Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Medizinisches Personal in Weißrussland beim Transport einer Patientin mit dem Coronavirus. Foto: REUTERS/Vasily Fedosenko
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Pandemie-Szenario der Regierung „Die medizinische Versorgung bricht bundesweit zusammen“

Noch ist unklar, wie die Coronavirus-Pandemie weiter verlaufen wird. Eine Risikoanalyse der Bundesregierung von 2012 zeigt aber: Die Behörden waren gewarnt.

Sieben Millionen Tote binnen drei Jahren, Engpässe bei Lebensmitteln und ein Gesundheitssystem, das so überlastet ist, dass Menschen nicht versorgt werden können und sterben.

So steht es in einer „Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz“ der Bundesregierung aus dem Jahr 2012, dem Bundestag vorgelegt Anfang 2013. Es geht darin auch um eine Pandemie, ausgelöst durch einen fiktiven Virus.

Das Szenario, das deutliche Parallelen, aber auch Unterschiede zu der aktuellen Entwicklung aufweist, zeigt: Die Behörden in Bund und Ländern hätten vorbereitet sein können, noch bevor das Coronavirus in Deutschland aufgetreten ist – oder spätestens beim ersten Fall.

Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmer werden jetzt abgesagt – fast eineinhalb Monate nach dem ersten Fall in Deutschland. Die Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter ins Homeoffice, die Wirtschaft leidet, Fußballspiele vor leeren Rängen, in anderen Ligen der Abbruch der Saison.

Universitäten verschieben der Start des Sommersemesters. Und die Bundesregierung lockert das Verbot von Sonntagsarbeit und Lkw-Fahrten am Sonntag, um die Versorgung sicherzustellen. Obendrein wird Schutzausrüstung zentral vom Bund beschafft, neue Intensivstationen werden eingerichtet.

Darum ist das Ergreifen von frühen Maßnahmen so wichtig: Hintergrund zur Ausbreitung des Coronavirus - #flattenthecurve Grafik: Tagesspiegel/Katrin Cremer Vergrößern
Gelingt es, die Ausbreitung eines Virus zu verlangsamen, würden zwar gleich viele Menschen infiziert, allerdings über einen längeren Zeitraum hinweg. So ließe sich der Zusammenbruch des Gesundheitssystems vermeiden. © Grafik: Tagesspiegel/Katrin Cremer

Der FDP-Bundestagsabgeordnete und Virologe Andrew Ullmann sagt mit Blick auf die sich ausbreitende Corona-Pandemie und die Risikoanalyse von 2012: „Da hat man schon ein Déjà-vu-Erlebnis.“

Vom Virus nicht überrascht

Dass damals die Pandemiepläne nicht angepasst worden seien, hält Ullmann für ein Versäumnis. Er kritisiert, dass die Behörden erst jetzt tätig geworden sind.

[Was der Virologe Andrew Ullmann mit Blick auf Risiken bei einem Impfmittel, Impfpflicht gegen Influenza und Medikamente gegen das Coronavirus sagt, lesen sie am Morgen im Tagesspiegel Background Gesundheit & E-Health. Das Entscheider-Briefing können Sie hier bestellen: background.tagesspiegel.de/gesundheit]

Im Gegensatz zum Coronavirus werden die Behörden im Szenario vom Virus regelrecht überrascht. Die Entdeckung des Erregers wird den deutschen Behörden in dem Modell erst wenige Tage vor dem ersten Krankheitsfall in Deutschland bekannt.

Beim Coronavirus gab es dagegen einen längeren Vorlauf von mehreren Wochen, das Zeitfenster für entschiedenes Handeln war also größer.

In der Risikoanalyse ist detailliert beschrieben, welche Folgen eine derartige Pandemie wie die jetzt anlaufende aller Wahrscheinlichkeit nach haben könnten. Zwar wird das Szenario als „bedingt wahrscheinlich“ beschrieben, „das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 100 bis 1.000 Jahren“ auftritt. Aber in nicht wenigen Details liegt die Analyse erstaunlich nahe bei den aktuellen Entwicklungen durch das Coronavirus.

Hintergrund über das Coronavirus:

Erstellt wurde die Risikoanalyse „Pandemie durch Virus Modi-SARS“ federführend vom Robert Koch-Institut. „Weitere Bundesbehörden waren beteiligt, darunter die Bundesämter für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, für Sicherheit in der Informationstechnik, Technisches Hilfswerk, Bundesnetzagentur und Bundeswehr.

