Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Boreal-Light-Gründer Ali Al-Hakim auf seinem Gelände beim Beladen der Container. Doris Spiekermann-Klaas TSP
© Doris Spiekermann-Klaas TSP

Sauberes und billiges Wasser für alle Berliner Firma baut einfache und robuste Entsalzungsanlagen

Boreal Light in Berlin-Marienfelde baut Entsalzungsanlagen, die billig und leicht zu warten sind, und verschifft sie in alle Welt. Die Nachfrage wächst.

Ali Al-Hakim sitzt hinter seinem Laptop, umgeben von viel Beton, meterhohen Regalen, Maschinen, Werkzeug, Rohren, Elektroteilen. Wie es halt aussieht in einer Produktionshalle. Aber zwei Meter von Al-Hakim gleiten Nilbarsche träge durch sehr klares Wasser. Die Sonne brennt am Himmel, ein paar Meter neben den Fischen wachsen Grünkohl, Tomaten und afrikanische Kartoffeln, bewässert durch vertikale Rohre.

Im kenianischen Dorf Burani, zwei Meter von Al-Hakim entfernt, ist die Welt sehr in Ordnung.

Der Iraker Al-Hakim hat sich diese Welt mit Fotos auf einer mannshohe Schautafel in seine Halle in einem Gewerbegebiet in Marienfelde geholt. Das Leben in Burani, mit seinem Aquarium, mit seiner Gemüsezucht, steht für den Erfolg von Al-Hakims Geschäftsmodell.

Boreal Light heißt die Firma, die der Ingenieur für Medizintechnik mit seinem Geschäftspartner Hamed Beheshti, einem Ingenieur aus dem Iran, seit sechs Jahren betreibt. Notariell gestartet als Start-Up mit gerade mal 2500 Euro Anfangskapital. Banken verweigerten zunächst Kredite, nur durch Crowdfunding floss genügend Geld in die Kasse. Dann konnten Al-Hakim und Beheshti loslegen.

Eigentlich wollten sie Windturbinen in Ostafrika installieren. Die Nachfrage blieb dünn, Mitte 2015 änderten sie das Geschäftsmodell.

Mit einfach konstruierten Anlagen wird Salzwasser in Trinkwasser verwandelt

Das Geschäftsmodell: Mit einer einfach konstruierten solarbetriebenen Entsalzungsanlage wird Salz- oder verschmutztes Süßwasser in Trinkwasser verwandelt. Die Quellen können ein Brunnen, ein See oder das Meer sein. Die Anlagen werden in nächster Nähe errichtet. Und das Wasser kann nicht bloß getrunken werden, es dient zum Duschen, zur Toiletten-Spülung, für Aquarien, in denen Schrimps oder Barsche gezüchtet werden, aber auch zur Zucht von Gemüse. Auch landwirtschaftliche Flächen werden bewässert. Allein in Burani und den umliegenden Dörfern kommen 6000 Menschen bequem zu Trinkwasser und zu Ernteerfolgen.

2019 wurde die Boreal Light GmbH im Wettbewerb „KfW Award Gründen“ als Bundessieger ausgezeichnet. Aus dem Start-Up-Unternehmen ist eine Firma entstanden, sagt Al-Hakim, „die jährlich mehr als eine Millionen Euro Umsatz macht“. Bis jetzt stehen 68 Anlagen im Jemen, in Somalia, Kenia, Tansania, Sambia, Südafrika, Indonesien und auf die Philippinen. Allein 2021 sollen es 100 mehr werden.

Entsalzungsanlagen sind nicht neu, sie stehen überall in der Welt. Aber keine produziere so billig wie die von Boreal Light. Bei anderen Anlagen, sagt Al-Hakim, kosteten 20 Liter Wasser vier bis fünf Dollar, im Jemen ist es sogar fünf mal so teuer. Al-Hakim und Beheshti fuhren wochenlang durch Afrika und erschraken über die Preise, die sich dort kaum jemand leisten kann.

Sechs Container sind reisefertig. Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP Vergrößern
Sechs Container sind reisefertig. © Doris Spiekermann-Klaas TSP

Bei Boreal Light gelten andere Tarife. „Auf dem Land kosten 20 Liter Wasser zehn Cent“, sagt Al-Hakim. „In urbanen Gebieten kostet die gleiche Menge ein Dollar.“ Die Anlagen sind unterschiedlich groß, die kleinste liefert 1000 Liter in der Stunde, die größte 18 000 Liter. „Eine Anlage mit stündlich 2000 Litern Ausstoß versorgt 4000 bis 5000 Menschen am Tag“, rechnet Al-Hakim vor. In Mombassa, Kenia, haben drei Krankenhäuser Anlagen gekauft, aus denen jeweils 8000 Liter pro Stunde fließen. Und Ende Februar sind weitere 25 Anlagen bestellt worden. Die Kunden sind Krankenhäuser in Kenia und Tansania.

Die Anlagen bestehen ausschließlich aus handelsüblichem Material

Wer billig verkaufen will, muss billig produzieren. Deshalb stellt Boreal Light die Anlagen nur aus robustem, handelsüblichem Material her. Nichts ist verschweißt, es gibt Schläuche statt Edelstahlrohre, mechanische statt elektrisch steuerbare Ventile, robuste Pumpen und einen solarbetriebenen Motor.

