein. Das ist auch eine Reaktion auf die Erfahrungen aus der Corona-Krise. Wir wollen das zusammenbringen, was in der Zivilgesellschaft an Expertise da ist und was es an Impulsen gibt. Es wird ein spannendes, inspirierendes Jahr als Freiwilligenhauptstadt. Der Slogan „Entdecke das Wir in Dir“ spiegelt unser Zusammengehörigkeitsgefühl wider: Das Geben und Nehmen beim Ehrenamt, das solidarische Miteinander, das jetzt so wichtig ist. Es wird in diesem Jahr eine besondere Herausforderung für die Landesregierung sein, die Ehrenamtlichen zu würdigen und zugleich zu unterstützen. Berlin lebt vom Engagement. Diese Stadt ist so liebenswürdig, weil es so viele Menschen gibt, die liebenswürdig sind und so viel geben. Zu Corona-Zeiten haben auch Berliner, die das vorher nie getan haben, mit angepackt und sich engagiert. Die Menschen spüren: „Ich kann etwas tun. Auch wenn es aktuell nicht in der direkten, physischen Begegnung, geht – andere Menschen und Themen brauchen besonders in diesen Zeiten meine Unterstützung.“ Das motiviert Menschen, zu spenden und sich jetzt einzubringen. Das vielfältige Engagement der Berlinerinnen und Berliner macht Berlin zur Freiwilligenhauptstadt – Aufgabe der Politik ist es, die Strukturen und die Rahmenbedingungen zu schaffen sowie Hürden und bürokratische Hemmnisse abzubauen.

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