Rapper Anoki ist froh, wenn das Geld für den Proberaum reicht. Bei der Fête de la Musique tritt er in Lichtenberg auf. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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Open-Air-Festival in Berlin Lichtenberg jazzt bei der Fête de la Musique

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Mittwochabend geht's los, Donnerstag wird offiziell die 24. Fête de la Musique gefeiert. Diesmal steht Lichtenberg im Fokus – ein musikalisches Bezirksporträt.

In der Allee der Kosmonauten teilen sich zwölf Bands eine ehemalige Fabrikhalle. Der Rapper Anoki ist hier in Lichtenberg trotzdem glücklich, obwohl der Proberaum „schrecklich“ sei. Abgelegen, schmuddelig – aber Hauptsache, es gibt Strom. „Musik ist für mich das Einzige, was Sinn macht“, sagt er. Früher hat sich der 24-Jährige den Raum mit den Rappern der Antilopen Gang geteilt, doch die wurden erfolgreich und proben nun an einem schöneren Ort. Bis es bei ihm selbst soweit sein wird, hat Anoki noch etwas Arbeit vor sich: Zunächst einmal wird er bei der Fête de la Musique am 21. Juni auftreten.

Den Schwung will er nutzen und danach alle zwei Wochen einen neuen Song veröffentlichen. Für einen gemeinsamen Track hat er Blimes, eine Rapperin aus Los Angeles, gewinnen können. Anokis Lyrics sind kapitalismuskritisch. „Gewonnen heißt heute nicht mehr Glück, sondern was du an Geld gemacht hast“, rappt er. Für ihn zählt, dass es für den Proberaum reicht. Es sei nicht allzu lange her, da habe er die Miete dafür noch in einem Umschlag unter einer Tür durchschieben müssen. Mittlerweile proben immer mehr Bands in dem Haus, das Ganze ist offiziell geworden.

Nur wenige, die hier proben, leben auch in Lichtenberg

Lichtenberg steht im Fokus der diesjährigen Fête de la Musique. Die neuen Organisatoren möchten den Blick langfristig auf Bezirke lenken, an die man nicht sofort denkt, wenn es um Musik geht. Deswegen geht es hier auch schon einen Tag vor der eigentlichen Fête los mit dem Auftaktkonzert im Theater an der Parkaue (siehe Tipps unten). Kultursenator Klaus Lederer (Linke) soll das Festival dort eröffnen, danach steigen zahlreiche Bands auf die Bühne des Jugendtheaters.

Am 21. Juni, dem Tag der Fête, an dem rund 100.000 Festivalbesucher erwartet werden, soll sich in Lichtenberg nach außen kehren, was sonst im Inneren, zwischen Plattenbauten und Industrielandschaften, verborgen bleibt. Denn Lichtenberg rockt, jazzt und funkt schon lange. Man hört es nur kaum, denn die Proberäume sind gut isoliert. In Lichtenberg proben viele Neuköllner Straßenmusiker und Kreuzberger Kneipenbands.

Allein im Rockhaus in der Buchberger Straße teilen sich mehr als 1000 Musiker Proberäume oder unterrichten hier – und eigentlich sollte die Fête auch hier stattfinden, in einem der größten Proberaum-Komplexe Deutschlands. Doch der Rockhaus-Betreiber sagte kurzfristig ab: Ein Streit mit dem Hauseigentümer. Es geht um zusätzliche Geldforderungen von 500 Euro, sollten im Rockhaus am 21. Juni Auftritte stattfinden. Einige Rockhaus-Bands werden trotzdem auftreten, verteilt in der ganzen Stadt.

Dabei hätte eine Rockhaus-Bühne dem Bezirk gut getan: Nur wenige der Musiker, die dort proben, wohnen in Lichtenberg. Auch die Bandmitglieder von Shirley & Don pendeln aus anderen Bezirken zum Rockhaus. Das nerve zwar etwas, erzählt Sänger Alex, aber mit so vielen Bands in einem Haus zu proben sei großartig, da könne man schnell Kontakte schließen.

Ein "zweites Wohnzimmer"

Lichtenbergs wohl bekanntester Musikexport heißt Paul Kalkbrenner. Der DJ und Musikproduzent ist im Bezirk aufgewachsen. Aus Lichtenberg in die Welt – davon träumt auch die Crossoverband Kafvka. Noch aber frickeln die vier Männer in einem ehemaligen Lager an ihren Songs herum, ganz in der Nähe des Landschaftsparks Herzberge. Ihren Proberaum bezeichnen sie, wie viele andere Bands auch, als „zweites Wohnzimmer“, weil hier nicht nur geprobt wird, sondern auch gelebt, getrunken und gelacht. Nur übernachten darf man in Proberäumen selten.

Eine kleine Bezirksmusik. Das Team der Bar „Zum Schwalbenschwanz“ um Florian Falkenhagen (re.) macht was Neues im Weitlingkiez. Foto: Thilo Rückeis
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Mit den Worten „Lichtenberg Lichtenberg“ beginnt einer der Songs von Kafvka. Eine Persiflage auf ein Lied der Beatsteaks, in dem es „Kreuzberg Kreuzberg“ heißt. „90er-Kids. Rap. Gitarre. Beats. Und Politik.“ So beschreibt sich die Band selbst. „Ohne politische Statements wäre Musik langweilig“, meint Drummer Stephan, der in Lichtenberg aufgewachsen ist. Im Bezirk sei schon Vieles besser geworden, es sei hier immerhin keine Nazi-Hochburg mehr, die Bomberjacken sind verschwunden. Dennoch machen Kafvka Lieder gegen Alltagsrassismus. Keine Texte über Liebeskummer, keine Balladen, sondern „Crossover ins Gesicht“ soll es sein.

