Jes Welsh unterstützt als Doula queere Menschen bei der Familienplanung. Foto: privat
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Queere Geburtshilfe in Berlin "Nicht-traditionelle Familien stoßen oft auf Ablehnung"

Eva Tepest
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Jes Walsh betreut als Doula queere Familien in Berlin bei der Geburtsvorbereitung und Familienplanung. Noch immer gibt es dabei viele praktische und finanzielle Hürden. Ein Interview.

Doulas dürften hierzulande nur wenigen bekannt sein. Was sind deren Aufgaben?

Doulas leisten verschiedenste Arten von Reproduktionsarbeit. Sie unterstützen bei Geburtsvorbereitung, -begleitung, und -nachbereitung, bei Familienplanung und Adoption und bei Schwangerschaftsabbrüchen. Es ist keine medizinische Profession. Doulas bieten hingegen Formen von psychologischer und physischer Unterstützung. Was genau, stimme ich mit allen, die am Prozess beteiligt sind, individuell ab. In der Geschichte hat es immer eine Person gegeben, die die Hebamme in ihrer Arbeit begleitet hat. Doula-Arbeit geht über die Arbeit von medizinischer Geburtsbetreuung hinaus – und entlastet auch Hebammen und Entbindungspfleger

Was hat Sie zu diesem Beruf gebracht?

Als feministische Aktivistin war ich in den USA, wo ich herkomme, sehr aktiv in der pro-choice-Bewegung – das ist mein Ausgangspunkt im Bereich Reproduktionsarbeit. Als ich nach Berlin kam, habe ich mein Geld zunächst mit Babysitten verdient. Dabei habe ich auf immer kleinere Kinder aufgepasst, schließlich auf ein drei Wochen altes Baby. Ich merkte, dass ich damit bereits die Arbeit einer Doula verrichte und habe mich für eine entsprechende Ausbildung in meiner Heimatstadt New York entschieden. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass meine Erfahrungen aus der queeren Communityarbeit mir eine Sensibilisierung für die speziellen Bedürfnisse von Marginalisierten im Bereich der Reproduktion erschließen. Leider ist Doula-Arbeit und die entsprechende Ausbildung immer noch zu sehr auf die Bedürfnisse von wohlhabenden Familien fokussiert.

Inwiefern unterscheiden sich die Bedürfnisse von Queers im Bereich der Reproduktion?

Oft haben Queers von sich aus nicht alle körperlichen Kapazitäten, um Kinder zu bekommen. Daraus ergeben sich finanzielle und praktische Hürden. Hinzu kommt, dass gerade Menschen in nicht-traditionellen Familienkonstellationen, etwa in Polybeziehungen, oft auf gesellschaftliche Ablehnung stoßen. Ich habe vor kurzem eine „Queer family building group“ ins Leben gerufen und der Zuspruch ist enorm! Hier geht es einerseits darum, Ressourcen zu teilen: Sich Tipps zu geben, wie sich bestimmte Probleme umgehen lassen oder Empfehlungen für Ärzt*innen und Kliniken auszutauschen. Und natürlich darum, sich über die eigenen Erfahrungen und Emotionen auszutauschen.

Haben Sie Lust, jemanden kennenzulernen, der Fragen ganz anders beantwortet als Sie? Dann machen Sie mit bei „Deutschland spricht”. Mehr Infos zu der Aktion auch hier:

Es scheint gerade ein neues Interesse an queerer Elternschaft zu geben. „Die Argonauten“ von Maggie Nelson, in dem die Autorin ihre queere Familiengründung beschreibt, wurde innerhalb kurzer Zeit zum Kultbuch.

Ich glaube, dass Menschen zu allen Zeiten auf unterschiedlichste Arten Kinder bekommen und großgezogen haben. Ihre Geschichten sind aber kaum dokumentiert. Trans Männer haben etwa schon immer Kinder zur Welt gebracht, trans Frauen gestillt, aber in den letzten Jahren wird im Zuge von Social Media zunehmend darüber berichtet. Dass es mehr Sichtbarkeit gibt, ist wichtig.

Mehr Informationen zur Arbeit von Jes Walsh gibt es auf ihrer Website. „Queer Family Building Berlin“ ist auf Facebook zu erreichen.

+ + + Der Text stammt aus den neuen Queerspiegel-Newsletter des Tagesspiegel - hier geht es zur Anmeldung.+ + +

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