Der Tiergarten wird zum Volksgarten

Verschönerungsplan. So nennt Lenné seinen Entwurf für den Tiergarten von 1832, auf dem er Knobelsdorffs schnurgerade Große Siegesallee mit mäandernden Wegen umlagert. Foto: Roland Handrick/SPSG
Peter Joseph Lenné Stadt, Park, Fluss

Szenenwechsel, Lennéstraße in Berlin-Tiergarten. Haus Nummer 1 an der Ecke Ebertstraße ist heute ein Büro- und Wohngebäude, einst stand hier die Dienstvilla von Peter Joseph Lenné, errichtet vom Architekten Persius. Als Lenné 1838 mit seiner Frau Friederike, Tochter des Hofgärtners Voss, zwei Papageien und zwei Neufundländern einzieht – das Paar hat keine Kinder –, heißt die Straße noch Thiergartenstraße. Ein Jahr später trägt sie Lennés Namen. Nun hat der Mann auch noch eine eigene Straße! Zu Lebzeiten!

Anfang Januar 2016 steht hier noch der Gitterzaun, der um die Jahreswende den gesamten Tiergarten umfasste – um den Zugang zur Silvester-Festmeile kontrollieren zu können, und um Schaden für den Park abzuwenden, wenn die erwarteten Massen hineinströmten. Jetzt aber wird der Park nur von wenigen Spaziergängern und Joggern genutzt. Klaus von Krosigk führt zur Luiseninsel im südlichen Teil unweit der Lennéstraße, weist auf eine der Informationstafeln, die überall im Park angebracht sind. Die Tafeln gibt es seit den 80er Jahren, damals war von Krosigk Chef der Berliner Gartendenkmalpflege, ein Amt, das erst mit seinem Dienstantritt 1978 geschaffen wurde. Ein Jahr, bevor Gärten in West-Berlin laut Gesetz Denkmäler werden konnten, zu jener Zeit ein Novum in der Bundesrepublik. Allerdings blieb von Krosigks Amt ein Intermezzo, seit seiner Pensionierung 2012 hat das Referat Gartendenkmalpflege keine eigene Spitze mehr.

Das Schild an der Luiseninsel zeigt ein Foto aus der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, das Luisen-Denkmal steht ziemlich verloren in einer ruinierten Einöde – von dem waldähnlichen Park, der jetzt hier aufragt, ist keine Spur. Nur 700 der 200.000 Bäume des Tiergartens hatten Krieg und Brennholzhunger der unmittelbaren Nachkriegszeit überstanden. Einer der raren Baumveteranen wächst heute südlich der Rousseauinsel, eine an die 250 Jahre alte Eiche. Noch 50 Jahre älter ist eine Eiche drüben auf der Nordseite am Carillon, an der fuhr noch der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I mit der Kutsche vorbei.

Der Tiergarten hat eine 500-jährige Geschichte, diente jedoch einst allein dem Vergnügen der Landesherren. Auch damals war er von einem Zaun eingefasst, allerdings nicht, um die feiernden Massen draußen zu halten, sondern um das Wild darin einzusperren. Er war das Jagdrevier der Hohenzollern: weit, aber nicht zu weit vor der Stadt, vom Schloss an der Spree noch bequem zu erreichen.

Erst als der letzte Kurfürst, der 1701 als Friedrich I erster König in Preußen wurde, seiner Frau Sophie Charlotte das Dorf Lietzow schenkte und zur kleinen Residenz Charlottenburg ausbauen ließ, fing man an, sich Gedanken um den Weg dorthin zu machen. Der war nämlich bei Hochwasser der Spree oft unpassierbar. Eine Straße musste her, quer durch den Tiergarten – die heutige Straße des 17. Juni, die freilich erst sehr viel später so breit wurde, als sich Hitlers Baumeister Albert Speer ihrer annahm.