Auf der Fête de la Musique wird die Band nicht spielen, sie hat einen Gig in Braunschweig. Ohnehin ist Kafvka erst ein Mal in Lichtenberg aufgetreten – früher im Jugendclub Linse, gleich hinter dem Theater an der Parkaue. „Wo sollten wir hier auch spielen?“, fragt Bassist Phil. In Lichtenberg, da wird geprobt.

Ein großer Technoclub und viel Subkultur

Was in Lichtenberg fehlt, sagt Fête-Kurator Björn Döring, sei der klassische Rockschuppen. Auch Bürgermeister Michael Grunst (Linke) findet, sein Bezirk könnte mehr Orte für Musikveranstaltungen vertragen. Für Jazz-Fans gibt es schon seit den 60er Jahren das Kesselhaus in der Herzbergstraße oder das Kulturhaus Karlshorst. Die Linse war einer von zwei Orten, in denen zu DDR-Zeiten in Lichtenberg oppositionelle Musik gespielt wurde, erzählt Grunst. Der zweite Ort ist die Kirche am Nöldnerplatz. Der Bezirk habe eine lange Underground-Tradition.

Obwohl: Einer der bekanntesten Berliner Electroclubs, das Sisyphos, liegt im Bezirk. Auch in die „Rummels Bucht“ strömen jedes Wochenende Technofans. Beide Locations befinden sich im Lichtenberger Ortsteil Rummelsburg, der von seiner Nähe zur Partyzone am Ostkreuz profitiert. Um die Ecke, im Wiesenweg, befinden sich vier weitere Technoschuppen, darunter das Void und das Polygon – dort war früher der Club Kosmonaut, seit Anfang 2018 hat er den neuen Namen und neue Betreiber.

Hier in der Victoriastadt nahe dem S-Bahnhof Lichtenberg haben sich Künstler in den BLO-Ateliers niedergelassen, ein paar Musiker sind auch darunter. Ab und zu finden Konzerte statt. Weiter nördlich im Bezirk, in der Herzbergstraße, gibt es ein weiteres Proberaumhaus, ein goldbraun schimmerndes Gebäude, vor der Wende beherbergte es Büros.

Die ganze Straße ist gespickt mit Ateliers und Proberäumen. Und so gibt es heute neue Zentren der Subkultur im Bezirk – wohl auch, weil innerhalb des S-Bahnrings dafür kein Platz mehr ist. Die Veranstalter der Fête de la Musique vergleichen die Lichtenberger Kreativquartiere sogar mit dem legendären Künstlerhaus Tacheles in Mitte. Dazu passt, dass einstige Tacheles-Gründer mit der „Kulturbotschaft“ in der Herzbergstraße gerade etwas Neues aufbauen. Kunst, Musik, Gewerbe an einem Ort.

Festivalmacher eröffnen Kiezbar

Auch die Bar Zum Schwalbenschwanz ist etwas Neues, etwas Besonderes. Sie liegt im Weitlingkiez, südlich des S-Bahnhofs Lichtenberg, eröffnet von Leuten, die auch das Elektrofestival Wilde Möhre veranstalten. Hier gibt es wöchentlich Konzerte und offene Bühnen, gespielt wird alles, von Rock bis Jazz. Seit vier Jahren haben sie ihr Festival-Büro in Lichtenberg und bemerkten, dass viele Möhre-Besucher in Lichtenberg wohnen. „Nach Feierabend wussten wir hier gar nicht, wo wir hingehen sollten und mussten immer nach Kreuzberg fahren, um noch ein Bier zu trinken“, erklärt Florian Falkenhagen. So entstand die Idee, eine Kulturkneipe aufzumachen und den Bezirk als Standort zu unterstützen.

Zur Fête wird im Schwalbenschwanz auch Anoki auftreten. Danach ist die Weltmusik-Band Ivy dran. Die zwei Musiker haben ihren Proberaum nur wenige Treppenstufen unter ihrer Wohnung in Kreuzberg. Sie sprechen selbst von einem enormen Glücksfall, denn zum Proben müssen sie nicht weit fahren. „Viele andere Musiker aus Kiezen innerhalb des S-Bahn-Rings pendeln zum Üben oder Aufnehmen nach Lichtenberg“, erzählt Sängerin Yvy. Zur Fête pendelt nun mal das Publikum nach Lichtenberg.

Tipps für den Bezirk

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28 Veranstaltungen zählt das offizielle Fête-Programm in Lichtenberg. Beim Auftaktabend am Mittwoch im Theater an der Parkaue (18 bis 23 Uhr) sind unter anderem die Busker-Swing-Band Fainschmitz aus Österreich und die südafrikanische Sängerin Adelle Nqueto dabei, der Eintritt ist frei. In der Bar Zum Schwalbenschwanz (Margaretenstraße 22) geht’s tags darauf um 19.30 Uhr los: Soul und R’n’B von Yvy, elektronische Klänge von Ant Antic, Hip Hop von Anoki. Im Kesselhaus (Herzbergstraße 79) tritt das Jazzduo Helmut Engel & Roberto Badoglio um 18.30 Uhr auf. Im Club Rummels Bucht am Paul- und Paula-Ufer geht es ab 18 Uhr mit Samba und jüdischem Klezmer los. Auf der Bühne der BLO-Ateliers, Kaskelstraße 55, gibt es gleichzeitig Sixties-Sounds und mehr. Die Tipps für alle anderen Bezirke finden Sie hier.

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