Die Produktionsweise hat einen weiteren enormen Vorteil: Ersatzteile können problemlos vor Ort besorgt werden. Al-Hakim hatte mal in Afrika eine Entsalzungsanlage gesehen, die 18 Monate still gestanden hatte, weil ein Ersatzteil fehlte und lange nicht besorgt werden konnte. „Bei uns kann so etwas mitunter in einem Tag repariert werden“, sagt Al-Hakim. „Schläuche sind schnell zu bekommen.“

Die Anlagen bestehen aus robustem, handelsüblichem Material. Doris Spiekermann-Klaas TSP Vergrößern
Die Anlagen bestehen aus robustem, handelsüblichem Material. © Doris Spiekermann-Klaas TSP

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]
Und für die digitale Steuerung der Anlagen ist sowieso die Zentrale in Marienfelde zuständig. „Wir können hier die Software jeder Maschine lesen und im Bedarfsfall verbessern“, sagt Al-Hakim. In Marienfelde werden die Maschinen auch hergestellt. 16 Personen arbeiten in der Halle, darunter neun Ingenieure. Hier entstand auch 2016 der Prototyp. Inzwischen arbeiten auch rund 60 Personen in diversen Ländern für das Unternehmen, sie kümmern sich um Vertrieb und die Schulung von Personal vor Ort.

Kunden sind Krankenhäuser, Kirchen oder Hilfsorganisationen

Schulen, Krankenhäuser, Kirchen, Hotels, Hilfsorganisationen oder Stiftungen, sie alle bestellen oder finanzieren die Anlagen, teilweise mit Unterstützung von Geldhäusern wie der KfW-Bank. Eine kleinere Anlage kostet 80 000 Euro, eine große bis zu 200 000 Euro.

Aber nicht alle Anlagen werden auch komplett verkauft, einige werden zwar geliefert, gehören aber weiterhin entweder komplett Boreal Light oder zum Teil einem lokalen Partner des Unternehmens. Das sind die genannten Wasserkioske. Dort wird das Wasser zum üblichen Firmen-Preis verkauft. Die ersten beiden Anlagen, die das Marienfelder Unternehmen 2018 in Afrika, in Kenia, installierte, waren Wasserkioske.

Boreal light versorgt die örtliche Bevölkerung auch mit Arbeitsplätzen. Al-Hakim klickt an seinem Laptop ein Foto an. Eine junge Frau, vielleicht 20 Jahre alt, bekleidet mit einem blauen T-Shirt, steht lächelnd an einer Boreal-Light-Anlage. Sie ist zuständig für die Bedienung. Sie kann auch einfache mechanische Reparaturen ausführen. Pro Anlage sind dafür zwei Personen zuständig.

In der Regel ist immer eine Frau darunter, die von lokalen Mitarbeitern von Boreal Light ausgebildet werden. „Die Schulung dauert eine Woche, dann haben die alles im Griff“, sagt Al-Hakim. Der Iraker ist oft selber in die jeweiligen Länder geflogen, um Mitarbeiter vor Ort auszubilden. Die lernen dann ihrerseits weitere Mitarbeiter an, so funktioniert das System gut.

So erhalten auch Menschen einen Job, die keine Ausbildung haben. Für jede Fischfarm und landwirtschaftliche Fläche, die mit dem Wasser versorgt wird, sind nochmal zehn Personen eingestellt worden. Vor kurzem erst, sagt Al-Hakim, habe ihn aus Kenia ein Vater angerufen, dessen Tochter eine Anlage wartet. „Er sagte, dass er so stolz auf sie sei.“

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Natürlich sind inzwischen große Firmen auf das Unternehmen in Marienfelde aufmerksam geworden. Al-Hakim und sein Partner haben auch nichts gegen einen neuen Investor. Aber die Grenzen sind klar definiert. „Wir behalten die Mehrheit“, sagt Al-Hakim, „wir wollen den sozialen Charakter des Unternehmens erhalten.“

Nicht in allen Ländern ist eine Aufbau der Anlagen möglich

Und dieser soziale Charakter wird in vielen Ländern gewünscht. „Wir haben Anfragen aus der ganzen Welt“, sagt Al-Hakim. „Aber wir können nicht überall hin.“ Am Tag zuvor war eine Anfrage aus Simbabwe bei ihm gelandet. Keine Chance, leider. „Dort fehlen die technischen Voraussetzungen.“

Das Geld von Investoren fließt dann in die Entwicklung der Anlagen. Schon jetzt hat sich deren Effizienz erheblich verbessert. „Wir können aus 100 Litern Salzwasser 80 bis 90 Liter Trinkwasser gewinnen“, sagt Al-Hakim. „2018 waren es nur 60 Liter.“ Außerdem plant Boreal Light den Umzug auf ein größeres Areal in Adlershof. Die Suche nach einem geeigneten Grundstück läuft schon.

Aber noch muss Al-Hakim rund 100 Meter durchs Gewerbegebiet in Marienfelde laufen, erst dann steht er auf einem riesigen Parkplatz. Dort sind an diesem Tag sieben Container aufgereiht, fertig zum Transport. Fünf gehen auf die Philippinen, zwei nach Indonesien.

Zur Startseite