Unter Friedrichs Sohn Friedrich Wilhelm I erreichte die Stadt den Pariser Platz, der 1732 angelegt wurde – ohne Brandenburger Tor, das kam erst 56 Jahre später. Obwohl selbst begeisterter Jäger, ließ Friedrich Wilhelm I den Zaun niederlegen und verfügte in der ihm eigenen Diktion: „Sol nichts gemacht werden, sol kein tirgarten mehr sein.“ Sein Sohn wiederum, der berühmte Friedrich der Große, ging noch einen Schritt weiter, er ließ den Tiergarten durch seinen Leibarchitekten Knobelsdorff zu einem Park für alle ausbauen. Inzwischen gab es an der heutigen John-Foster-Dulles-Allee auf Höhe der Kongresshalle eine Reihe von Festzelten, nach ihnen hieß die Straße Zeltenallee. Sie war die erste Feiermeile Berlins, der Partybezirk, auch wenn der noch vor der Stadt lag. Aber es machte den benachbarten Tiergarten noch beliebter.

Vielleicht erstmals in Europa versammelte sich hier keine höfische Gesellschaft zu einer „Fête galante“, wie von Krosigk in einem Buch über den Tiergarten ausführt, sondern „eine bürgerliche Gesellschaft, die sich selbstbewusst in ihrer freien Zeit durchaus handfesten Vergnügungen im Tiergarten hingab“. Gegrillt wurde nicht, Fußball spielte keiner, das Picknick war dagegen schon bekannt, ebenso Federball. Und nicht nur gutbürgerliche Kreise drängte es in die Natur, auch die Armen kamen. Was nicht verwundert, bezog doch ein Drittel der Berliner Bevölkerung zu Friedrichs Zeiten Armenunterstützung.

Nur konsequent, dass sich Lenné auch des Tiergartens annimmt, um ihn in einen Volksgarten umzugestalten, wie er das nennt. Er ist, wie Heinz Ohff, früher Kulturchef des Tagesspiegels, 1989 in seiner Lenné-Biografie schrieb, der letzte Romantiker unter den Gartengestaltern. Aber anders als seine Vorgänger, die für die oberen Zehntausend gärtnern, anders als der nur fünf Jahre ältere Fürst Pückler, sein großer Konkurrent, erkennt Lenné, dass sich mit wachsenden Großstädten ganz neue Aufgaben für die Landschaftsgestaltung stellen würden.

Aktiv im Tiergarten. Ab 1833 gestaltet Lenné das Gelände in einen "Volksgarten" um. Foto: Paul Zinken/dpa Vergrößern
Aktiv im Tiergarten. Ab 1833 gestaltet Lenné das Gelände in einen "Volksgarten" um. Er schreibt: "Es ist gewiß, daß geschirmte Plätze, welche zur Bewegung im Freien ermuntern und dieselbe begünstigen, zu den erheblichen Sanitäts-Anstalten einer Stadt gehören." © Paul Zinken/dpa

Bereits 1822 besucht er das längst viel weiter industrialisierte England. Von dort bringt er nicht nur die Idee für neue Blumenbuketts mit. Er ist auch mehr denn je überzeugt, dass der Mensch Licht, Luft und etwas Grün braucht. Er schreibt: „Es ist gewiß, daß geschirmte Plätze, welche zur Bewegung im Freien ermuntern und dieselbe begünstigen, zu den erheblichen Sanitäts-Anstalten einer Stadt gehören, deren Bevölkerung in engerem Raum zusammengedrängt ist.“

Mit der Idee, den Tiergarten umzugestalten, kann er beim König zunächst nicht landen. Generell begegnete der zu dieser Zeit herrschende Friedrich Wilhelm III. den Dynamiken der Zeit eher bedächtig. Die napoleonischen Kriege hatten das Land ruiniert, das alte Regime an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Den einzigen Ausweg verhießen vom König nur widerwillig genehmigte Reformen. Doch die Aufhebung von Leibeigenschaft und Frondienst, die Gewerbefreiheit, die Bildungsreformen, die Handelbarkeit von Grund und Boden setzten eine ungeheure Dynamik frei. Preußens industrielle Revolution kam spät, aber sie kam. Zwischen 1820 und 1848 verdreifacht sich die Bevölkerung Berlins auf 400.000, noch einmal 25 Jahre später wird die Millionengrenze erreicht sein – und die Zeit auch über Lenné hinweggehen.