Anlass für das Szenario war das Sars-Virus im Jahr 2003

In dem Szenario geht es um einen Sars-ähnlichen Virus – vor dem Hintergrund, dass ein Sars-Virus „2003 sehr unterschiedliche Gesundheitssysteme schnell an ihre Grenzen gebracht hat“, wie es in dem 88-Seiten-Papier heißt.

„Das Szenario beschreibt eine von Asien ausgehende, weltweite Verbreitung eines hypothetischen neuen Virus.“ Der Name: Modi-Sars-Virus. „Der Erreger stammt aus Südostasien, wo der bei Wildtieren vorkommende Erreger über Märkte auf den Menschen übertragen wurde.“

Foto: Tagesspiegel/Rita Böttcher Vergrößern
© Tagesspiegel/Rita Böttcher

Angenommen wird, dass mehrere Personen nach Deutschland gereist sind. Im Unterschied zur aktuellen Coronavirus-Pandemie gab es im Szenario vorher keine offizielle Warnung der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Und in Asien wäre die Dimension in diesem Szenario erst einige Wochen zu spät erkannt worden. Insbesondere durch zwei Infizierte mit zahlreichen Kontaktpersonen wird das Virus in Deutschland schnell verbreitet.

„Obwohl die laut Infektions­schutzgesetz und Pandemieplänen vorgesehenen Maßnahmen durch die Behörden und das Gesundheitssystem schnell und effektiv umgesetzt werden, kann die rasche Verbreitung des Virus aufgrund des kurzen Intervalls zwi­schen zwei Infektionen nicht effektiv aufgehalten werden“, heißt es in der Studie. 

Es ist mit drei Erkrankungswellen zu rechnen

Absonderung, Isolierung und Quarantäne von Infizierten seien nur begrenzt wirksam, da die Patienten schon bei den ersten Symptomen ansteckend sind. „Eine Übertragung findet insbesondere über Haushaltskontakte und im Krankenhausumfeld, aber auch in öffentlichen Transportmitteln, am Arbeitsplatz und in der Freizeit statt“, heißt es in der Analyse.

Die Verfasser rechnen in dem Szenario mit drei Erkrankungswellen. Allein im Zuge der ersten Welle wären sechs Millionen Menschen erkrankt.

„Das Gesundheitssystem wird vor immense Herausforderungen gestellt, die nicht bewältigt werden können“, wird in der Risikoanalyse gewarnt.

Am Ende der mehrere Monate dauernden ersten Infektionswelle wäre für Berlin als Ballungsraum die höchste Anzahl an Erkrankten zu verzeichnen.

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© Rita Böttcher

Nach Abklingen der ersten Welle gibt es demnach zwei weitere, schwächere Wellen, bis drei Jahre nach dem Auftreten der ersten Erkrankungen ein Impfstoff verfügbar ist. Grund für die weiteren Welle: Auch Personen, die die Krankheit „durchlebt“ haben, werden zunächst immun, dann aber wieder anfällig: Weil das Virus mutiert.

Hohe Opferzahlen, gravierenden Auswirkungen

Die Pandemie würde also über einen sehr langen Zeitraum anhalten, es sei „mit immens hohen Opferzahlen und gravierenden Auswirkungen“ auf Mensch, Volkswirtschaft, öffentliche Sicherheit und Politik zu rechnen, heißt es in den Papier der Bundesregierung.

Die in der Risikoanalyse angenommen hypothetische Krankheit hat Ähnlichkeiten mit den Covid-19-Erkrankungen. Die Symptome sind: Fieber, Husten, Übelkeit, Lungenentzündung.

Grundsätzlich sei vor allem in Ballungsräumen wie Berlin wegen der hohen Bevölkerungsdichte, der hohe Mobilität und verbreiteten Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs mit höheren Erkrankungszahlen zu rechnen. Jeder Infizierte würde drei Personen anstecken: Es dauere drei Tage bis zur nächsten Ansteckung.

Die Pandemie verlangsamt sich durch überstandene Erkrankungen, verstorbene Patienten sowie Maßnahme wie Isolation und Quarantäne. Geeignet seien aber auch Schulschließungen und Absagen von Großveranstaltungen.

Intensivstationen reichen nicht aus für alle

In dem Szenario beginnen die „antiepidemischen Maßnahmen“ jedoch erst, „nachdem zehn Patienten in Deutschland an der Infektion verstorben sind“. Effektiv seien Maßnahmen „zwischen Tag 48 und Tag 408“ nach Tag 1 mit zehn Infizierten.

