Ist die Maske unter der Nase Zufall oder Provokation? Foto: imago/Michael Weber
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Risikogruppen? Egal! Wenn die Solidarität bei einem Stück Stoff endet

Maske unter der Nase, Partys im Park und kindische Erwachsene: Neben Wut stellt sich bei unserem Autor in der Coronazeit große Enttäuschung ein.

Eine Bekannte fuhr neulich mit der U2. Gegenüber nahm ein älteres Ehepaar Platz, sie trugen keine Masken. Meine Bekannte sprach sie höflich an, wies auf die Maskenpflicht hin. Da griff der Mann in die Hosentasche, nahm seine heraus, wedelte in der Luft herum und sagte: „Ich hab doch eine dabei.“ Dann hat er sie wieder eingesteckt.

Bis vor Kurzem haben mich solche Erlebnisse nur wütend gemacht. Wer die Gefahr von Corona halbwegs ernst nimmt, sich um die eigene Gesundheit und die seiner Mitmenschen sorgt, hat sich in den vergangenen sechs Monaten sicher über ähnliche Situationen geärgert.

Hier der Typ im Supermarkt, der partout keinen Abstand halten wollte, dort die Kundin, die ihre Maske demonstrativ auf Kinnhöhe trug. Oder der Nachbar, der irgendwo im Internet gelesen hat, Corona gebe es doch sowieso nicht. So viel Ignoranz und Unverfrorenheit lässt einen nicht kalt. Und Wut ist angesichts solchen Verhaltens eine berechtigte, ja gesunde Reaktion.

Jetzt steigt die Zahl der Neuinfektionen wieder, inzwischen kommen bundesweit täglich mehr als tausend Fälle hinzu – nun schon an drei Tagen hintereinander, das gab es zuletzt Anfang Mai. Und Montag geht in Berlin die Schule wieder los. Trotzdem merke ich, dass meine Wut auf die Unvernünftigen, die Masken- und Abstandsverweigerer, nicht mehr so präsent ist wie noch vor ein paar Wochen. Oder besser: dass sich ein neues, zweites Gefühl dazugesellt hat. Es ist das Gefühl von großer Enttäuschung.

Ein kleines Opfer ist manchen schon zu viel

Ich war mir sicher, es gäbe in unserer Gemeinschaft mehr Solidarität. Auch Bereitschaft, in einer Ausnahmesituation die eigenen Interessen hintanzustellen, vorübergehend zu verzichten, kleine Opfer zu bringen wie das Aufsetzen einer Stoffmaske in Geschäften oder der Bahn. Dass man ein paar Einschränkungen gern in Kauf nähme, wenn sich so Mitbürger schützen ließen, nämlich insbesondere die Angehörigen von Risikogruppen.

Viele dieser Menschen leben seit einem halben Jahr stark zurückgezogen. Manche haben sich von der Gemeinschaft geradezu abgekapselt, erledigen draußen nur das Nötigste.

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Klar war immer: Je stärker wir die Infektionszahlen drücken, je entschiedener wir der Dreckspandemie zusetzen, desto eher können sich die Risikogruppen wieder ein Stück weit ins soziale Leben zurück wagen. Es ist so enttäuschend zu sehen, wie egal das vielen ist.

Zum Beispiel denen, die sich nachts zu Hunderten, manchmal Tausenden, in Berliner Parks zu Partys treffen. Es gab eine Reihe von Fernsehberichten, in denen sich Feiernde ohne jedes Unrechtsbewusstsein interviewen ließen und den Reportern schamlos erklärten, dass sie jetzt halt Bock auf Tanzen hätten.

Ältere Menschen? Sind ihm egal.

Am eindrücklichsten ist mir der Mann in Erinnerung geblieben, der versicherte, er könne sich das Virus unmöglich einfangen, dafür habe er in den letzten Wochen schon mit zu vielen Leuten nachts im Park gefeiert. Ein anderer grinste auf die Frage, ob er denn keine Verantwortung für ältere Menschen spüre, hob seine Bierflasche zum Prost und antwortete spöttisch: „Jeder muss mal sterben.“

Womöglich war ich anfangs naiv. Vielleicht zu begeistert von den Menschen, die überall in der Stadt Gabenzäune einrichteten, um Obdachlose und andere Bedürftige mit Spenden zu versorgen. Oder von den Nachbarschaftshilfen, die für Risikogruppen Einkäufe übernahmen. Oder von der Schnelligkeit, mit der die Stadt Hilfsprogramme initiierte. Da dachte ich: Es gibt einen Zusammenhalt. Im Nachhinein komme ich mir vor wie ein Hippie.