Jetzt aber ist er der Modernisierer. In Magdeburg realisiert Lenné seinen ersten Volksgarten. Auftraggeber ist 1824 kein König und kein Fürst, sondern die Kommune. 1833 darf er endlich auch im Tiergarten ran, der, wo er nicht Schmuckanlage ist, mehr einem sumpfigen Wald ähnelt. An seinen Visionen von einem romantischen Landschaftsbild hält Lenné fest. Beim Spaziergang im Januar 2016 zeigt Klaus von Krosigk die Passage links und rechts der Stufenbrücke im südlichen Teil. Es sind vor allem die Wasserflächen im Tiergarten, die heute noch den Intentionen Lennés entsprechen. Wie von ihm gewollt und umgesetzt, vermag der Betrachter kaum zu entscheiden, ob er nun eine Insel vor sich hat oder das Ende des Wasserlaufs. Auf dem begrenzten Platz eines Parks ist das der Versuch, unendliche Landschaften zu suggerieren, unterstützt durch eine variantenreiche Uferbepflanzung, die nicht Spalier steht, sondern vor- und zurückspringt.

Die Gartendenkmalpfleger, die in den 1980er Jahren den Park restaurierten, standen vor der Aufgabe zu entscheiden, welchen Park man eigentlich wiederhaben wollte. „Das ist wie eine Schwarzwälder Kirschtorte mit acht Schichten“, sagt von Krosigk. Auch Lenné achtet bereits das Werk seiner Vorgänger, lässt etwa Knobelsdorffs schnurgerade Große Siegesallee wie sie war.

Vorbildlich integriert. Das von Schinkel erbaute Casino in Lennés Grünanlage im Park Glienicke. Foto: imago/Jürgen Ritter Vergrößern
Vorbildlich integriert. Das von Schinkel erbaute Casino in Lennés Grünanlage im Park Glienicke. © imago/Jürgen Ritter

Dieser Pragmatismus hat gute Gründe. Die Menschenmassen, die sich schon im 19. Jahrhundert an schönen Tagen im Tiergarten einfinden, kann man nicht nur über brezelartig verschlungene Pfade flanieren lassen. Lenné wird im Alter ohnehin kompromissbereiter, als er es in seinen ersten Entwürfen noch ist, verschmäht auch barocke Blumenbuketts nicht, sondern schätzt sie „als Schmuckelement auf der Wiese wie eine Brosche auf der Seidenbluse“, wie von Krosigk heute sagt. Überhaupt die Wiesen. Unmittelbar vor einem Schloss wie in Glienicke, als sogenannter Pleasureground, dürfen sie grün sein wie ein Teppich. Ansonsten haben sie bunt zu sein, durchsetzt mit Wiesenblumen. Und beschattet von kleinen Baumgruppen. Die Wiesen im heutigen Tiergarten, sie dürften Lenné viel zu groß gewesen sein, laufen sie doch Gefahr, in der Sonne zu schnell zu verdorren.

Berlins erste richtige Volksparks, ausschließlich geplant und angelegt zum Nutzen der Bürger, wird dann allerdings nicht Lenné verwirklichen. Im Fall des Tiergartens zermürbt ihn das ständige Hickhack um Kosten und Einsprüche der Verwaltung – er droht sogar mit Kündigung. Auch wenn er an den ersten Entwürfen beteiligt ist, es wird sein Meisterschüler und wichtigster Mitarbeiter Gustav Meyer sein, auf den Berlins älteste echte Volksparks zurückgehen: der Park am Friedrichshain mit dem ersten Spielplatz, der Park am Humboldthain und der Treptower Park mit der ersten Rasenfläche, die ganz offiziell betreten werden darf. Auch den Viktoriapark, mit dem sich Lenné bereits beschäftigt hat, werden andere anlegen.

Lenné selbst wendet sich einem neuen Feld zu: der Stadtplanung. Dazu gehören infrastrukturelle Maßnahmen wie die Anlage des Landwehrkanals zur Entwässerung des Sumpflands und zur Entlastung der Spree. Er schlägt vor, den Verlauf dem vorhandenen Schafgraben folgen zu lassen, weshalb der Kanal zwischen Klingelhöferstraße und Kottbusser Damm eher einem mäandernden Fluss als einer künstlichen Wasserstraße gleicht. Und natürlich wird die Uferbepflanzung ebenso sorgfältig geplant wie beim ebenfalls von Lenné entworfenen Luisenstädtischen Kanal zwischen Urbanhafen und Spree. Der Kanal wurde in den 1920er Jahren wieder zugeschüttet, nur das Engelbecken ist inzwischen wiederhergestellt. Lenné entwirft auch ein Ringstraßensystem aus begrünten Alleen, die der Stadterweiterung eine Form geben sollen, damit sich nicht nur ein endloses Häusermeer ausbreitet. Dazwischen plant er begrünte Plätze, eine Idee, die er ebenfalls aus London mitgebracht hat. Ausdrücklich lobt er die Squares dort als wohnortnahes Grün für Menschen, die nicht die Mittel haben, ins echte Grün zu fahren.