Die erste Pandemiewelle hätte an Tag 300 ihren Scheitelpunkt erreicht. Dann wären sechs Millionen Menschen, acht Prozent der Bevölkerung, gleichzeitig erkrankt, davon müssten zur gleichen Zeit 4,1 Millionen Menschen in Krankenhäusern behandelt werden, 1,1 Millionen sogar auf Intensivstationen.

Die Studie zeigt auch, dass jedes Nachlassen bei den Vorkehrungen gegen eine Infektion kontraproduktiv ist. Weniger Menschen erkranken zunächst, weil jeder seinen Eigenschutz verstärkt.

Das lässt durch den Rückgang der Infizierungen – die Folge: Mehr Menschen stecken sich an und erkranken.

Bei beiden folgenden Infektionswellen fallen kleiner aus. Am zweiten Scheitelpunkt, am Tag 520, sind es 300 Millionen Infizierte. Zwei Millionen Menschen sind in einer Klinik, 600.000 müssen intensivmedizinisch behandelt werden.

Auf dem Höhepunkt der dritten und letzten Welle sind es dann drei Millionen Infizierte, davon sind 1,6 Millionen, etwas mehr als die Hälfte hospitalisiert. 400.000 Menschen haben Bedarf an Behandlung per Intensivmedizin.

Hier geht es in die Quarantäne. Foto: Tom Weller/dpa Vergrößern
Hier geht es in die Quarantäne. © Tom Weller/dpa

In der Risikoanalyse sind das Virus und seine Verbreitung eine reine Hypothese. Dennoch geben die Zahlen Auskunft darüber, wovon die Behörden auch beim aktuellen Coronavirus ausgehen können.

Über den Zeitraum der ersten Welle bis Tag 411 erkranken „insgesamt 29 Millionen“ Menschen in Deutschland, im Verlauf der zweiten Welle bis Tag 692 „insgesamt 23 Millionen“ und während der dritten Welle bis Tag 1052, also nach fast drei Jahren“, insgesamt 26 Millionen Menschen in Deutschland“.

Die Bundesregierung rechnet mit mindestens 7,5 Millionen Toten

Die Studie geht von mindestens 7,5 Millionen Toten als direkte Folge der Infektion aus. Zusätzlich würde die Sterblichkeit von Modi-Sars-Erkrankten steigen, ebenso von Pflegebedürftigen und Menschen, die an anderen Krankheiten leiden.

Denn die Menschen können, so steht es in der Risikoanalyse, „aufgrund der Überlastung des medizinischen und des Pflegebereiches keine adäquate medizinische Versorgung beziehungsweise Pflege mehr erhalten“.

In dem Szenario wird eine hohe Sterblichkeit angenommen. Zehn Prozent der Erkrankten kämen zu Tode. Und die Beschreibungen zum Gesundheitssystem im Szenario ähneln den derzeitigen Zuständen in Italien.

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„Die enorme Anzahl Infizierter, deren Erkrankung so schwerwiegend ist, dass sie hospitalisiert sein sollten beziehungsweise im Krankenhaus intensivmedizinische Betreuung benötigen würden, übersteigt die vorhandenen Kapazitäten um ein Vielfaches“, heißt es in der Risikoanalyse.

Und weiter: „Dies erfordert umfassende Sichtung und Entscheidungen, wer noch in eine Klinik aufgenommen werden und dort behandelt werden kann und bei wem dies nicht mehr möglich ist. Als Konsequenz werden viele der Personen, die nicht behandelt werden können, versterben.“

Und die an der Risikoanalyse beteiligten Behörden haben auch Zweifel, wie weit sie mit Warnung an die Bevölkerung durchdringen können, etwa Hygieneregeln zu befolgen, Massenansammlungen und den öffentlichen Nahverkehrt zu meiden.

Und die Verfasser der Studie wussten schon 2013, was alles schieflaufen kann, auch das hätten die Behörden wissen können: „Es ist anzunehmen, dass die Krisenkommunikation nicht durchgängig angemessen gut gelingt.

So können beispielsweise widersprüchliche Aussagen von verschiedenen Behörden/Autoritäten die Vertrauensbildung und Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen erschweren.“

Für die verschiedenen Bereiche von Staat und Wirtschaft sind in der Studie die Risiken für verschiedene Bereiche aufgelistet. An einigen Stellen wird aus der Risikoanalyse wörtlich zitiert, um das Ausmaß deutlich zu machen.

