Gaby Cohen, die Großnichte von Magnus Hirschfeld, wurde 1939 in Berlin geboren. Kurz nach ihrer Geburt flohen ihre Eltern mit ihr nach Australien. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Großnichte von Magnus Hirschfeld "Mutter erzählte nicht, dass Hirschfeld schwul war"

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Gaby Cohen wusste lange nicht, wie bedeutend ihr Großonkel Magnus Hirschfeld war – bis sie einen Film über ihn sah. Ein Interview über die Familie des ersten Sexualforschers der Welt.

Frau Cohen, Sie sind eine Großnichte des berühmten Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld, der am Montag 150 Jahre alt geworden wäre. Sie sind extra aus Australien zu dem Festakt angereist, der in Berlin stattfinden wird.

Es wird ein großes emotionales Fest, da setze ich drauf. Meine Großmutter war die Schwester von Magnus Hirschfeld, die gesamte Familie lebte damals in Berlin. Ich bin allerdings schon als Baby nach Australien gekommen – die Hirschfelds wurden als Juden in der NS-Zeit verfolgt. Ein großer Teil der Familie ist im Holocaust fast ausgelöscht worden, die wenigen Überlebenden wohnten alle in verschiedenen Ländern. Magnus starb schon 1935 im Exil. Er hat zu seinen Lebzeiten nie die Anerkennung erfahren, die er heute hat. Dass er jetzt so groß gefeiert wird – das ist schon toll.

Wussten Sie seit Ihrer Kindheit, was für einen berühmten Verwandten Sie in der Familie haben?

Meine Eltern haben uns erzählt, dass Magnus ein Institut hatte, die Nazis das Institut zerstörten und Magnus Berlin verlassen musste. Das alles wussten wir. Aber dass er der erste homosexuelle Aktivist der Welt war, wusste ich nicht – und auch nicht, wie bahnbrechend seine Forschungen und Ansichten waren und wie stolz wir darauf sein können.

Wie haben Sie davon erfahren?

Das war eigentlich sehr lustig. Es muss das Jahr 2001 gewesen sein. Mein Mann guckte damals in eine australische Fernsehzeitschrift und kam auf einmal ganz aufgeregt angelaufen: Gaby, Du wirst es nicht glauben, es wird ein Film gezeigt, der heißt: „Magnus Hirschfeld, der Einstein des Sex“.

... ein Film des Regisseurs Rosa von Praunheim, der 1999 erschien und sehr bewegend die Geschichte von Hirschfeld erzählt. Wie hat er Ihnen gefallen?

Oh, my God! (Lacht.) Es ist schon ein sehr eindeutiger Film. Was etwas eigenartig war: Meine Mutter sagte immer, ah, wir dachten, Hirschfeld könnte selber schwul gewesen sein, er hatte immer so viele Männer um sich herum. In dem Film war das nun so offensichtlich – ich habe keine Ahnung, warum sie das nicht einfach geradeheraus erzählte, dass er schwul war.

Magnus Hirschfeld, der Begründer der Sexualwissenschaft und der ersten Homosexuellenbewegung in Berlin. Foto: epd
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Was geschah danach?

Ich habe sofort den TV-Sender angerufen und gefragt, wo sie den Film herhaben. Über Sydney wurde ich nach Köln verwiesen. Dort wurde mir gesagt, dass Magnus’ Institut in Deutschland wieder aufgebaut wird. So bekam ich auch Kontakt zur Hirschfeld-Gesellschaft – und deren Vorsitzender rief mich sofort zurück. Seitdem sind wir mit ihm eng verbunden. Er erzählt uns alles, was über Magnus geforscht wird und was er erreicht hat. Er hat uns Kontakte zu anderen Mitgliedern der Hirschfeld-Familie vermittelt. Es ist jetzt auch schon unsere sechste Reise nach Deutschland, mein Mann und meine Kinder begleiten mich.

Wen werden Sie von der Familie treffen?

Es sind nicht viele: Einige Cousinen und Cousins aus Italien und den USA. Wenn man aber bedenkt, wie wenige den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, empfängt man jeden mit offenen Armen. Ich bin wirklich eine der wenigen, die Glück hatten.

Drei Generationen der Hirschfeld-Nachfahren: Großnichte Gaby Cohen (Mitte) mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Wie konnten Ihre Eltern mit Ihnen fliehen?

Mein Vater arbeitete für eine deutsche Firma, die französische Parfums in Berlin verkaufte. Er hatte dadurch viele Kontakte, und irgendwie schaffte er es, für uns ein Visum für Australien zu erhalten. Er konnte kurz vor der Kristallnacht nach Holland entkommen. Meine Mutter folgte unmittelbar danach mit mir. Ich war damals drei Monate alt. Von Holland flohen wir nach London und von dort mit einem Frachtschiff nach Australien. In Sydney kamen wir am 1. April 1939 an, aufgewachsen bin ich dann in Melbourne. Wenn wir uns nur wenige Wochen später zur Flucht entschlossen hätten, wären wir als Juden gar nicht mehr aus Deutschland rausgekommen.

Wissen Sie noch, wo Ihre Familie vor der Flucht in Berlin lebte?

Als ich geboren wurde, lebten meine Eltern in der Motzstraße.

Also im Herzen des ältesten homosexuellen Kiezes Berlins.

Was für ein Zufall, oder? Heute gibt es direkt in der Motzstraße eine Apotheke. Sie heißt Magnus-Apotheke, benannt natürlich nach Hirschfeld. So schließt sich der Kreis.

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