Doch 1861, mit dem Tod seines letzten königlichen Gönners Friedrich Wilhelm IV., dem er einst Charlottenhof entworfen hat, verliert er zunehmend den Kontakt zum Hof. Auf dem Thron sitzt nun Wilhelm I., der sich seinen Babelsberger Park eben nicht von Lenné, sondern – große Potsdamer Ausnahme – von Fürst Pückler hat gestalten lassen. Die einzige Allee, die in Berlin nach Lennés Vorstellungen realisiert wird, ist der sogenannte Generalszug mit der Gneisenaustraße vom Südstern, über Yorck-, Blücher- und Kleiststraße bis zum Wittenbergplatz. Aber auch da kann er sich nicht mehr richtig durchsetzen, wie man am Knick der Yorckstraße bis heute sehen kann.

Luftbild nach Lenné. Er gestaltete auch den gewundenen Lauf des Landwehrkanals (oben im Bild). Grafik: Tsp/Bartel Vergrößern
Luftbild nach Lenné. Er gestaltete auch den gewundenen Lauf des Landwehrkanals (oben im Bild). © Grafik: Tsp/Bartel

Wahrscheinlich liegt es nicht nur daran, dass Lenné den Zugang zum königlichen Hof verloren hat. Vielmehr sieht er zwar voraus, welch neue Bedeutung Grünflächen in der Stadt zukommt. Dabei unterschätzt er jedoch die rasante Dynamik, die die liberalisierte Wirtschaft entfesselt, und den ungeheuren Verwertungsdruck, der nun auf Grund und Boden lastet. Nicht der ehemalige Hofgärtner Lenné, sondern der Abwasserexperte James Hobrecht plant dann die Stadterweiterung mit ihren Mietskasernen, die im ausgehenden 19. Jahrhundert die Stadt zu prägen beginnen.

Der Gartenbau, in Lennés jungen Jahren noch eine höfische Kunst, gerät darüber zur Dekoration, der man je nach Kassenlage mal mehr, mal weniger Platz einräumt – bis heute. Zu beobachten am rasanten Personalabbau der letzten 20 Jahre in den Gartenbauämtern Berlins, die inzwischen Straßen- und Grünflächenämter heißen.

Diese Entwicklung kann Lenné nun wirklich nicht voraussehen. Ihm wird nach seinem Tod am 23. Januar 1866 noch eine Art Staatsbegräbnis zuteil. Vorneweg wird ein Kranz mit 50 Silberblättern getragen, ein jedes trägt den Namen eines seiner Werke. Eine hübsche Geste. Aber 50 waren eigentlich ein bisschen wenig.

Im Zuge des Lenné-Jahres gibt es zahlreiche Veranstaltungen in und um Berlin. So findet etwa gleich am heutigen Sonnabend um 11 Uhr ein Festakt zum 200. Jubiläum des Parks Glienicke ebenda statt (Eintritt frei). Am 23. Februar liest der Schauspieler Reinhard Scheunemann im Gutshaus Steglitz aus dem Buch „Peter Joseph Lenné“ von Heinz Ohff (10 €, erm. 8 €, Anmeldung unter 707 600 84). Hier finden im Jahresverlauf noch zahlreiche Veranstaltungen statt, etwa über den Bildungsbürger Lenné (5.10., Eintritt frei). Das Jahr beschließt am 25. November die Verleihung des Peter-Joseph-Lenné-Preises, einem Nachwuchs-Ideenwettbewerb zur Garten- und Landschaftsarchitektur, in der Akademie der Künste. Mehr Informationen auf der offiziellen Homepage des Lenné-Jahres unter www.peter-joseph-lenne.de

Dieser Text erschien zunächst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

Zur Startseite