Die Folgen der Pandemie für den Bereich Gesundheit

  • Die steigende Zahl von Patienten stellt die Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte vor immense Probleme. „Die medizinische Versorgung bricht bundesweit zusammen. Die personellen und materiellen Kapazitäten reichen nicht aus, um die gewohnte Versorgung aufrecht zu erhalten.“
  • „Der aktuellen Kapazität von 500.000 Krankenhausbetten (reine Bettenanzahl, von denen ein Teil bereits von anders Erkrankten belegt ist, die Bettenzahl ließe sich durch provisorische Maßnahmen leicht erhöhen) stehen im betrachteten Zeitraum (1. Welle) mehr als vier Millionen Erkrankte gegenüber, die unter normalen Umständen im Krankenhaus behandelt werden müssten.“
  • „Der überwiegende Teil der Erkrankten kann somit nicht adäquat versorgt werden, so dass die Versorgung der meisten Betroffenen zu Hause erfolgen muss. Notlazarette werden eingerichtet.“
  • „Auch im Gesundheitsbereich kommt es zu überdurchschnittlich hohen Personalausfällen (z.B. aufgrund erhöhter Ansteckungsgefahr, psycho-sozialer Belastungen) bei gleichzeitig deutlich erhöhtem Personalbedarf.“
  • „Arzneimittel, Medizinprodukte, persönliche Schutzausrüstungen und Desinfektionsmittel werden verstärkt nachgefragt. Da Krankenhäuser, Arztpraxen und Behörden in der Regel auf schnelle Nachlieferung angewiesen sind, die Industrie die Nachfrage jedoch nicht mehr vollständig bedienen kann, entstehen Engpässe.“
  • „Aufgrund der hohen Sterberate stellt auch die Beisetzung der Verstorbenen eine große Herausforderung dar (Massenanfall an Leichen, Sorge vor Infektiosität).
  • Ein Impfstoff wird erst nach etwa drei Jahren verfügbar sein. „Die Bestände an Arzneimitteln zur Behandlung der Symptome reichen zunächst aus, Ersatzbeschaffungen werden zeitnah geordert, jedoch stößt die internationale Pharmaindustrie an die Grenzen der Produktionskapazität.“

Die Folgen der Pandemie für Ernährungswirtschaft und Lebensmittelhandel

  • Produktion von und Versorgung mit Lebensmitteln sowie Waren des täglichen Bedarfs ist nicht in gewohnter Menge und Vielfalt möglich.
  • „Mit Ladenschließungen ist zu rechnen, jedoch nicht flächendeckend. (…) Die Individualversorgung ist regional jedoch mitunter stark eingeschränkt.“
  • Engpässe durch Personalausfall können nur zum Teil kompensiert werden. Die Versorgung von. Krankenhäuser und Altenheimen kann grundsätzlich aufrechterhalten werden.
  • Die Virusausbreitung führt im Agrarsektor vor allem in kleinen und mittleren mitunter zu deutlichen Verlusten.
  • Personalausfall in der verarbeitenden Lebensmittel-Industrie hat in Spitzenzeiten, etwa zur Ernte erhebliche Auswirkungen.

Die Folgen der Pandemie für Staat und Verwaltung

  • „Engpässe in Regierung und Verwaltung können durch Anpassungen abgefangen werden. Nicht dringliche und nicht existenzielle Aufgaben werden nur noch nachrangig behandelt, sodass insbesondere die Bereiche öffentliche Sicherheit und Ordnung und Soziales auf ausreichende Personalkapazitäten zurückgreifen können.“
  • Bundestag und Länderparlamente können weiterarbeiten, ebenso – trotz Personalengpässen – können Einrichtungen der Justiz „sicher geführt werden“.
  • Notfall- und Rettungswesen sowie Katastrophenschutz: „Aufgrund der flächendeckenden und langandauernden Lage werden alle Kräfte des deutschen Notfall- und Rettungswesens einschließlich des Katastrophenschutzes stark beansprucht. Auch die Hilfeleistungspotentiale des Bundes (zum Beispiel Technisches Hilfswerk, Bundespolizei, Bundeswehr) werden in allen Bereichen unterstützend eingesetzt.“
  • „Trotz maximalen Einsatzes können die Aufgaben vor allem während der Höhepunkte der Erkrankungswellen nicht bewältigt werden. Die Mobilisierung der ehrenamtlichen Potentiale gelingt nur unzureichend, zumal es in dem hauptsächlich ehrenamtlich getragen Hilfeleistungssystem Deutschlands zu Interessenkonflikten kommt.“

Die Folgen der Pandemie für Energie, Telekommunikation, Wasser, Müll

  • Die Versorgung mit Strom, Gas und Mineralöl kann grundsätzlich aufrechterhalten werden. Gleich gilt für Telefon, Mobilfunk, Internet sowie die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung. Allerdings kommt es zu erheblichen Problemen bei der Müllabfuhr.