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Im Zug wollte neulich eine Frau ihre Maske nicht tragen. Als sie angesprochen wurde, schenkte sie sich einen Becher Tee ein und behauptete, sie könne jetzt keine Maske anziehen, sie trinke doch gerade. Sie nippte dann alle paar Minuten kurz am Tee. „Tut mir leid“, sagte sie, „ich trinke doch noch.“

Die Bahn hat ihre Kunden im Stich gelassen

Auf der Liste der größten Enttäuschungen hat sich die Deutsche Bahn einen Spitzenplatz verdient. Sie hat ihre Kunden im Stich gelassen: offiziell die Tragepflicht verkündet, tatsächlich aber Maskenverweigerer reihenweise gewähren lassen. Ich habe in der Coronakrise keinen einzigen Bahnangestellten erlebt, dem die Maskenpflicht wichtig gewesen wäre. Ein Kontrolleur sagte: „Ich bin halt von Natur aus kein Meckerer.“

Fahrgäste, die sich lieber nicht anstecken möchten, sollen Verweigerer also selbst ansprechen und sind dann auch noch „Meckerer“. Zu allen Zumutungen, die Kunden der Deutschen Bahn ohnehin gewohnt sind, kommt nun auch noch jene, in die Rolle des Ansprechers und Aufpassers gedrängt zu werden.

Dabei führen Gespräche mit Maskenverweigerern ohnehin zu nichts. Meine Bekannte, die in der U2 dem Mann mit der Maske in seiner Hosentasche gegenüber saß, hat es sachlich versucht. Da hat der Mann gesagt, sie solle mal nicht so hysterisch sein, er kenne niemanden, der an Corona gestorben sei. Die Bekannte hat aufgegeben und sich weggesetzt.

Es ist so ermüdend zu sehen, wie kindisch sich manche Erwachsene verhalten. Dass sie es mit Tricks, Weghören oder Dreistigkeit versuchen. Am nervigsten finde ich den Einwand, die Wissenschaftler hätten zu Beginn doch selbst von Stoffmasken abgeraten. Ja, das haben sie. Und sie haben dazugelernt, Erkenntnisse gesammelt, sich korrigiert. Jeder, der halbwegs die Nachrichten verfolgt, weiß das. Den Maskenverweigerern ist es egal.

Bei manchen hat man den Eindruck, sie wollten regelrecht provozieren. Für sie gibt es kein passenderes Symbol als die unter der Nase getragene Stoffmaske.
Enttäuschend ist auch, wie wenig Sinn manche Mitmenschen für Eigenverantwortung haben. Dass sie erst mitziehen, sobald Strafen drohen und Regelbrüche tatsächlich geahndet werden. Dieses Benötigen von Führung und Strenge – diese Autoritätssehnsucht – hätte ich vor Corona für unmöglich gehalten. Ich dachte wirklich, wir wären weiter.

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Als es im Juli in einem Lokal unterm Fernsehturm zum Corona-Ausbruch kam, sich dort mindestens 13 Menschen ansteckten, fiel die Nachverfolgung der Kontaktpersonen schwer. Gäste hatten falsche Angaben in der Liste gemacht, sich Namen ausgedacht oder nichtexistente Telefonnummern eingetragen.

Diese Woche hat sich Christian Drosten dazu geäußert, was uns in den kommenden Monaten blühen könnte. Er hat erneut an die Vernunft der Bürger appelliert. Und er schlug vor: „Jeder Bürger sollte in diesem Winter ein Kontakttagebuch führen.“ Gute Idee eigentlich. Nach der Erfahrung der vergangenen Wochen will ich mir nicht ausmalen, wie etliche dieser Tagebücher aussehen werden.

Wie schlimm wird's dann erst in künftigen Krisen?

Noch übler ist der Gedanke, wie es wohl um unsere Solidarität bestellt sein wird, sollte diese in Zukunft einmal mehr erfordern als das simple Tragen eines Stoffstücks oder Abstandhalten. Wie wenig werden wir uns umeinander sorgen, wenn sich zum Beispiel die Klimakrise verschärft?

Vielleicht hilft es, sich bewusst zu machen, dass es auch die anderen gibt. Mitmenschen, und es sind viele, die an Wissenschaft, Aufklärung und Vernunft glauben, dafür auch Opfer bringen. Dass die Mehrheit der Bevölkerung Verständnis für strengere Sicherheitsmaßnahmen hat, sollten die Infektionszahlen es erfordern.

Vielleicht hilft es auch, dass wir nie erfahren werden, wie viel schneller die Pandemie besiegt worden wäre, hätten sich mehr Menschen an die Maskenpflicht gehalten, hätten Leute auf Raves und Partyurlaube verzichtet oder wenigstens korrekt ihre Telefonnummern hinterlassen.

Einer der klügsten Sätze, die ein Politiker in der Coronakrise gesagt hat, stammt von Gesundheitsminister Jens Spahn. Der Satz fiel schon im April im Bundestag und lautete: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Ja, stimmt. Aber ob das Verzeihen auch die Enttäuschung verschwinden lässt?

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