Die Besetzung wird der "Freibeuter" wird seit langem geduldet. Foto: Robert Klages
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Update SEK-Einsatz in Friedrichshain Mann droht Bootsbesetzern mit Waffe und flieht übers Wasser

In der Nacht ist auf dem besetzten Schiff Freibeuter in der Rummelsburger Bucht ein Streit eskaliert. Die Polizei rückte mit Hunden und einem Hubschrauber an.

Auf der Freibeuter, einem bekannten besetzten Boot in der Rummelsburger Bucht, hat es in der Nacht einen Großeinsatz der Polizei gegeben. Ein 45-Jähriger soll gegen 23 Uhr auf dem Steg vor dem Schiff von einem Mann mit einer Schusswaffe bedroht worden sein, teilte die Polizei mit. Der Bedrohte kannte den Tatverdächtigen demnach flüchtig.

In einem Post auf Facebook berichten Aktivisten aus dem Dunstkreis der Bootsbewohner, dass der Auslöser ein Streit über die Nutzung von Räumen auf der Freibeuter gewesen sein soll. Der mutmaßliche Täter entfernte sich, als Bewohner die Polizei alarmierten. Während Beamte den Sachverhalt aufnahmen, legte am Ende des Steegs ein Schlauchboot an.

Flucht aufs Wasser

Die Einsatzkräfte eilten zum Wasser, dort hielten sich zehn bis 20 Personen in festgebundenen Schlauchbooten auf. Der bedrohte 45-Jährige erkannte unter ihnen den Mann mit der Waffe wieder. Von den Polizisten mit dem Vorwurf konfrontiert, löste der Verdächtige die Leinen eines Kajütenmotorboots, auf dem sich in diesem Moment auch eine Frau befand, und fuhr damit aufs Wasser. Die Beamten forderten Polizeihunde, die Wasserschutzpolizei, einen Hubschrauber und ein Spezialeinsatzkommando zur Unterstützung an.

Das Boot steuerte zur Liebesinsel, machte irgendwann jedoch Kehrt und legte nach Aufforderung der Wasserschutzpolizei wieder in der Rummelsburger Bucht an. Das SEK durchsuchte das Schiff nach dem Unbekannten, traf aber nur die Frau an, die vorläufig festgenommen wurde. Auch auf den anderen, festgemachten Booten fanden die Beamten den Mann nicht.

Haftbefehl wegen Fahrens ohne Führerschein

Stattdessen beschlagnahmten sie einen Plastikbeutel mit Cannabis. Zwei Männer brachte die Polizei außerdem zur Gefangenensammelstelle. Einen von ihnen suchten die Behörden mit Haftbefehl wegen Fahrens ohne Führerschein, der andere wurde erkennungsdienstlich behandelt. Später entließ die Polizei beide wieder.

Gegen 5 Uhr am frühen Morgen war der Einsatz auf der Freibeuter beendet. Ein Ermittlungsverfahren wegen Bedrohung mit einer Schusswaffe läuft, der Tatverdächtige bleibt aber vorerst verschwunden.

Trittbrettfahrer: Die Boote rund um die Freibeuter. Foto: Vergrößern
Trittbrettfahrer: Die Boote rund um die Freibeuter.

Seit Wochen gibt es Zwist zwischen Menschen, die schon lange auf der Freibeuter leben und Ankömmlingen, die hier ebenfalls unterschlüpfen wollen. "Die Freibeuter wurde mit sinkenden Temperaturen Anlaufpunkt für immer mehr Menschen, die in der Rummelsburger Bucht ihren Lebensmittelpunkt haben und alternative Lebens- und Wohnformen bevorzugen oder auch ungewollt 'auf der Straße' leben", schreiben die Aktivisten.

Stadt duldet ein Obdachlosencamp in Rummelsburger Bucht

Immer mehr Boote legten an und wollten über den Winter bleiben, heißt es in dem Eintrag. Anders als viele andere Schiffe biete die Freibeuter Heizmöglichkeiten, eine Küche, Toiletten und inzwischen auch Internet. In der Rummelsburger Bucht duldet die Stadt ein Camp von Wohnungslosen. Teilweisen sollen über 100 Personen hier unter Planen gelebt haben. Sozialarbeiter vom Träger Karuna kümmern sich um die Menschen und sind beinahe täglich vor Ort.

Wie berichtet, äußerte Karuna kürzlich Interesse an der Freibeuter, um an Bord ein Projekt für jugendliche Obdachlose zu entwickeln. Doch unter den Bewohnern des Schiffs herrscht anscheinend auch in diesem Punkt Uneinigkeit. Eigentlich sollte es am morgigen Donnerstag ein Treffen mit Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) und Karuna geben. Der Termin wurde jedoch abgesagt.

Die Stimmung auf dem Schiff ist gedrückt. "Wir waren guter Dinge, Lösungen zu finden", sagt der Mann, der die Polizei gerufen hat. Er lebt schon lange auf der Freibeuter, kann noch einen Mietvertrag mit den Vornutzern des Schiffes vorzeigen. Der Plan ist es, einen neuen Liegeplatz zu finden und das Schiff zu einer Sozialstation für Obdachlose umzubauen - etwa in Zusammenarbeit mit Karuna-Verein.

"Es gibt hier zu viele Parteien mit zu vielen unterschiedlichen Interessen", erzählt ein anderer Bewohner. Eigentlich sollte das Schiff am Dienstag aufgeräumt werden, für den Besuch der Politiker. Doch einige Leute haben einen Zugang zum oberen Bereich verbarrikadiert.

Die ursprünglichen Besetzer sind enttäuscht. Manche fürchten eine "Besetzung der Besetzung", wie es einer formuliert, und vor allem: eine baldige Räumung. Dann würde das Schiff wohl verschrottet werden.

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