Die Folgen der Pandemie für Transport und Verkehr

  • Im Luftverkehr kommt es bei Fracht- und Personenflügen zu Einschränkungen. Flüge werden gestrichen, weil Service und Sicherheitspersonal erkrankt, fällt Personal bei Airlines und an Flughäfen aus. Aber auch die Nachfrage sinkt. Die See- und Binnenschifffahrt wird hingegen nur leicht beeinträchtig.
  • Im Bahnverkehr fallen Verbindungen aus, „es kommt zu Verzögerungen im Betriebsablauf“. Pendler kommen teils nicht mehr per Bahn zur Arbeit – ausgeglichen wird dies teilweise, weil immer mehr Menschen die Bahn meiden.
  • Der Straßenverkehr nimmt zu, es kommt „vermehrt zu Verkehrsstörungen und Kapazitätsengpässen im Straßenverkehr“.
  • Probleme gibt es in der Logistik-Branche: Ausfälle an einzelnen Punkten in den Lieferketten multiplizieren sich aufgrund der komplexen Abhängigkeiten. Personalausfälle führen teils zu erheblichen Einschränkungen und zur Unterbrechung von Lieferketten. Das wirkt sich auf Produktionsprozesse aus. Teils muss in der Logistik dem Transport von Lebensmitteln und Energieträgern Priorität eingeräumt werden.

Die Folgen der Pandemie für den Finanzsektor

  • Bei Banken, Börsen, Versicherungen und Finanzdienstleistern ist die „Arbeitsfähigkeit gegeben“.

Die Folgen der Pandemie für Medien und Kultur

  • Die Medien können die Berichterstattung weiter aufrechterhalten. Personalengpässe werden abgefedert durch Fokussierung auf unmittelbare Berichterstattung über das Nachrichtengeschehen.
  • In den Bereichen Kultur, Sport und Unterhaltung werden die Kapazitäten reduziert.

Im Pandemie-Szenario werden auch die Folgen für die Wirtschaft und den Staat als sogenannte Schutzgüter bewertet – und die sind gravierend. In der Risikoanalyse werden die Auswirkungen auf die Volkswirtschaft, die öffentlichen Hand, Sicherheit und Ordnung, Politik und Bevölkerung untersucht.

Die Folgen der Pandemie für Wirtschaft, Sicherheit, Politik und Bevölkerung

Volkswirtschaft

  • Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen sind zwar konkret abschätzbar, könnten allerdings immens sein. Weil mit 7,5 Millionen Toten ausgegangen wird, ist auch damit zu rechnen, dass Erwerbstätige sterben.
  • Sollten etwa „vier Millionen Erwerbstätige versterben, wären dies circa zehn Prozent aller Erwerbstätigen, dieser Verlust wäre volkswirtschaftlich deutlich spürbar und mit einem hohen Einbruch des Bruttoinlandprodukts verbunden“.

Öffentliche Hand

  • Auf Staat und Verwaltung kommen hohe Kosten zu, etwa durch den Verbrauch von medizinischem Material und Arzneimitteln sowie durch die Entwicklung und Beschaffung eines Impfstoffes.
  • „Durch den Ausfall von Wirtschaftsleistung sind geringere Steuereinnahmen zu erwarten. Dies führt in Verbindung mit dem Anstieg der Gesundheitskosten voraussichtlich zu einer erheblichen Belastung der Sozialversicherungssysteme, vor allem der gesetzlichen Krankenversicherung.“

