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Vor dem Landgericht Berlin beginnt am Montag der Prozess. Foto: Soeren Stache/dpa
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Exklusiv Salafist, Räuber, Gewalttäter, Dealer Vertrauter von Breitscheidplatz-Attentäter vor Berliner Gericht

Am Montag beginnt der Prozess gegen Walid S.. Der ehemalige Freund des Terroristen Anis Amri soll Passanten überfallen und beraubt haben.

Er war vermutlich ein Vertrauter des Attentäters Anis Amri und gilt auch selbst als gefährlicher Islamist. Von Montag an muss sich der Deutsch-Iraker Walid S. (22) vor dem Landgericht verantworten. Es geht in diesem Verfahren nicht um politische Delikte, aber immerhin um Gewalt. Ähnlich wie einst Amri ist Walid S. offenbar nicht nur politischer Fanatiker, sondern auch ein aggressiver Krimineller.

Die Generalstaatsanwaltschaft wirft ihm mehrere Straftaten vor, darunter Sachbeschädigung, Beleidigung, Körperverletzung und räuberische Erpressung. Am 8. Juli 2020 soll Walid S. in Wedding mit der Faust eine Delle in ein Fahrzeug geschlagen haben. Als ihn der Besitzer des Wagens zur Rede stellte, soll Walid S. gepöbelt und gedroht haben. Dann attackierte er die herbeigerufene Polizei. Die Festnahme sei „nur mit erheblicher Kraftanstrengung und unter Zuhilfenahme weiterer Unterstützungskräfte gelungen“, heißt es in einer Mitteilung der Berliner Strafgerichte. Zwei Polizisten seien verletzt worden.

In der Nacht zum 8. Oktober soll Walid S. in Charlottenburg auf der Straße mit einem Messer Passanten angegriffen und die Herausgabe von Geld und Wertsachen verlangt haben. Einem von ihnen habe er ein Messer an den Hals gehalten. Nach Informationen des Tagesspiegels zwang Walid S. ein Opfer, seine teure Armbanduhr herzugeben. Einen fliehenden Passanten trat er zu Boden. Nach der dritten Raubtat nahm die Polizei den Mann fest.

Walid S. sitzt in Untersuchungshaft. Bei allen Angriffen soll S. unter Drogeneinfluss gestanden haben. Nach Recherchen des Tagesspiegels konsumierte der Salafist unter anderem Kokain und das stark wirkende Schmerzmittel Tilidin. Das Medikament ist in gewaltaffinen muslimischen Jungmännermilieus als „Amok-Droge“ beliebt, weil es enthemmt und Schmerzen unterdrückt. Bei längerem Missbrauch kann es zu Psychosen führen. Das könnte bei Walid S. der Fall gewesen sein.

Die Kombination von politischem Fanatismus, Drogenkonsum und möglicher psychischer Störung sei beunruhigend, heißt es aus Sicherheitskreisen. Die Behörden haben Walid S. schon lange im Blick. Womöglich war der Deutsch-Iraker sogar in den Terrorplan von Anis Amri eingeweiht. Nur Stunden nach dessen Anschlag am 19. Dezember 2016 auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz war Walid S. am Tatort.

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Amri hatte einen gekaperten Truck in die Menge der Besucher gesteuert. Zwölf Menschen starben, mehr als 60 wurden verletzt. Eine Beteiligung von Walid S. am Terrorangriff ließ sich jedoch nicht nachweisen. Seine Biografie lässt allerdings eine frühe Radikalisierung vermuten. Die Polizei hat ihn als Gefährder eingestuft.

Reise zum IS in Berlin gestoppt

Bereits 2015, da war Walid S. noch Jugendlicher, soll er versucht haben, in den Irak zu reisen, um sich der Terrormiliz „Islamischer Staat“ anzuschließen. Er wurde allerdings noch in Berlin gestoppt. Ein Jahr später war er dann möglicherweise doch beim IS.

Sicherheitskreise sagen, Walid S. besuchte zudem mehrfach in der Moabiter Fussilet-Moschee, die als Treffpunkt der Berliner IS-Sympathisanten galt. Hier hatte sich auch Amri oft aufgehalten, zuletzt nur Stunden vor dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz. Walid S. und Amri kannten sich offenbar über die Fussilet-Moschee.

Auch Amri war als Dealer unterwegs

Eine weitere Parallele: Auch Amri hatte mit Drogen zu tun. Der Tunesier war in Berlin als Dealer unterwegs. Das führte bei den Sicherheitsbehörden zu der fatalen Fehleinschätzung, Amri sei eher ein Krimineller als ein potenzieller Terrorist. Zwei Monate nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt verbot Innensenator Andreas Geisel (SPD) den Fussilet-Verein.

Walid S. blieb jedoch in der Szene und auch unter Beobachtung der Sicherheitsbehörden. Im Dezember 2017 durchsuchte die Polizei seine Wohnung wie auch die Privaträume von drei weiteren Salafisten. Die Generalstaatsanwaltschaft hatte ein Verfahren wegen des Verdachts eingeleitet, Walid S. und zumindest zwei Kumpanen seien 2016 nach Syrien zur Terrormiliz IS gereist.

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Im April 2018 nahm die Polizei Walid S. und fünf weitere Salafisten vorläufig fest, da ein Anschlag auf den Berliner Halbmarathon befürchtet wurde. Die Männer hatten sich mehrmals zu Örtlichkeiten an der Route des Halbmarathons begeben, auch nachts.

S. wird psychiatrisch betreut

Bei der Durchsuchung ihrer Wohnungen bestritten Walid S. und die anderen Salafisten, einen Angriff geplant zu haben. Die Ermittlungen sind noch im Gange. Im Oktober 2019 randalierte S., offenbar in religiösem Wahn, in einem Krankenhaus. Einem Sanitäter schlug er ins Gesicht.

Walid S. wurde in die Psychiatrie eingewiesen, doch ein Gutachter sah die Voraussetzungen für eine längere Unterbringung als nicht gegeben. Im Januar 2020 wurde S. entlassen. Dass er weiter gefährlich blieb, zeigen offenkundig die Angriffe von Juli und Oktober.

Auch frühere Sanktionen, wie die Wegnahme von Reisepass und Führerschein sowie eine "richterliche Weisung“ nach einem Angriff auf Polizisten in der Silvesternacht 2017/2018, scheinen kaum gewirkt zu haben. Für den am Montag beginnenden Prozess hat das Landgericht bislang fünf Termine angesetzt.

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