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Udo Sist, NormaloTV, Potsdam Udo Sist ist 33 Jahre alt, gelernter Kaufmann im Gesundheitswesen und wohnt in Babelsberg. Er ist Projektmitarbeiter in einem großen Sozialverband in Potsdam und führt seit 2015 auf dem Youtube-Kanal „Normalo TV“ Interviews mit Menschen mit Behinderungen. Sist wurde mit einer spastischen Tetraparese geboren und sitzt im Rollstuhl. Foto: Andreas Klaer Foto: Andreas Klaer
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Potsdamer Youtuber zu Morden im Oberlinhaus „Es wird zu wenig über uns gesprochen“

Der Potsdamer Youtuber Udo Sist kritisiert die Arbeitsbedingungen im Oberlinhaus, die Rolle, die Geld in der Pflege spielt, und die Berichterstattung über Menschen mit Behinderung.

Herr Sist, Sie gehen seit Jahren zur Physiotherapie im Oberlinhaus. Kennen Sie auch das Thusnelda-von-Saldern-Haus, das Pflegeheim, in dem Ende April vier Menschen getötet wurden?
Ja, zwei Jahre lang habe ich meine Physiotherapie auch in diesem Haus gemacht. Ich bin dort das erste Mal dank des Trainings auf die Füße gekommen und konnte mit Stützen laufen, das war ein absoluter Feiertag für mich.

Die mutmaßliche Täterin ist eine Mitarbeiterin. Sie haben auf Youtube gesagt, dass Sie von der Tat schockiert waren, aber nicht überrascht – warum nicht?
Wenn man dort so oft Sport macht, bekommt man viel mit. Man hört, was die Mitarbeiter auf dem Flur erzählen, man bekommt ihren Frust mit. Es ist ein anspruchsvoller Job, den die Leute dort machen und ich hatte immer wieder den Eindruck, dass die Rahmenbedingungen die Mitarbeiter sehr unter Druck setzen. 

Es ist ja auch nicht die erste Tragödie in so einer Einrichtung. Ich habe schon vor zwei Jahren spekuliert, wann es einmal zu so einer Tat im Oberlinhaus kommen würde, aber dass es so schlimm sein würde, damit hatte ich nicht gerechnet.

Aber kann man so eine Gewalttat wirklich mit Überforderung erklären?
Nein, das alleine kann es nicht erklären. Aber wenn jemand überfordert ist, dann muss der Arbeitgeber ihm diese Überforderung nehmen. Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen müssen aus meiner Sicht viel besser durch ein gesundheitsbetriebliches Management begleitet werden.

Was hat Sie an der Berichterstattung über die Tat gestört?
Mich stört, dass dem ganzen Thema zu wenig Platz eingeräumt wird. Menschen mit Behinderung kommen in den Medien kaum vor. Der RBB hat sich zehn Minuten Zeit für eine Spezialsendung über die Tat genommen und danach ernsthaft den Film „Ziemlich beste Freunde“ gezeigt, wo es um einen reichen Rollstuhlfahrer geht, der keine Frau findet. 

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Diese Zeit hätte man besser nutzen können, indem man zum Beispiel Menschen mit Behinderung zum Thema befragt hätte. Es wird generell zu wenig über uns und unsere Lebensbedingungen gesprochen. Vermutlich wissen die meisten Medien auch nicht, dass am 5. Mai der europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung war.

Sie interviewen auf Ihrem Youtube-Kanal seit vielen Jahren Menschen mit Behinderungen und hören dabei viel aus anderen Pflegeeinrichtungen. Sieht es dort ähnlich prekär aus?
Man hört selten etwas Positives. Bei den 53 Menschen, die ich interviewt habe, war der Tenor immer gleich: Ich möchte nicht in so einer Einrichtung leben, ich möchte zu Hause leben. 

Aber wenn man keinen barrierefreien Wohnraum hat, wird man mit 18 Jahren einfach ins Pflegeheim geschoben. Ich habe auch einmal im Berufsbildungswerk des Oberlinhauses gewohnt und bin im ersten Lehrjahr ausgezogen, weil mich die Bevormundung dort erdrückt hat.

Sie wohnen in einem Haus im ersten Stock, in dem bald der Fahrstuhl ausgebaut wird, der dann für sechs bis acht Wochen nicht verfügbar ist. Was hat Ihnen der Vermieter als Ausgleich angeboten?
Mir wurde 20 Prozent Mietminderung angeboten und für die sechs bis acht Wochen 750 Euro entweder für Lebensmittel-Lieferkosten oder damit ich mir eine temporäre Unterkunft suche. Vorschläge wie ein Baufahrstuhl oder ein Treppenlift wurden alle abgelehnt. 

Von der Hausverwaltung hieß es: „Na dann bleiben sie einfach die sechs bis acht Wochen drinnen.“ Hier im Haus leben mehr als acht Rollstuhlfahrer, die sind dann wochenlang eingesperrt, es ist nicht mal der Brandschutz gewährleistet. Das ist das Allerletzte.

Gehen Sie weiterhin zur Physiotherapie ins Oberlinhaus?
Ja, die machen da eine super Arbeit, sonst würde ich da nicht hingehen. Ich war gerade erst da, das war total seltsam für mich.

Halten Sie es für wahrscheinlich, dass es weiter Gewalt in der Pflege geben wird?
Wenn die Ökonomisierung in diesem Bereich weiter voranschreitet, dann ja. Dadurch erhöht sich der Druck auf alle Beteiligten und damit steigt die Wahrscheinlichkeit für solche Taten.

Was muss sich aus Ihrer Sicht in Zukunft ändern, wo muss man anfangen, damit die Zustände sich bessern?
Man müsste die Ökonomisierung aus diesem System rausnehmen und zum Beispiel verbieten, dass Pflegeeinrichtungen Aktiengesellschafen werden, die Dividenden an Aktionäre ausschütten. Ich habe meine Ausbildung als Kaufmann im Gesundheitswesen gemacht und weiß durchaus, wie es da aussieht. In diesem Bereich darf es nicht ums Geld gehen. Das wäre ein Anfang, der wirklich helfen könnte.

Das Gespräch führte Erik Wenk.

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