Privatwirtschaft

  • Es ist mit Einbußen bei der wirtschaftlichen Leistung zu rechnen – wegen hoher Krankenstände und wegen Todesfällen in den Belegschaften.
  • Weil die Unternehmen Anpassungsmaßnahmen treffen müssen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten, entstehen hohen Kosten – etwa für Transport und Logistik, wegen Einschränkungen beim Transport von Waren und weil sich andere Unternehmen und die Bevölkerung beim Konsum und Investitionen zurückhalten.
  • Hinzu kommen Einschränkungen des internationalen Handels, Flug- und Reiseverkehrs durch die Behörden. Der Tourismus geht zurück.  
  • Unternehmen können die Auswirkungen der Pandemie selbst bei guter Planung und Vorbereitung möglicherweise nicht mehr kompensieren. „Dies kann sogar dazu führen, dass weltweit Produktionsketten zum Erliegen kommen.“
  • „Mit Blick auf vielfältige internationale Verflechtungen sind auch Versorgungsleistungen aus anderen Ländern für Deutschland von großer Bedeutung. Zahlreiche Güter und Dienste werden weltweit von nur wenigen Schlüsselproduzenten bereitgestellt. Somit könnten Ausfälle im Bereich importierter Güter und Rohstoffe auch in Deutschland zu spürbaren Engpässen und Kaskadeneffekten führen.“

Privathaushalte

  • „Für private Haushalte, in denen erwerbstätige Personen durch das Ereignis sterben oder arbeitsunfähig werden, ist mit entsprechend schweren wirtschaftlichen Auswirkungen zu rechnen.“

Öffentliche Sicherheit und Ordnung

  • Die Verunsicherung der Bevölkerung wirkt sich auf die öffentliche Sicherheit und Ordnung aus. Die Auswirkungen sind aber nur schwer abzuschätzen, sie sind abhängig von verschiedenen Faktoren, etwa wie die Behörden handeln und kommunizieren, wie die Medien berichten.
  • „Im vorliegenden Szenario wird davon ausgegangen, dass die Mehrheit der Bevölkerung sich solidarisch verhält und versucht, die Auswirkungen des Ereignisses durch gegenseitige Unterstützung und Rücksichtnahme zu verringern. Ähnlich solidarische Verhaltensweisen wurden vielfach bei anderen Extremsituationen beobachtet.“
  • „Gleichwohl ist es nicht auszuschließen, dass eine zunehmende Verunsicherung und das Gefühl, durch die Behörden und das Gesundheitswesen im Stich gelassen zu werden, aggressives und antisoziales Verhalten fördert.“
  • Die Folge konnte bestimmte Kriminalitätserscheinungen sein, etwa Einbrüche und Diebstähle, um an Medikamente heranzukommen, aber auch Plünderungen und Vandalismus, Handel mit gefälschten Medikamenten sowei Aktionen gegen Behörden oder Gesundheitseinrichtungen. Dies alles könnte etwa geschehen, wenn sich Menschen bei der medizinischen Behandlung ungerecht behandelt fühlen oder wenn sie in der Plünderung die einzige Möglichkeit sehen, die eigene Familie zu versorgen.
  • Möglich ist auch, dass die Menschen den Anweisungen von Polizei und anderen Behörden nicht mehr folgen – oder Vertretern der Behörden gegenüber aggressiv auftreten. Aus Angst vor Ansteckung sind größere Ausschreitungen aber nicht zu erwarten.

Politik

  • Auch in diesem Abschnitt des Szenarios kommt die Entwicklung der vergangene Wochen in den Sinn: „Der Ruf nach einem schnellen und effektiven Handeln der Behörden wird früh zu vernehmen sein. Die Suche nach Schuldigen und die Frage, ob die Vorbereitungen auf das Ereignis ausreichend waren, dürften noch während der ersten Infektionswelle aufkommen.“
  • „Ob es zu Rücktrittsforderungen oder sonstigen schweren politischen Auswirkungen kommt, hängt auch vom Krisenmanagement und der Krisenkommunikation der Verantwortlichen ab.“

Bevölkerung

  • Die Menschen werden verunsichert. „Zu Verhaltensänderungen kann es kommen, wenn Menschen sich bedroht fühlen.“ Es ist zu erwarten, dass die Bürgerinnen und Bürger Menschenmassen und das öffentliche Leben meiden, den Wohnort verlassen, häufiger bei Info-Hotlines anrufen, zum Arzt gehen und ihr Kaufverhalten ändern.
  • „Darüber hinaus kann eine mangelhafte Information der Bevölkerung seitens der Behörden zu einem gesteigerten Misstrauen gegenüber staatlichem Handeln führen.“ Das gilt etwa, wenn bekannt wird, dass Patienten nach bestimmten Prioritäten wie Überlebenschance behandelt werden, „ohne dass hierfür eine plausible Begründung gleichzeitig sachgerecht kommuniziert wird“.

Das gesamte Dokument "Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012" samt Risikoanalyse „Pandemie durch Virus Modi-Sars“ können Sie nachlesen in der Dokumentation des Bundestages unter diesem Link.

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