"Es gibt Totschläger, die sich nach der Tat einkoten und erbrechen"

Justizbediensteter in der JVA Tegel Foto: IMAGO
Psychologie des Mordes "Es gibt Männer, die töten just for fun"

Manche Menschen töten aus ideologischen oder rassistischen Gründen.

Unter den Verurteilten in Berlin gibt es mehrere Männer, die rechtsradikale Positionen vertreten oder vertreten haben. Aber in Tegel sitzt derzeit wohl keiner, der aufgrund seiner rassistischen oder ideologischen Motivation gemordet hat – abgesehen von dem Terroristen Johannes Weinrich, die rechte Hand des Terroristen Carlos. Weinrich war im Jahr 2000 für den Anschlag auf das Kulturzentrum Maison de France im Jahr 1983 verurteilt worden.

Was macht das mit einem Menschen, wenn er tötet?

Grob gesagt gibt es drei Typen: Es gibt Täter, die sich ihre Tat als sehr erregend vorgestellt haben, sie aber dann als katastrophal erleben. Totschläger, die sich bei der Tat einkoten, die nach der Tat erbrechen. Sie sind aber leider in der Minderheit. Dann gibt es welche, die es vergleichsweise leicht fanden und es vielleicht öfter täten, wenn das Risiko, erwischt zu werden, nicht so hoch wäre. Und es gibt welche, die finden das faszinierend. Weil sie sich stark fühlten, großartig und richtig männlich.

Ist das die Mehrheit?

Ich schätze, das sind so um die 20 Prozent. Doch bis heute gehört es zu den sorgsam gehüteten Geheimnissen des Gerichtssaals, dass viele Angeklagte ihre Tat zwar bedauern, diese aber eigentlich als grandioses, positives Erlebnis erinnern. Niemand gibt das im Prozess zu, um nicht als Bestie zu gelten.

Fällt Ihnen ein Beispiel aus Berlin ein?

Ein Krimineller berichtete mir, dass es halt ein guter Einstieg in die organisierte Szene sei, wenn man einen anderen Kriminellen, hier einen Russen, in eine Falle lockt und hinrichtet; man habe gleich ein ganz anderes Standing. Es gibt Männer, die töten just for fun.

Gibt es Mörder in der JVA Tegel, die zu gefährlich sind, um jemals freigelassen zu werden?

Ich kenne ja nur einige richtig gut. Ich habe in Bayern einige kennengelernt, die trotz hohen Alters körperlich und geistig fit geblieben sind, narzisstische und egozentrische Persönlichkeiten, die kein Schuldbewusstsein zeigen und nur darauf zu warten scheinen, es allen noch einmal zu zeigen. Aber wenn sie draußen sind, haben sie wahrscheinlich andere Sorgen.

Sie sind 2017 emeritiert. Doch Sie reisen nach wie vor durchs Land, um mit Mördern zu reden, Gutachten und Bücher zu schreiben ...

Ich habe mich schon immer für das Töten, Mörder und Totschläger interessiert, im Rahmen der forensischen Psychiatrie sind sie für mich das Nonplusultra. Das sind die Leute, die wirklich das ultimative Verbrechen begehen. Pädophile sind langweilig.

Was fasziniert Sie?

Leben und Tod, tödliche Gewalt, die in das Leben anderer einbricht und von einem Moment zum anderen alles ändert. Schon als Kind hat mich das beunruhigt. Ich bin fünfeinhalb Jahre nach Kriegsende geboren, als die Menschen noch sehr stark geprägt waren durch die Kriegserfahrung, auch meine Mutter.

Also haben Sie das zum Beruf gemacht?

Ich kann mich Mördern in zumeist sehr großer Sicherheit nähern und sie mir angucken, was entängstigend wirkt. Der Kontakt hilft zu begreifen, dass das Menschen sind, die in einer bestimmten Situation in einer bestimmten Phase ihres Lebens ein Tötungsdelikt begangen haben. Aber man kommt nicht als Mörder zur Welt und fährt als Mörder in die Grube. Es gibt keine biologische Kategorie, Mörder zu sein.

Haben Sie manchmal Angst, wenn Sie mit einem Mörder zusammensitzen?

Normalerweise ist das völlig ungefährlich, weil die Straftäter nicht den geringsten Grund haben, mir etwas zu tun. Bislang hat es nur eine Handvoll Situationen gegeben, die mir nicht nur gefährlich vorgekommen sind, sondern es vermutlich auch waren. Es handelte sich um kriminalprognostische Begutachtungen, wo es zum Beispiel darum ging, ob ein Ausgang verantwortet werden kann.

Erzählen Sie!

Da gab es einen Gymnasiasten, der in Meißen vor der Klasse seine Lehrerin mit vielen Messerstichen getötet hatte. Im Jugendknast hatte er fleißig Krafttraining gemacht und sah aus wie ein einziges Muskelpaket. Der wollte unbedingt Ausgang zu einem externen Therapeuten haben. Als klar wurde, dass ich das nicht unterstütze, kippte die Situation und er drohte mir. Wir saßen am Freitagnachmittag am Ende eines menschenleeren Flurs, er zwischen mir und der Stahltür. Redend kam ich schließlich an den Besucherknopf und drückte, und nach angespanntem Warten kam ein Bediensteter und ließ mich raus. Habe daraus gelernt.

Unterliegt Mord einem Zeitgeist?

Gerade in Berlin lassen sich im Laufe von 40 Jahren erhebliche Wandlungen im Umgang mit Delinquenten gut beobachten. Die Nachkriegsgeneration von Richtern wird als recht streng und wenig empfänglich für das Seelenleben der Täter geschildert. Damals gab es viele harte Strafen in Berlin. In den 70er und 80er Jahren entwickelte die West-Berliner Justiz in ihrem Inselleben eine ausgeprägte Liberalität. Es herrschte eine hohe Bereitschaft, beim Urteil psychosoziale Belastungsfaktoren in Rechnung zu stellen und milde zu bestrafen.

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