Jenseits von Kunstfigur-Klischees. Madame Nielsen, 1963 in Jütland geboren. Die dänische Autorin, Sängerin und Perfomance-Künstlerin publizierte früher als Claus Beck-Nielsen. Foto: Sofie Amalie Klougart
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Romandebüt von Madame Nielsen Der Junge, der vielleicht ein Mädchen ist

Anja Kümmel
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In Madame Nielsens Romandebüt "Der endlose Sommer" blickt eine alte Frau zurück auf ihre Kindheit - als Junge. Eine mitreißende Lektüre, die Geschlechterrollen kunstvoll durcheinander wirbelt.

"Einen Augenblick, oder sieben oder zwanzig Jahre später“: So beginnen Madame Nielsens Sätze, um dann zwei, drei Seiten lang mehrere Generationen zu umspannen oder einmal die Welt zu umrunden. „Der endlose Sommer“ wirbelt, wie bereits der Titel andeutet, die Zeiten gehörig durcheinander. Der Roman bündelt sie in einem gleißenden, überhellen Jetzt und fächert sie in Rückblenden, Spekulationen und Vorwegnahmen schwindelerregend auf.

So kann es geschehen, dass Nielsens Erzählfigur, „der Junge, der vielleicht ein Mädchen ist, es aber noch nicht weiß“, auf ein und derselben Seite in die Zukunft und in die Vergangenheit, nach Portugal und quer durch die USA reist. Und das ohne den verfallenden Gutshof in Dänemark, den Ausgangspunkt dieses Buches, jemals zu verlassen. Ist also alles, was sich in Madame Nielsens Romandebüt abspielt, bloße Fantasie?

Madame Nielsen veröffentlichte früher als Claus Beck-Nielsen

Zu simpel wäre es, in dem Heranwachsenden „noch ohne Geschlecht“ ihr Alter Ego zu vermuten. Im Jahr 2000 erklärte die 1963 in Jütland geborene dänische Autorin, Sängerin und Performancekünstlerin ihr früheres Ich, Claus Beck-Nielsen, unter dessen Namen zuvor zahlreiche Bücher erschienen waren, für tot. 2013 erstand es als Madame Nielsen wieder. Doch Madame Nielsen erfüllt weder gängige Transgender-Narrative noch ist sie eine beliebig wandelbare Kunstfigur. Vielleicht liegt das Geheimnis ihrer Persona tatsächlich in jenem Möglichkeitsraum, den „Der endlose Sommer“ aufmacht.

Scheinbar herkunftslos, lässt sich ihre androgyne Erzählfigur an der Schwelle zum Erwachsenwerden in den Schoß einer Wahlfamilie fallen, deren Exzentrizität den Mangel einer eigenen Biografie wettmacht: Da ist „das dunkle, runde, sanfte Mädchen“, das die Geliebte des schmalen Jungen wird, deren „aristokratische, nordische Mutter“, der jähzornige, verbitterte Stiefvater, der sein Vermögen für Detektive ausgibt, um die Mutter bespitzeln zu lassen. Und da sind zwei kleine Brüder, an deren Heranwachsen man das Verstreichen der Zeit bemerkt.

Ein Roman aus Traumbruchstücken

Nielsen arbeitet mit rhythmischen Wiederholungen, die bestimmte Eindrücke wie ein Nachbild der Sonne auf die Retina brennen: allen voran die in übermenschlichem Glanz erstrahlende Hausherrin und ihr „Hengst, auf dem sie im Sommer durch den Morgendunst reitet“. Das kommt auch mal ein bisschen kitschig daher, dann auch wieder durchsetzt von leiser Ironie. In zahllosen Nebensträngen und ohne je Zeit zum Atemholen zu lassen, skizziert der Erzähler Aufstieg und Fall sämtlicher Figuren, die zu irgendeinem Zeitpunkt den „weißen Hof“ bewohnen. Meist bleiben sie namenlose Archetypen wie etwa der portugiesische Junge, „ein Künstler wie Caravaggio“ aus ärmlichen Verhältnissen, der auf dem Marktplatz seines Provinzstädtchens von einem Mäzen entdeckt wird, als Jugendlicher nach Dänemark reist und dort eine doppelt so alte Aristokratin ehelicht. Oder das Mädchen selbst, das aus einem Seitensprung der noch sehr jungen Mutter entsteht und seine wahre Herkunft erst viel später enträtselt.

Immer wieder hat man das Gefühl, der Junge wolle sich selbst auslöschen in seiner oft hyperrealen Erzählung. Es gibt aber auch nüchternere, das Geschehen plötzlich an konkrete Orte bindende Momente wie den Auftritt der Schülerband am Provinzgymnasium, bei dem sich der scheue Junge und das Mädchen begegnen, oder die Ausstellung des portugiesischen Künstlers in einer Filiale der Danske Bank. Über weite Strecken liest sich der Roman, als bestünde er aus lauter Traumbruchstücken, „wo Zeit und Licht stillstehen und der Staub in der Luft schwebt und flimmert und niemand irgendetwas tut, außer leben“.

Es ist wohl genau dieses Spannungsfeld zwischen unterkühlter Reduktion, latenter Gewaltbereitschaft und jäher Eruption von Lust, in dem es der Erzählfigur gelingt, in der Vergangenheit und der Zukunft zugleich zu existieren, als scheuer Junge, der nach vorne, und als alte Frau, die zurückblickt. Sprache, so die reife Erzählerin, bewahrt nicht bloß Verlorenes, sie lässt vielmehr die Wirklichkeit erst auferstehen.

Alle Türen in diesem „endlosen Sommer“ sind weit geöffnet; von überall her fließt blendendes Licht. Und doch schwingt von der ersten Zeile an ein Memento mori mit, die Ahnung, dass ein solches Strahlen nur möglich ist, wenn sich in ihm das Ende bereits ankündigt. Eine mitreißende und melancholische Lektüre, die einen benommen zurück in die Realität stolpern lässt.

Madame Nielsen: Der endlose Sommer. Roman. Aus dem Dänischen von Hannes Langendörfer. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018. 192 Seiten, 18 €.

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